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Eckernförder Zeitung

06. Dezember 2016 | 13:17 Uhr

Gesundheit : Aktives Leben mit Kunstherz

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

65-jähriger Kunstherzpatient steigert Lebensqualität in der Rehabilitation / Reha-Angebot wird entsprechend neuer Standards ausgebaut

Damp | Mit zügigen Schritten und den Nordic Walking Stöcken an der Seite ist Manfred Laugwitz im Ostseebad Damp unterwegs. Vor wenigen Wochen noch bewegte sich der 65-jährige Hamburger mit einem Elektroscooter. Viel Bewegung schaffte er nicht. Er bekam im Juli 2012 in der Uniklinik Kiel ein künstliches Herz, ein sogenanntes Linksherzunterstützungssystem (VAD, ventricular assist device) implantiert.

„Das ist eine super Leistung“, sagt Physiotherapeutin Ute Johannsen, die Laugwitz in den letzten Wochen während seiner Rehabilitationszeit in der Helios Rehaklinik Damp mitbetreute. Und auch Laugwitz ist begeistert, wie sich seine Lebensqualität und seine Fitness verbesserten. „Ich nehme hier ganz viel mit, vor allem richtig bewegen“, sagt er und ist froh, sich 2012 für ein künstliches Herz und gegen ein echtes Organ entschieden zu haben.

Laugwitz merkte ab etwa 2006, dass er deutlich an Kraft und Vitalität verlor, dass ihm normales Gehen zu anstrengend wurde. Bis 2011 hielt er durch, dann machte das Herz Probleme. Er bekam einen Herzschrittmacher und als er nach der Operation aufwachte, erfuhr er, dass er sich direkt in der Kieler Uniklinik in der Kardiologie melden solle. Er brauche ein neues Herz, hieß es. Dessen Leistungsfähigkeit war auf rund zwölf Prozent gesunken.

In Kiel lernte er Dr. Andrea Milz (Foto) kennen. Sie ist Kardiologin und betreut Patienten mit Herzinsuffizienz (Herzschwäche), mit Kunstherzen und Transplantaten. Die Oberärztin ist seit März 2015 wieder in der Rehaklinik Damp tätig, nachdem sie zuvor in der Uniklinik Kiel und von 2009 bis 2011 erstmals in Damp war. Die Herzschwäche nimmt zu in Deutschland, sagt sie. Jährlich erkranken rund 330  000 Menschen daran. Sind die Patienten mit Medikamenten austherapiert, stellt sich ihnen die Frage – Organtransplantation oder Kunstherz?

Für den Hamburger war das keine Frage. „Auf ein Spenderherz zu warten, kann lange dauern“, sagt er. Außerdem werde ihm zu viel Aufhebens um ein menschliches Spenderorgan gemacht, so dass er sich nach einem halben Jahr Bedenkzeit für das VAD entschied. So hatte er keine Wartezeit, musste nach der Operation nicht monatelang steril leben und brauchte deutlich weniger Medikamente.

Nach dem Eingriff Mitte 2012 sei er sehr schwach gewesen „die OP war der Hammer“, sagt er. Ganz langsam nur merkte er eine Verbesserung. Dennoch musste er Gehen erlernen, nutze einen Rollator und lernte mit seiner Maschine zu leben. „Die gehört zu mir“, sagt er. Bei dem rund fünfstündigen Eingriff war ihm eine kleine, rund 160 Gramm schwere Pumpe an die linke Herzkammer angesetzt worden. Über einen Saugstutzen zieht sie Blut aus der Kammer und pumpt es oberhalb des Herzens in die Aorta. Die Herzkammer, die selber nicht mehr richtig das Blut pumpen kann, wird überbrückt. Entlastet wird so vor allem die intakte Kammer, die an der Leistungsgrenze arbeitete. „Sie hat sich wieder normal entwickelt“, sagt Dr. Milz. Zugleich wird der Körper wieder ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt, so dass die Schwäche schwindet. Durch den permanenten Saugvorgang fällt der Puls weg und auch der Blutdruck ist nicht mehr messbar. Über ein Elektrokabel durch die Bauchdecke wird die Steuereinheit mit der Pumpe verbunden. Dort wird die Pumpmenge eingestellt – wie beim gesunden Herzen in der Regel bei sechs Liter in der Minute. Als Stromversorgung dienen zwei Akkus, die Laugwitz mit der Steuereinheit in Taschen um die Hüfte trägt. Die Akkus halten rund acht Stunden. Nachts ist er an die Steckdose angeschlossen, um immer eine sichere und doppelte Stromversorgung zu gewährleisten. Fällt die Pumpe aus, geht es dem Patienten schlecht und es kann zur Verklebung der Pumpenmechanik und Thrombosen kommen, ergänzt Dr. Milz.

In Damp gab es bislang eine Handvoll Rehapatienten mit VAD. Die Mitarbeiter sind im Umgang mit den heutigen „Exoten“ geschult. Es werde aber langsam mehr, was auch daran liege, dass ein Umdenken bei Kardiologen und Herzchirurgen einsetze, so Dr. Milz. Sie ist Mitglied des Arbeitskreises VAD, der Rehabilitationsstandards veröffentlichte. Zudem sinkt die Zahl der Herztransplantationen stark. In 2014 waren bei Eurotransplant 858 Patienten geführt, für die aber nur 409 Herzen zur Verfügung standen, wobei nicht alle Herzen einen passenden Empfänger bekamen, berichtet Dr. Milz.

Daher sei ein VAD in vielen Fällen eine Brücke zum Spenderherz oder eine Dauerlösung. 2014 wurden in Deutschland rund 1000 VAD operiert, bei 40 Prozent als Dauerlösung, berichtet die Oberärztin. Die Überlebensrate in den ersten fünf Jahren liege wie beim Transplantat bei 80 Prozent. Inzwischen werden auch schon Pumpen ausgetauscht, da ihre Haltbarkeit bei fünf bis acht Jahren liegt.

In der Reha lernte Laugwitz nicht nur Nordic Walking Light kennen, sondern auch viele andere Übungen, um im Alltag seine Lebensqualität zu erhalten. So hat er schon gelernt, wieder seinen Rücksack mit der Fotoausrüstung zu tragen und auch in Maßen querfeldein zu gehen. „Ich gehe da positiv ran und will anderen Mut machen“, sagt Laugwitz. Zuhause haben seine Kinder ihm schon ein Ergometer hingestellt, damit er schön in Übung bleibt.

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erstellt am 22.Jul.2016 | 06:00 Uhr

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