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Barmstedter Zeitung

02. Dezember 2016 | 19:05 Uhr

Krause Glucke und Co. : Pilzexpertin Andrea Kelting im Interview

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

„Zur rechten Zeit am rechten Ort sein“ - Andrea Kelting erzählt im Interview, welche Speisepilze sich jetzt schon finden lassen.

Barmstedt/Elmshorn | Ob Rötender Wulstling, Krause Glucke oder Parasol: Andrea Kelting aus Elmshorn ist eine Expertin, wenn es um Pilze geht. Schon als Kind war die heute 41-Jährige immer wieder im Wald zum Sammeln unterwegs. Nach einem Seminar mit dem bekannten Pilzexperten Dieter Honstraß steigerte sich ihre Begeisterung weiter. „Wenn mich etwas interessiert, dann mit all seinen Facetten“, sagt die Elmshornerin. Sie besuchte Pilzkurse, studierte Bücher und legte vor der Deutschen Gesellschaft für Mykologie ihre Prüfung ab. Seitdem darf sie sich Pilzsachverständige nennen und gehört damit zu den wenigen Experten ihrer Art im Kreis Pinneberg. Im Interview erzählt sie, welche Pilze sich trotz längerer Trockenheit derzeit finden lassen und warum Pilzsammler sich das kommende Wochenende freihalten sollten. Das Gespräch führte Christian Uthoff.

Pilze sind leicht verderblich und sollten laut Andrea Kelting daher umgehend verarbeitet werden. Aus diesem Grund sollten auch nur so viele Pilze geerntet werden, wie für die Zubereitung des Essens benötigt werden. Hat man doch einmal zu viele Pilze gesammelt, ist es möglich, sie einzufrieren. Dazu sollten sie nach dem Ernten direkt küchenfertig  gemacht werden. Dann sind die Pilze mehr als ein Jahr haltbar. Wichtig: Will man sie später zubereiten, sollten die Pilze noch unaufgetaut in die heiße Butterpfanne gegeben werden.

In den Medien hieß es in den vergangenen Wochen immer wieder, das Wetter sei zu trocken für Pilze. Sind Sie in diesem Herbst schon Pilze sammeln gegangen?
Ja, schon mehrfach. Ich war eigentlich das ganze Jahr über Pilze sammeln. Pilze wachsen rund ums Jahr, jeder zu seiner Zeit. Es ist immer nur wichtig zu wissen, wie viel Feuchtigkeit es gibt. Das ist regional unterschiedlich. Ich habe zum Beispiel festgestellt: Klein Nordende ist deutlich trockener als Elmshorn. Das ist tatsächlich eine Art Mikro-Klima. Das kann dazu führen, dass es eine Senke gibt, in der sich viel Feuchtigkeit sammelt. Dort stehen dann plötzliche Pilze, während rundum weit und breit nichts wächst.

Was war das Problem in diesem Sommer?
Es war stellenweise sehr heiß. Wir hatten viel zu wenig Niederschlag, der den Boden richtig durchfeuchtet. Das Myzel – also die unter der Erde ausgebreiteten Wurzeln der Pilze – sitzt ja sehr tief. Viele Pilze wachsen auch in Symbiose mit Bäumen. Das heißt, sie leiden nicht so sehr unter der fehlenden Nässe. Trotzdem braucht es eine gewisse Grundfeuchtigkeit, und es sollte nicht zu warm sein. Ich habe als Erfahrungswert festgestellt: Über 25 Grad hört es auf mit dem Pilzwachstum. Wenn es dann wieder kühler wird, kommen sie plötzlich aus dem Boden geschossen. Und das wird auch jetzt noch zu erwarten sein. Die Steinpilze, speziell der Fichtensteinpilz, fangen jetzt an durchzustarten.

Gibt es denn momentan schon Pilze zu sammeln? Man liest ja immer wieder, dass es momentan keine gebe.
Das ist nicht richtig. Ich war am Wochenende gerade unterwegs, und wir haben eine Vielfalt an Pilzen gefunden. Es sind halt leider noch nicht die klassischen Speisepilze. Die Pionierpilze sind meistens die kleineren Pilze. Die größeren – zum Beispiel Steinpilze – sind auf mehr Feuchtigkeit angewiesen. Aber wenn es zwei bis drei Tage durchregnet, kann man durchaus sogar noch in der gleichen Woche Pilze finden. Als ich am vergangenen Wochenende unterwegs war, war es zuvor eher trocken gewesen. Es gibt aber auch Pilze, die von der Feuchtigkeit nicht so abhängig sind. Dazu zählen die, die an Bäumen wachsen. Wenn jemand jetzt speziell einen Speisepilz sucht, würde ich losgehen und nach Krausen Glucken suchen. Das ist ein Wurzelparasit, der hauptsächlich an Kiefern direkt unten am Stamm vorkommt.

Gibt es noch weitere essbare Pilze, die sich sammeln lassen?
Dann gibt es noch Wiesenpilze wie den Parasol, der benötigt ebenfalls weniger Feuchtigkeit, um zu wachsen. Diesen Pilz findet man an Wegrändern und auf Wiesen. Der Parasol ist wie die Krause Glucke ein ergiebiger, stattlicher Pilz. Man braucht nur zwei oder drei Stück und hat eine Pfanne voll.

Wer die Pilzexpertin einmal persönlich kennenlernen möchte, hat dazu am kommenden Wochenende, 15. und 16. Oktober, in Barmstedt  Gelegenheit. An beiden Tagen hält Andrea Kelting jeweils um 14 Uhr beim Herbstfarben-Feuerwerk in der Baumschule Hachmann, Brunnenstraße 68, einen Vortrag über Pilze. Zudem bietet sie im Bereich Barmstedt/Lutzhorn sowohl am Sonntag, 23. Oktober, als auch am Sonntag, 30. Oktober, Pilzexkursionen an. Ein Kostenbeitrag wird erhoben. Anmeldung und weitere Infos unter der Nummer 0170-2100868.

Und wenn ich als Sammler eher auf Steinpilze aus bin?
Wenn das Wetter so regnerisch wie am Dienstag bleibt, würde ich sagen: Am Wochenende gucken gehen – ganz klar. Dann stehen die da auch. Man muss einfach das Glück haben, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Was auf jeden Fall etwas bringt, ist, eine Stelle zu kennen, an der man schon Steinpilze gefunden hat.

Ich weiß, ein Pilzsammler verrät seine guten Stellen nicht. Aber gibt es Städte oder Gemeinden im Kreis Pinneberg, die für die Suche besonders in Frage kommen?
Da der Steinpilz ein Massenpilz ist, kann ich keine konkreten Orte nennen. Es ist viel wichtiger zu wissen, unter welchen Bäumen er sich wohlfühlt. Der Pilz geht gern Symbiosen mit Eichen und Buchen ein. Da kann es dann sogar sein, dass man sie auf einem Lidl-Parkplatz unter einem fetten Baum findet. Ich habe sie auch schon im Industriegebiet gefunden und in Vorgärten. Es ist also wichtig zu wissen, wo stattliche Bäume stehen und das Gras nicht immer gemäht wird. Man muss oftmals gar nicht in den Wald fahren.

Macht den Pilzen die Kälte etwas aus?
Das macht gar nichts, solange es nicht dauerhaften Bodenfrost gibt. Ich finde ganz häufig Steinpilze bis in den Dezember hinein. Maronen sind auch eher Spätherbstpilze. Man findet sie überwiegend unter Fichten.

Worauf sollte ich achten, wenn ich als Anfänger jetzt kurzentschlossen mit – ich sage es bewusst – einer Plastiktüte zum Sammeln gehe?
Die berühmte Plastiktüte lehne ich natürlich kategorisch ab, weil die Pilze darin nicht atmen können. Zudem sammelt sich bei Regen unten das Wasser, und das gibt eine fürchterliche Pilzmatsche. Ein luftiger, breiter Korb ist besser, damit die Pilze nebeneinander liegen können. Ein weiterer wichtiger Tipp: Wenn man Pilze gar nicht kennt, dann sollte man sie immer im Ganzen entnehmen und in ein extra Behältnis packen, damit sie sich nicht mit den Speisepilzen vermischen und plötzlich doch in der Pfanne landen.

Mit welchen Pilzen sollte man als Einsteiger starten?
Definitiv mit Röhrlingen, also denen, die den Schwamm unten haben – und definitiv mit denen, die einen hellen Schwamm haben. Wir sprechen da von cremeweiß über zartgelb bis grünlich. Nur olivgrün deutet meist auf Überständigkeit hin, das heißt, dass er am Vergehen ist. Wichtig ist, sein Pilzwissen langsam zu steigern, finde ich. Dazu gehört, Pilzexkursionen mitzumachen, um Praxis zu sammeln. Das ist noch wichtiger als die Theorie, weil die Bilder im Internet zum Teil falsch sind und die Bücher nur einen Bruchteil zeigen.

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erstellt am 13.Okt.2016 | 16:30 Uhr

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