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Jürgen Detlef Röhrig : 100. Geburtstag in der „Puppenstube“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Jürgen Detlef Röhrig lebt seit 20 Jahren in seinem kleinen Haus direkt am Strand. Sein Leben verbrachte er zuvor auf dem Bau und auf dem Wasser.

Eckernförde | Baufachleute aufgepasst: „Die Rader Hochbrücke musste kaputtgehen, weil der Kies für guten Beton gefehlt hat“. Das sagt einer, der sich auskennt – Bauingenieur Jürgen Detlef Röhrig. Dieses Wissen gehe heute so manchem Bauleiter ab, sagt Röhrig, der festgestellt hat, das wichtige Erkenntnisse über die Herstellung haltbaren Betons im Falle der Hochbrücke jedenfalls nicht vorlagen, sonst wären sie angewandt worden und es gäbe nicht solche Probleme. Er sagt das, obwohl es ihm eigentlich egal sein könnte, denn Röhrig ist schon 35 Jahre lang im Ruhestand und feiert heute seinen 100. Geburtstag.

„Rot im Auge wird das Weiße, 100 Jahre werden, das ist scheiße“, platzt es aus ihm heraus. Jürgen Röhrig ist auch ein Meister der Reime, schlagfertig und gewitzt dazu. Was er immer wieder auch als ältestes Mitglied der EZ-Seniorenredaktion unter Beweis stellt. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin Elisabeth „Ebeth“ Hrynacz seit vielen Jahren ganz nah an dem Element, dass er am meisten liebt – dem Wasser. In Kiekut bewohnt das Paar eines der klitzekleinen Strandhäuser, und fühlt sich dort sehr wohl. Der Ofen spendet reichlich Wärme, kleines Bad, kleine Küche, kleines Schlafzimmer, Hund Wuschel liegt an Herrchens Seite neben dem Sessel, Partner Elisabeth sitz vorn in der Mini-Veranda mit unverbaubarem Blick auf die Ostsee, vor der Tür der Strand statt eines Fußwegs. Nebenan wohnt Röhrigs Tochter Renate, die sich um ihren Vater kümmert und seiner auch schon 91-jährigen Partnerin bei der Pflege und Hausarbeit zur Hand geht. Elisabeth Hrynacz ist Röhrigs zweite Frau. Nach der Trennung von seiner ersten Frau im Jahr 1992 nach 50 Ehejahren hat die frühere Kinderfrau der vier Töchter des Ehepaares nun den Platz an seiner Seite eingenommen. Zuvor hatte sie 20 Jahre mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann in Nottingham gelebt. So spielt das Leben.

Das von Jürgen Röhrig fing vor 100 Jahren in Schleswig an. Sein Vater bestimmte: Sohn Jürgen wurde Schmied. Nach der Lehre ging’s nach Görlitz auf die Baugewerkeschule, die er als Bauingenieur verließ. Und er hatte durch seine Vorfahren, die alle Seeleute und auf See geblieben sind, auch Salzwasser in den Adern. „De wart Kaptain“, hat seine Mutter prophezeit. So kam’s zwar nicht, doch schon im Zweiten Weltkrieg wurde Röhrig Kommandant eines Sturmbootes mit fünf Mann Besatzung, war am Ärmelkanal und in Russland unterwegs, kam von Juni 1945 bis September 1946 in belgische Kriegsgefangenschaft und lag dort Seite an Seite mit Helmut Schmidt, dem späteren Hamburger Bürgermeister und Bundeskanzler. „Ich habe vergeblich versucht, ihn im Schach zu schlagen“, sagt Jürgen Röhrig. Ansonsten haben die beiden viel miteinander geredet, sich später aber nie wieder gesehen. Nach dem Krieg arbeitete er bei Mannesmann in Düsseldorf, später bei Thyssen, er kam viel herum, war auf vielen Baustellen zuhause. Die letzte führte ihn als Bauleiter nach Hamburg, Bahnhof Dammtor. Thyssen holte ihn noch einmal aus dem Ruhestand zurück, um den Ausbau weiter zu begleiten.

Seine Passion aber waren die Schiffe. Er kaufte den abgetakelten Dreimaster „Senator Brockes“, steckte viel Arbeit und Geld hinein, um es in Kiel wieder flott zu machen und es als Schulschiff für Kinder und Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen zu nutzen. Irgendwann musste Röhrig sich eingestehen, dass er das allein nicht schaffen würdet und verkaufte es schweren Herzen nach Holland, wo es heute als Passagierschiff „Europa“ fährt und „aussieht wie die Gorch Fock“. Bevor er in Kiekut bei Eckernförde sesshaft wurde, lebte Jürgen Röhrig 15 Jahre an Bord des ehemaligen Eisbrechers „Möwensteert“ im Rendsburger Obereiderhafen. Auch dieses Schiff hat er ins Ausland verkauft, nach Italien an die Uni Triest.

Auf Kiekut ist Röhrig durch die Verwandtschaft und Urlaube auf dem Campingplatz Robinson Club in Altenhof aufmerksam geworden. Er mietete eines der kleinen Ferienhäuschen, die damals der Stadt und nach dem Verkauf im Jahr 1998 der Gutsfamilie von Bethmann-Hollweg gehören, und lebt dort seit 20 Jahren. „Meine Puppenstube“, sagt er.

Heute empfängt er dort seine Familie. Vier Töchter, sechs Enkel, ein Urenkel (der zweite kommt im Mai zur Welt) und seine Schwester – alle mit Anhang. Er dürfte eng werden, aber sehr herzlich zugehen. Und Jürgen Röhrig wird viele aufmunternde Worte und Geschenke bekommen. Sein größer Wunsch aber dürfte unerfüllt bleiben: einmal wieder aus dem Sessel aufstehen und am Strand spazieren gehen. Diese Freude ist ihm nicht mehr vergönnt. Aber eines ist sicher: Jürgen Röhrig wird ein anderes Pläsier finden.

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erstellt am 18.Mär.2017 | 06:13 Uhr

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