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Barmstedter Zeitung

10. Dezember 2016 | 10:05 Uhr

Tierpflegerin Annelie Otten : Wolf in Bokholt-Hanredder - eine Expertin gibt Antworten

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Im Kreis Pinneberg wurde ein Wolf gesichtet. Tierpflegerin Annelie Otten erklärt, warum wir so selten Wölfen begegnen.

Bokholt-Hanredder | Die Nachricht über den Wolf im Kreis Pinneberg hat sich in Barmstedt und der Region schnell verbreitet. Genauso schnell tauchten aber auch Fragen auf. Wie wahrscheinlich ist es zum Beispiel, einem Wolf während eines Waldspaziergangs zu begegnen? Eine Frau, die täglich mit den Tieren zu tun hat, ist Annelie Otten. Die 32-Jährige hat ihre Ausbildung zur Zootierpflegerin im Wildpark Eekholt gemacht und im Anschluss daran die Leitung des Säugetierbereichs im Park übernommen und ist damit auch für die Wölfe zuständig. „Natürlich übt der Wolf auch auf mich eine Faszination aus. Diese ist jedoch rein positiv besetzt und ich persönlich begrüße die Anwesenheit dieser Tiere sehr. Ich kann aber auch die Unsicherheit mancher Leute in Verbindung mit dieser Thematik nachvollziehen, die durch zu wenige oder gar falsche Informationen entstehen kann“, sagt sie. Das Interview führte Christian Uthoff.

Frau Otten, wie groß ist das Revier eines Wolfs?
Die Größe eines Territoriums hängt vom Nahrungsangebot ab. In Mitteleuropa kann man pro Wolfsrudel von etwa von 200 bis 300 Quadratkilometern ausgehen. Die Rudelgröße beträgt dabei meist fünf bis zehn Tiere.

Der Kreis Pinneberg ist ja eher dicht besiedelt und wald- beziehungsweise deckungsarm. Ist die Region Ihrer Ansicht nach als Territorium eines Wolfs geeignet oder sind die Tiere eher auf der Durchreise?
Bei allen Wolfsnachweisen, die es bisher in Schleswig-Holstein gab, handelte es sich um durchziehende Einzeltiere. Schleswig-Holstein hat ein sehr dichtes Straßennetz, sodass es für hier lebende Wolfsrudel unvermeidbar wäre, auf ihren Streifzügen mehrfach zum Teil vielbefahrene und breite Straßen zu überqueren. Ob das eine dauerhafte Ansiedlung von Wölfen unmöglich macht, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.

Stellen Wölfe für den Menschen eine Gefahr da?
Übergriffe von Wölfen auf Menschen sind in ganz Europa und Nordamerika sehr selten und passieren – wenn überhaupt – meistens unter sehr speziellen Umständen. Das kann der Fall sein, wenn der Wolf an Tollwut erkrankt ist, wenn man Wölfe in die Enge treibt und wenn Wölfe angefüttert wurden. Deutschland ist seit 2008 aber tollwutfrei. Man sollte Wölfen – wie fast allen Tieren – immer mit Respekt begegnen, da sie potenziell in der Lage sind, einen Menschen zu verletzen. Wie auch Wildschweine sind sie große wehrhafte Wildtiere und man sollte nicht versuchen sie anzulocken oder zu füttern.

Müssen die Menschen ihr Verhalten im Wald verändern? Oder können sie sorglos weiterhin alles das machen, was sie bisher getan haben – wie Joggen oder Pilze zu sammeln?
Meist wird die Anwesenheit eines Wolfes vom Menschen gar nicht erst bemerkt. Die Tiere bemerken uns frühzeitig und ziehen sich still und heimlich zurück. Hat der Wolf uns nicht bemerkt, sollte man Ruhe bewahren und dem Tier die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen. Hundehalter sollten ihre Tiere in Wolfsgebieten anleinen, da Wölfe auf Hunde aggressiv reagieren können.

Wie sollte ich mich verhalten, wenn ich dann doch einem Wolf begegne?
Wolfsbegegnungen sind – wie schon erwähnt – sehr selten, da die Tiere sich in der Regel zurückziehen, bevor man sie bemerkt. Kommt es doch dazu, handelt es sich meist um junge Wölfe die neugieriger und weniger scheu reagieren als alte. Sollte man sich in der Situation unwohl fühlen, macht man sich bemerkbar, zum Beispiel durch Reden, Rufen oder in die Hände Klatschen und geht dabei langsam zurück. Man sollte nicht rennen. Ein junger, neugieriger Wolf könnte das noch spannender finden und einem folgen. Falls der Wolf wider Erwarten folgen sollte, bleibt man stehen und versucht das Tier einzuschüchtern, zum Beispiel, indem man sich groß macht, die Arme hebt, ihn anschreit, auf ihn zugeht und eventuell auch etwas nach ihm wirft. In jedem Fall sollte man die Begegnung melden, etwa der zuständigen Naturschutzbehörde oder auch uns.

Was bewirkt die Nähe des Wolfes zum Menschen?
Schon immer haben Wölfe den Menschen berührt. Sie lösen Emotionen aus, manchmal positive, manchmal negative. Die Reaktionen auf die Anwesenheit des Wolfes sind so unterschiedlich wie die Geschichten, die über sie erzählt werden. Sie gehen von Verteufelung bis zur Verherrlichung. Uns im Wildpark Eekholt zeigt das, wie wichtig und nötig Informationen rund um das Thema Wolf sind. Ein Schwerpunkt in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, die wir hier durchführen, ist es, den Wolf als das darzustellen, was er wirklich ist. Ein scheues Wildtier, dass lange Zeit hier heimisch gewesen ist und es nun wieder wird.

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Tieren gemacht?
Die Wölfe bei uns im Wildpark Eekholt sind alles keine Handaufzuchten. Sie haben sich ihre natürliche Scheu vor dem Menschen bewahrt, sogar unsere älteste Wölfin Lena, die vor 13 Jahren bei uns im Park geboren wurde. Zwar haben die Wölfe sich daran gewöhnt, dass einmal am Tag viele Menschen zu einer bestimmten Zeit am Gehege stehen und einer von Ihnen was erzählt und dabei das Fleisch über den Zaun ins Gehege schmeißt. Aber sobald sich an dieser vertrauten Situation eine Kleinigkeit verändert, ziehen sich alle sofort zurück. Wenn wir uns im Gehege befinden – etwa für Reinigungsarbeiten – bekommen wir keinen einzigen Wolf zu Gesicht. Sie versuchen dann die ganze Zeit so viel Abstand wie möglich zwischen sich und uns zu wahren. Die Wildschweine und Hirsche, der Kranich und das Auerwild sind da um ein vielfaches distanzloser.

Gibt es Fragen über Wölfe, die von den Besuchern des Wildparks immer wieder an Sie herangetragen werden?
Wir werden häufig gefragt wie viele Wölfe es denn nun gerade in Schleswig-Holstein gibt. Und die meisten reagieren völlig überrascht wenn wir dann sagen „Hin und wieder mal ein Tier auf der Durchreise, aber dauerhaft niedergelassen eigentlich gar keine“. Es kommt nur sehr selten zu Begegnungen mit einem Wolf in freier Wildbahn, aber durch die enorme Präsenz des Wolfs in den Medien haben viele Leute das Gefühl sie seien von hunderten von Wölfen umgeben.

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erstellt am 06.Aug.2016 | 10:00 Uhr

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