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Lokales

26. September 2016 | 15:55 Uhr

Kriegserlebnisse : Briefe aus dem Trommelfeuer

vom
Aus der Redaktion des Nordfriesland Tageblatt

Nis Bendix Melfsen, geboren am 15. Oktober 1896 auf dem Wilhelminenhof im Neuen Christian-Albrechts-Koog, zog freiwillig 1914 in den Krieg für sein Vaterland.

1916 – vor hundert Jahren – erlebte Nis Bendix Melfsen die Schlacht bei Verdun. Seinen Alltag an der Front beschrieb er in insgesamt 260 Feldpostbriefen. Die Dokumente schlummerten jahrzehntelang in einem Sekretär, bis sie sein Großneffe Karl-Sax Feddersen aus Husum entdeckte und jetzt aufarbeitete. Auszüge aus den Briefen eines Offiziers im Ersten Weltkrieg, der bis zu seinem Tod im April 1918 immer auch das Kind seiner nordfriesischen Heimat blieb.

 

14.  9.  1914: „Liebe Eltern! Gestern sind August und ich eingekleidet worden. Aber Uniformen sind uns in die Hand gedrückt worden, dass es einfach grauenhaft ist. [...] Stiefel haben wir überhaupt nicht bekommen. Infolgedessen haben wir uns selbst ein Paar gekauft (15,50 Mark). Die Hosen hatten vom Knie ein großes Loch, was ich so gut wie es ging zugenäht habe. [...]. Wir sind jetzt neu eingestuft. Die Kriegsfreiwilligen sind für sich. Es sind ganz nette und zum Teil gebildete Leute. Studenten, etc. Heute haben wir zum ersten Mal am Geschütz exerziert. [...] In 6-8 Wochen sollen wir ausgebildet sein. Dann geht es an den Feind.“

 

17. 3.  1915: „Endlich, endlich geht es los. Wir sind um 7 Uhr weggefahren und jetzt bereits in Elmshorn. Wir alle sind sehr fidel und guten Muts. Eben singen wir: „Muss i denn, muss i denn...“. Hoffentlich geht es nach Frankreich. Wir wollen sie schon hauen.“

 

9.  4.  1915: „Liebe Eltern! Heute habe ich eure ersten Pakete erhalten. Die Wurst, Tabak und Briefpapier. Gestern, den 8. April, sind wir in Feuerstellung gekommen in der Nähe von Somme-Py. [...] Ein richtiges Gefecht haben wir noch nicht gehabt. Es ist ein richtiger Stellungskrieg.“

 

16.  4.  1915: „Liebe Großeltern! Gestern Nacht haben wir geschossen. Es sollte ein französischer Graben gesprengt werden, was auch geschehen ist. Nachdem ging unsere Infanterie vor und nahm zwei feindliche Gräben, wobei es 100 Gefangene und viele Tote und Verwundete gab. [...] Mir geht es ganz gut. Nur bin ich von Läusen, und zwar Kleiderläusen, befallen. Ich glaubte, es gäbe diese Biester nur in Russland, da habe ich mich aber gründlich geirrt.“

 

17.  5.  1915: „Liebe Eltern! [...] Heute erhielt ich Paket Nr. 30, dessen Inhalt ich leider nicht mit Sicherheit entziffern konnte, da er vollständig verschimmelt war. Es schien mir Makkaroni-Pudding zu sein. Kann das stimmen? Es ist schon vom 30. April unterwegs. “

 

27.  5.  1915: „Vater fragt mich, ob ich gerne mal Urlaub hätte und vielleicht auch bekommen könnte. Oft denke ich an zu Hause. Hier draußen, wo man sozusagen von der Welt abgeschnitten ist, weiß man zu schätzen, wie schön und gut es zu Hause ist. Nun sollt ihr nicht aus diesen Worten schließen, dass ich nicht mehr gern im Felde bin. O doch! Bis jetzt bin ich ein begeisterter Soldat und Krieger, und dafür treten die persönlichen Wünsche in den Hintergrund. Vor einigen Tagen hörte ich aber, dass wir Unterprimaner im Juni oder Juli unser Abitur machen könnten. Wisst ihr etwas darüber? [...] Für diesen Zweck würde ich natürlich Urlaub bewilligt bekommen.“

 

28.  2.  1916: „Wieder ist ein Tag vorbei. Man kann aber wohl sagen, dass für die Westfront gerade in dieser Zeit jeder einzelne Tag sehr bedeutungsvoll ist. Vor Verdun sind bis jetzt 15  000 Mann gefangen genommen, mehrere Forts gefallen und viel Kriegsmaterial erbeutet. Wahrlich ein schöner Erfolg, der noch größer werden wird von Tag zu Tag, der aber vor allem zeigt, dass wir noch dreschen können, wenn wir wollen und wohl noch dieselbe Stoßkraft besitzen wie zu Anfang. [...] Ich glaube, das ist der Wunsch jedes einzelnen Soldaten hier, sofern er nicht sein kleines Leben lieber hat als das Wohl seines Vaterlandes, das seinen Nachkommen eine feste und gesicherte Heimat sein soll. Ihr könnt aber glauben, dass der weitaus kleinere Teil sein eigenes Leben vor setzt! Sonst wäre er ein Feigling! Und Memmen gibt es bekanntlich nicht im deutschen Heer. Also hoffen wir alle, dass wir bald gen Paris marschieren können und den Franzosen den Fuß auf den Nacken setzen können!“

 

29.  7.  1916: „Meine lieben Eltern! Für euren letzten Brief meinen herzlichsten Dank. Dass der Kragen Mutter gefällt, freut mich sehr. Es sind echte Brüsseler Spitzen. Auch für die Butter und die letzten Konserven meinen herzlichsten Dank. [...] Hier vorne bei der Infanterie gefällt es mir sehr gut. Es ist hier jetzt sehr ruhig. Man sollte kaum glauben, dass wir hier noch vor wenigen Wochen schwere Kämpfe hatten, wenn nicht das ganze Gelände dafür sprechen würde. Es ist ein großer Granattrichter neben dem anderen. Überall zerschossene Unterstände aus denen die Balken gen Himmel schauen. Teilweise liegen viele Soldaten darunter begraben, sowohl Freund wie Feind. [...] Furchtbar, nicht wahr! Fast überall beim Vertiefen von Gräben stößt man auf Leichen.“

7.  8.  1916: „Meine liebe, alte Großmutter! Zu deinem Geburtstag sende ich dir die herzlichsten Grüße aus Feindesland. [...] Sollte es denn nicht bald Frieden geben? Ich glaube, jedermann sehnt ihn herbei, aber doch nur unter Bedingungen, wie wir sie stellen und annehmen können. Wenn nicht, dann halten unsere tapferen Truppen gern und willig für ihr Vaterland aus. Davon bin ich sehr überzeugt. Allem Anschein nach werden wir dieses Jahr wohl eine sehr reichliche Ernte haben. Hoffentlich bleibt es noch einige Wochen so gutes Wetter, damit alles geborgen werden kann. Hier, hinter der Front, steht herrliches Korn. Mit Gefangenen sind unsere Leute jetzt eifrig mit der Ernte beschäftigt.“

10.  8.  1916: „Mein lieber Vater! Zu deinem Geburtstag sende ich dir die herzlichsten Glückwünsche. An deinem Geburtstag werde ich wahrscheinlich wieder in Ruhe sein. [...] In Ruhe machen mir beide Pferde Ulli und Giesela sehr viel Spaß. In den letzten Wochen war es freilich so heiß, dass die Pferde gar nicht wussten, wo sie sich vor all den kleinen Fliegen, Bremsen lassen sollten.Gestern machte ich mit meinem Beobachtungs-Offizier und einem meiner Fernsprecher einen kleinen Streifzug in einen alten französischen Graben, der einige 100 Meter hinter meiner Bestellung liegt. Es war ganz interessant, in den verlassenen Unterständen herumzukrabbeln. Es liegen dort sehr viele alte Sachen, die Franz in der Eile nicht mitbekommen hat. Die Leichen waren vollkommen verwest. Nur die Kleidung konnte man noch erkennen. Der eine Franzose hatte seine Arme zur Seite gestreckt. Die Hand war vollkommen weg und unter seinem Arm lag der Kopf, nur noch die Knochen. [...] Wie ich drüber zu kam, sprang gerade eine große Ratte weg. Ist das alles nicht furchtbar!“

12.  8.  1916: „Liebe Großeltern! Augenblicklich bin ich wieder Verbindungsoffizier bei der Infanterie. In der Nähe des Batterie-Stabes, dem ich zugeteilt bin, habe ich mein Scherenfernrohr aufgeschlagen. Von hier aus habe ich einen herrlichen Blick auf Franz (Anmerkung der Redaktion: Frankreich) seine vordersten Gräben. Jeder einzelne Mann ist gut zu sehen, das heißt, natürlich nur, wenn jemand den Kopf über die Deckung steckt. In der ersten Zeit waren die Gräben freilich so flach, dass man dauernd Bewegung darin sah. Während der Zeit war es natürlich am interessantesten. Wenn sich dann irgendwo kleine Ansammlungen zeigten, dann wurde hingeknallt, bis die Kerls mit angstbeschleunigten Schritten woanders ihr Heil suchten. Allmählich sind die Gräben aber so tief gemacht, dass man nicht mehr viele Leute sehen kann. [...] Noch gestern fand einer meiner Telefonisten einen gefallenen französischen Offizier. Neben ihm lag seine Brieftasche und sein Trauring. [...] Ich habe die Sachen zur Weitergabe meiner vorgesetzten Dienststelle weitergegeben. So liegt auch mancher Deutsche, der vielleicht als vermisst geführt wird.“

 

7.  7.  1917: „Meinen Brief, in dem ich euch meine Ernennung zum Batterie-Führer mitteilte, werdet ihr wohl erhalten haben. Damit habe ich für diesen Krieg wohl die für mich höchste erreichbare Stufe erklommen. Ich würde jetzt mit keinem Menschen tauschen, wenn er noch so weit vom Schuss säße. [...] Über die Verluste meiner Batterie schrieb ich euch schon. Es sind fast alles Leute, die seit Anfang des Kriegs im Felde sind. Die Batterie ist ungefähr zwei Stunden vollkommen zusammengeschossen worden. [...] Trotz alledem funkeln den Leuten die Augen, wenn man sie fragt, wie es war und sie sagen, ,Spaß gemacht hat es doch, Herr Leutnant‘.“

 

20.4.1918 (der letzte Brief): „[...] Bis jetzt geht es mir noch recht gut. Freilicht oft recht dicke Luft. Aber das gehört ja nun mal zum Krieg. Grüße an alle, euer Bendix.“

 

23.4.1918 (Auszug aus der Trauerpost eines Vorgesetzten): „Sehr geehrter Herr Melfsen! Ich erfülle die überaus traurige Pflicht, Ihnen den Heldentod Ihres lieben Sohnes mitzuteilen. Am 22. früh in den Morgenstunden ist er in der Feuerstellung gefallen. Er ist gleich tot gewesen und hat nicht mehr gelitten.“

 

 

 

 

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erstellt am 22.Mär.2016 | 07:00 Uhr

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