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Eckernförder Zeitung

11. Dezember 2016 | 09:05 Uhr

Pfadfinder unterwegs : 240 Pfadfinder im Paradies des frommen Grafen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Sommerzeltlager der evangelischen Gemeindepfadfinder am Schaalsee.

Gettorf | 240 Pfadfinder der Stämme Gettorf, Osdorf, Dänischenhagen, Elmshorn, Schenefeld und der Kieler Apostelgemeinde gestalteten ihr diesjähriges Sommerlager auf der Insel Kampenwerder im Schaalsee.

Mittagessen kochen im Zelt für 240 Leute: Ein erfahrenes ehrenamtliches Team stemmt diese Aufgabe mit Bravour. Ein Teilnehmer antwortet auf die Frage, ob er Heimweh habe: „Nein, denn hier gibt es so gutes Essen.“ Lauch-Hack-Suppe gibt es an diesem Tag. 700 Frikadellen haben die Köche am Tag vorher hergestellt. Für eine andere Mahlzeit wurden 47 Kilogramm Gyros in der Zeltküche verarbeitet.

Der Lagerplatz mitten im Biosphärenreservat Schaalsee ist Idylle pur. Ein Seeadler kreist über dem Platz als die 240 Pfadfinder Gottesdienst feiern. Um Petrus und seinen großen Fischzug geht es an dem Vormittag, um seine Schritte im Glauben an Jesus und was das alles mit den Menschen heute zu tun hat. Tobias Graf von Bernstorff, der Inselbesitzer, erzählt von seinem Großonkel, Albrecht Graf von Bernstorff, der hier lebte und als Widerstandskämpfer kurz vor Kriegsende von der SS ermordet wurde. Und er erzählt im Interview mit Pastor Frank Boysen von seinem wechselvollen Lebens- und Glaubensweg. Als Jugendlicher habe er seinen Glauben verloren. Vieles habe er ausprobiert, sich zwischendurch auch mit New Age beschäftigt. Gefunden habe er aber nicht, wonach er suchte.

Nach dem Studium ging er nach London. Ein Freund lud ihn jede Woche in seine Gemeinde ein. Nach einem Jahr folgte er seiner Einladung um endlich seine Ruhe zu haben. In dieser anglikanischen Gemeinde habe er seinen Glauben wiedergefunden.

Idyllisch war es hier am Schaalsee aber nicht immer. Mitten über die Insel verlief die deutsch-deutsche Grenze. Sperrgebiet. Im Herrenhaus bildete die Stasi Grenzaufklärer aus. Der Todesstreifen befand sich am „DDR-Ufer“ des Sees. 1993 erhielt Andreas Viktor Graf von Bernstorff als Erbe des von den Nazis ermordeten Onkels den alten Familienbesitz zurück. Einfach war der Neustart nicht. „Mein Vater musste die Rückübertragung dreimal beantragen, weil die Anträge jedes Mal verschwunden waren. Der damalige Bürgermeister – ein alter Politoffizier der NVA (Nationale Volksarmee) – verhängte ein Ortsverbot gegen meine Familie“, so Tobias Graf von Bernstorff. Doch sie kamen trotzdem und engagierten sich für den Ort. Das wurde von den Menschen wahrgenommen. Der alte Bürgermeister wurde nicht mehr wiedergewählt. Die Gräfin wurde in den Kirchengemeinderat und zur stellvertretenden Bürgermeisterin gewählt. Heute ist sie zu alt, um hier allein leben zu können. Ihr Sohn kommt mit seiner Frau jeden Monat einmal her, um nach dem Rechten zu sehen. Sie verbringen jeden Urlaub hier. Im Ruhestand wollen sie ganz am Schaalsee leben.

In diesem Sommer haben zum dritten Mal christliche Pfadfinder die Viehweide des Grafen für ein Lager in Beschlag genommen. Dieses Lager ist das bisher größte. Die Stimmung ist hervorragend. Heimweh hat keiner, obwohl hier Handys tabu sind und einige der Jüngsten noch nie so lange allein von zu Hause weg waren. Ein gut vorbereitetes, abwechslungsreiches Programm mit Bibel, Abenteuer und Liedern am Lagerfeuer, mit Mitarbeitern, die sich um die Kinder kümmern und viel Freiraum zum Selbstgestalten, mit der Möglichkeit, neue Freunde kennen zu lernen und einer guten Gemeinschaft – diese Mischung macht es. Sie kommt gut an. Zum Abschied gibt es Tränen, erzählt Pastor Boysen später. Die Kinder wären gerne noch geblieben oder wenigstens ganz schnell wieder hingefahren. Nächstes Jahr gibt es wieder ein Sommerlager.

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