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Barmstedter Zeitung

11. Dezember 2016 | 05:15 Uhr

Abholzung in Barmstedt : „Wieso ist das jetzt kein Wald mehr?“

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Anwohner sind über Fällungen am Bornkamp fassungslos. Die Behörden sagen aber: Die Eigentümerin handelt rechtmäßig.

„Es krachte und krachte – es tat mir in der Seele weh“, sagt Meike Kaufmann. Die Barmstedterin, die an der Düsterlohe wohnt, ist immer noch entsetzt über die Baumfällarbeiten, die Anfang Oktober auf einem Grundstück am Bornkamp – in ihrer Nachbarschaft – begannen. Auch andere Anwohner waren über das Ausmaß der Fällungen schockiert – und die Interessengemeinschaft (IG) Düsterlohe/Am Forst/Bornkamp, der etwa 20 Anwohner angehören, setzte alle Hebel in Bewegung, um das Abholzen zu verhindern.

Die IG schaltete die Polizei, die Stadt, die Untere Naturschutzbehörde und die Forstbehörde ein. Letztere habe den Baumbestand auf dem Grundstück vor etwa drei Jahren als Wald – und damit schützenswert – eingestuft, sagt Kaufmann. „Und jetzt hieß es auf unsere Frage hin, es sei doch kein Wald.“ Das könne keiner verstehen. „Wieso ist ein Wald plötzlich kein Wald mehr? Das müsste er doch seitdem eher noch mehr geworden sein.“

Martin Schmidt, Pressesprecher der Unteren Forstbehörde, erklärte auf Anfrage unserer Zeitung, ein Mitarbeiter sei vor Beginn der Fällungen zwei Mal vor Ort gewesen, habe sich den Baumbestand angesehen und sei zu einem anderen Ergebnis gekommen als sein Vorgänger vor drei Jahren. „Nach den strengen Kriterien, die wir jetzt angelegt haben, ist es kein Wald, sondern eher eine verwilderte Gartenlandschaft“. Die damalige Einstufung sei „sehr wohlwollend und nach heutigen Maßstäben nicht richtig“ gewesen, so Schmidt. Er räumte aber ein, dass die unterschiedlichen Einstufungen „misslich“ seien. „Aber wir müssen das gerichtsfest machen.“ Vorwürfe der Anwohner, die Forstbehörde wolle eine Bebauung der Fläche erleichtern, wies er zurück. „Was hätten wir davon?“

Denn aus Sicht der IG liegt der Grund für die Abholzung auf der Hand: Die Fläche gehört zu dem Gebiet östlich des Bornkamp/nördlich der Düsterlohe, für die die Stadt vor Kurzem einen Bebauungsplan aufgestellt hat (wir berichteten). „Das wird hier jetzt alles schnell kahlrasiert, damit der Investor problemlos bauen kann“, meinen Kaufmann und Inka Pingel-Ott, die ebenfalls der IG angehört.

Die Eigentümerin des Grundstücks reagierte irritiert auf die Vorwürfe. „Es ist alles rechtens, was hier gemacht wird“, sagte sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Bäume seien einst als Baumschulgehölze gepflanzt worden „und wurden dann nicht mehr verkauft, weil mein Mann gestorben ist“. Mittlerweile seien sie so groß geworden, „dass mein ganzes Haus verschattet wird und ich schon fast Depressionen kriege, weil es so dunkel ist“. Seit „sechs, sieben Jahren“ seien die Pflanzen so stark gewuchert, „dass die ganze Sonne weg ist“.

Dass die Fällungen etwas mit dem Baugebiet zu tun habe, sei eine Unterstellung, so die Eigentümerin. „Das dauert doch noch ewig, bis es so weit ist. Theoretisch hätte ich sie schon viel eher fällen lassen können, dann hätte keiner was gesagt. Dass es jetzt passiert, ist Zufall. Ich tue nichts Böses.“

Die IG ist trotzdem nicht zufrieden: Sie befürchtet, dass die Abholzung Fledermäusen ihren Lebensraum nimmt. Doch die Bäume seien „kein typisches Fledermausquartier. Dafür sind sie nicht alt genug“, wie Jörg Kastrup, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde (UNB), auf Anfrage erklärte. Es könne zwar sein, „dass sie Fledermäusen als Nahrungsraum dienen. Aber nicht als Brutstätte.“ Die 36 Eschen, Linden und Spitzahorne seien etwa 50 Jahre alt. „Das reicht nicht, damit sie Hohlräume und Bruchstellen entwickeln, wo Fledermäuse nisten können. Dafür müssten sie 100 sein“, so Kastrup.

Trotz allem können die Anwohner nicht fassen, dass die Fällungen erlaubt wurden. „Auch die Polizei, die Politiker und die Verwaltung haben es nicht verstanden“, so Pingel-Ott. Doch allen seien die Hände gebunden. „Es handelt sich um ein Privatgrundstück, und da wir keine Baumschutzsatzung haben, dürfen wir nicht eingreifen“, erklärte Fachamtsleiter Uwe Dieckmann auf Anfrage. Über eine Satzung werde seit vielen Jahren diskutiert. Bisher sei sie aber politisch nicht gewollt. „Das Thema ist schwierig, weil es ein Spagat zwischen den Eigentumsrechten und dem öffentlichen Interesse ist“, so Dieckmann.

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erstellt am 29.Okt.2016 | 16:00 Uhr

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