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Lokales

05. Dezember 2016 | 17:46 Uhr

Besuch im Feuerwehrmuseum Norderstedt : „Das vielleicht am meisten unterschätzte Museum in Schleswig-Holstein“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Plambeck-Halle in Norderstedt beherbergt historische Hightech-Wunder. Jährlich kommen 30.000 Besucher.

Wer die Plambeck-Halle betritt, sieht rot. Feuerwehrrot. Eng an eng stehend Dutzende Feuerwehrwagen. Ein intensiver Geruch von Öl und Diesel liegt in der Luft. Fast scheint es, als könnten die startklar wirkenden Fahrzeuge beim ersten Alarm durch die große Toreinfahrt sofort zum Brandort rasen und Hilfe leisten. Dabei sind die Feuerwehrfahrzeuge ein Herzstück des Feuerwehrmuseums Schleswig-Holstein in Norderstedt. Aber sie könnten. Denn fast alle Wagen der Sammlung wie Schaumtank-, Schlauch- oder Leiterwagen sind startklar und funktionsfähig. Darunter ein einzigartiges Exemplar, auf das Museumsleiter Hajo Brandenburg besonders stolz ist: „Wir besitzen das älteste fahrbereite Feuerwehrfahrzeug zwischen Ostsee und Nordsee – der aus Heiligenhafen in Ostholstein zu uns gekommene Opel Blitz von 1939 hat sogar frischen TÜV und HU.“ Der Aufbau stammt von der Firma Koebe bei Berlin. Dreißig Jahre war das Fahrzeug an der Ostsee bis 1970 im Einsatz.

Museumsleiter Hajo Brandenburg ist stolz auf jedes seiner Exponate.
Museumsleiter Hajo Brandenburg ist stolz auf jedes seiner Exponate. Foto: Christoph Schuhmann
 

Der Opel mit seinen 2,5 Litern Hubraum und kompletter Mannschaftsausstattung ist längst nicht das einzige Highlight des vor knapp 30 Jahren gegründeten Museums, dessen Grundstock die Exponate des 1988 geschlossenen privaten Feuerwehrmuseums in Neumünster bilden. Die insgesamt drei Hallen des „vielleicht am meisten unterschätzten Museums in Schleswig-Holstein“, so der promovierte Historiker Brandenburg, versammeln auf 2300 Quadratmetern rund 50 Feuerwehrfahrzeuge aller Epochen – von den Anfängen der Lösch- und Rettungstechnik mit Handdruck- und Dampfdruckspritzen bis zum erst kürzlich außer Dienst gestellten Mannschaftsbus der Feuerwehr Hamburg, der auch bei der Fußball-Europameisterschaft 2006 im Einsatz war. Jüngste Erwerbung ist ein Feuerwehrmotorrad; es wird derzeit von den 30 ehrenamtlichen Kfz-Mechanikern und Helfern wieder „flott“ gemacht.

Historische Fahrzeuge und Dioramen

Doch auch so kommen kleine und große Technik- und Feuerwehrfans zwischen den beeindruckenden Einsatzwagen von Mercedes, Magirus und anderen wichtigen Herstellern aus dem Staunen kaum heraus. Viele der leuchtend roten Rettungswagen etwa aus den 1970er oder 80er Jahren kennen auch Jüngere noch – die teuren Spezialfahrzeuge sind besonders bei Freiwilligen Feuerwehren nicht selten Jahrzehnte, ja ein halbes Jahrhundert im Einsatz.

Nicht nur Fahrzeuge – gezeigt wird alles rund ums Feuerwehrwesen.
Nicht nur Fahrzeuge – gezeigt wird alles rund ums Feuerwehrwesen. Foto: Christoph Schuhmann
 

Faszinierend ist auch zu sehen, welchen Stand bereits die historische Technik hatte: Die von Pferden gezogene Handdruckspritze von 1754 zum Beispiel war seinerzeit Hightech. Ältestes Originalstück ist ein Löscheimer von 1639. Beeindrucken kann auch die als Nachbau zu sehende Schutenspritze, ein Vorläufer der heutigen Löschboote im Hamburger Hafen, mit der sechs Witt-, also Weißkittel gefährlichen Unfällen als Löschmannschaft zu Leibe rückten. Hautnah nachvollziehen lassen sich zudem Rettung und Bergung nach einem Verkehrsunfall mit Spezialwerkzeug wie Spreizer und Schere.

Besonders stolz ist Museumschef Brandenburg auf die erst seit diesem Jahr zu sehende neue Attraktion des Hauses, die Sammlung Gerlach: 70 Jahre lang arbeitete Emil Gerlach (1893-1982) an seinen 100 Modellen, die die norddeutsche Geschichte des Löschwesens vom Mittelalter bis in die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen. Der Hamburger fertigte seine Dioramen in der Freizeit nach zeitgenössischen Stichen, Fotos oder Originalzeichnungen im Maßstab 1:30 mit mehr als 600 handgeschnitzten und bemalten Holzfiguren und 100 Gebäude- und Fahrzeugmodellen an. Dass selbst die beiden Eisenbahnanlagen des Museums in den Maßstäben 1:87 und 1:32 Feuerwehreinsätze wie beispielsweise die Löschung eines brennenden Finanzamtes zeigen, kann da nicht mehr überraschen.

Die Feuerwehr begeistert – groß und klein. Hier: Blechspielzeug von Maerklin, um 1900.
Die Feuerwehr begeistert – groß und klein. Hier: Blechspielzeug von Maerklin, um 1900. Foto: Christoph Schuhmann
 

Abgerundet wird die Museumssammlung von Uniformen aus der Zeit von 1860 bis 1960 sowie Feuerwehrhelmen aus aller Welt. Kein Wunder, dass das Feuerwehrmuseum Schleswig-Holstein mit rund 30.000 Gästen jährlich Hoch in der Besuchergunst liegt.

Seltener als ein Ferrari

In der Plambeck-Halle steht auch ein offiziell als „Schaumtankfahrzeug“ bezeichneter Wagen, der bis 1996 bei der Freiwilligen Feuerwehr Brunsbüttel treue Dienste leistete. Das 1967 gebaute Fahrzeug ist in dem Norderstedter Museum nicht nur das jüngste Feuerwehrfahrzeug – der Mercedes-Benz-Lkw mit Aufbau des Spezialisten Bachert ist als letztes von nur sieben baugleichen auch das weltweit einzige seiner Art und darum besonders wertvoll. „Ich sage deshalb immer: Unsere Exponate sind rot wie ein Ferrari – zwar nicht so teuer, dafür aber viel seltener.“ So beeindruckend die Sammlung auch ist – der Museumsleiter hat immer noch Träume: „Es fehlen auf jeden Fall noch ein Krankenwagen und ein Flughafen-Feuerwehrwagen.“

Das ist (noch) Zukunftsmusik. Doch Stillstand soll es im Feuerwehrmuseum Schleswig-Holstein nicht geben. Darum stehen bereits jetz die Sonderausstellungen für die kommenden Saisons fest: Im kommenden Jahr plant Brandenburg Themenausstellungen zu Carrera und Barbie. Und 2018 soll sich dann alles um Fischertechnik drehen.

Träger des Feuerwehrmuseums Schleswig-Holstein ist der 1987 gegründete Förderverein Feuerwehrmuseum Hof Lüdemann e.V. mit seinen rund 340 Mitgliedern. Seit 1990 ist das landesweit einmalige Museum im 200 Jahre alten Bauernhof Lüdemann im Zentrum Norderstedts Zuhause. Neben zahlreichen Unikaten der Sammlung gehört auch die öffentlich zugängliche Bibliothek mit 14.000 Büchern rund um das Thema Feuer und Löschen zu den Höhepunkten. Das Feuerwehrmuseum ist ganzjährig geöffnet. Von Mittwoch bis Sonnabend von 15 bis 18 Uhr, am Sonntag von 11 bis 18 Uhr. An Feiertagen ist geschlossen. Nächstes Besucherhighlight ist der 4. Weihnachtsmarkt der Kunsthandwerker vom 9. bis zum 11. Dezember 2016.
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erstellt am 27.Nov.2016 | 17:28 Uhr

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