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Barmstedter Zeitung

04. Dezember 2016 | 03:03 Uhr

Bevern : Jahrzehnte der Kunst gewidmet

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Umfassende Dokumentation: Der 86-jährige Maler Carl J. Wichmann aus Bevern hat sein Lebenswerk fotografiert und archiviert.

Bevern | Der in Bevern lebende Maler Carl J. Wichmann (86) hat im Laufe seines langen Lebens ein reiches, anspruchsvolles Oeuvre geschaffen, das weit über die eng gesteckten Grenzen seiner Heimatgemeinde ausstrahlt. Jetzt, im hohen Alter, hat er die Ölmalerei aufgegeben und sein gesamtes Werk dokumentiert, genauer: fotografiert und archiviert. Es hat Platz gefunden in acht umfangreichen Ordnern und gibt Aufschluss über seine künstlerische Entwicklung, die seiner Meinung nach nie abgeschlossen ist. „Insgesamt habe ich 1300 Ölgemälde geschaffen“, erklärt Wichmann nicht ohne Stolz im Gespräch mit dieser Zeitung. „Das letzte Bild habe ich vor zwei, drei Jahren gemalt; es stellt meine Frau dar.“ Ganz hat er jedoch den Pinsel nicht aus der Hand gegeben. Er schwört nun auf die Tintenmalerei und fertigt ausschließlich Schwarz-Weiß-Bilder.

Wichmanns Leben als Künstler war ein Leben gegen den herrschenden Zeitgeist und Zeitgeschmack. Er ist nie abgerückt von seiner realistischen Malweise, die er für die einzig wahre hält. Alles andere schätzt er wenig oder gar nicht. Das mag hart und intolerant klingen, entspricht aber nun einmal seinem künstlerischen Verständnis. Und so rührt sich in ihm auch kein besonderer Respekt vor Maler-Kollegen, die einen anderen Weg eingeschlagen und sich der abstrakten oder abstrahierenden Malweise verschrieben haben – mögen sie auch Publikumslieblinge sein und vom Erfolg verwöhnt. Auch seinen Motiven, landschaftlichen Darstellungen, Stillleben und Porträts, ist er zeitlebens treu geblieben. „Ich finde die Motive, sobald ich aus dem Haus gehe“, formuliert er. Tatsächlich spiegeln viele seiner Arbeiten seine unmittelbare Nachbarschaft wider: die Flora und Fauna mit Knicks, Wäldern und Wiesen in und um Bevern, die alten Höfe, die artenreiche Tierwelt und die Menschen.

„Ich bin meiner Heimat stark verbunden, und das hat auch Niederschlag in meinem Werk gefunden“, so der 86-Jährige, der sich fast wissenschaftlich mit der Frage auseinandergesetzt hat, was Kunst sei und wie der Künstler an ein neues Werk herangehen müsse. „Um uns herum erscheint die Welt in einer unübersehbaren Fülle, Strukturen und Oberflächen“, erläutert er. „Die bildliche Darstellung hat in erster Linie mit Oberflächen zu tun und verlange genaue Kenntnisse sowie ein Studium der Dinge, die man darstellen will. Man muss also immer wieder hinsehen, um die Eigenart eines Gegenstandes zu erfassen.“ Eine völlig andere Sache sei, wie er weiter ausführt, die Darstellung auf dem Mal- oder Zeichengrund. Dazu sei es erforderlich, geeignete Materialien auszusuchen, die dem Malgegenstand entsprächen: Dann führten Begabung und Bemühen zum Ziel.

Typisch für die Arbeitsweise Wichmanns ist die realitätsnahe Darstellung seiner Motive.
Typisch für die Arbeitsweise Wichmanns ist die realitätsnahe Darstellung seiner Motive. Foto: Schilling
 

Besondere Förderung hat der Beverner nie erfahren – auch nicht von seinem Vater, der ihn immer wieder vor der „brotlosen Kunst“ warnte, ihm später aber seine Anerkennung nicht versagen konnte: „Du bist den richtigen Weg gegangen!“ bescheinigte er im hohen Alter seinem Sohn. Der Beverner, ein hartnäckiger, akribischer Autodidakt, erinnert sich noch deutlich an den Zeichenunterricht vor mehr als 70 Jahren, der kaum Freiraum für die Entfaltung der eigenen Kreativität ließ. Damals machte der Lehrer die Ansage und die Schüler mussten sich streng daran halten. Allerdings habe er, Wichmann, bei der Umsetzung der Vorgaben sein unerschöpfliches kreatives Potenzial entdeckt, die „Vorratskammer seines Naturtalents“, wie er es gern bezeichnet. Daraus konnte er ein Leben lang schöpfen – bis zum heutigen Tag. Einen Malkursus oder einen Fortbildungslehrgang zur Verbesserung seiner Technik hat er nie besucht. Wirkliche Anteilnahme an seinem malerischen Schaffen erfuhr er erstmals durch seine erste Frau, die ihn nach Kräften unterstützte. Mehr aber noch durch seine zweite, wie er offen sagt.

Die ersten eigenen Ausstellungen fanden 1982 statt, vier Jahre später ging er dazu über, sie in seinem großen Hause zu organisieren, wo es auch, zumindest eine Zeitlang, Kaffee und Kuchen gab. Doch damit hat es längst ein Ende: Es ist Ruhe eingekehrt in die „Galerie Bentkrögen“. Wichmann gilt auch als Schöpfer eines der größten Gemälde, das im 20. Jahrhundert in Norddeutschland gemalt wurde. Es trägt den Titel „Blick in die Urzeit“ und zeigt auf sieben Quadratmetern Leinwand eine Gruppe von Wisenten – Kälber und Bullen – im Schatten einer Eiche. Den Hintergrund stellt eine Fantasielandschaft dar. „Ich habe mein Leben lang beruflich mit Acker und Vieh zu tun gehabt“, erläutert der Künstler. „Mir ging es bei diesem Bild darum, die Vorfahren unseres schwarz- und rotbunten Rindes darzustellen, die einst in dieser Region gelebt haben.“ Wer glaubt, dass er an diesem Riesenbild Wochen oder gar Monate gearbeitet hat, irrt: Er hat es innerhalb von vier Tagen gemalt – eine erstaunliche Leistung, gleichgültig, wie man es künstlerisch bewertet.

Ein weiteres Gemälde, das ihm zu verdanken ist, zeigt die berühmte Mona Lisa, die er mit Pinsel, Farbe und Palette künstlerisch nachempfunden hat. Sie ist ihm gelungen und auf den ersten Blick nicht vom Original zu unterscheiden. Der Beverner ist zudem als Verfasser einer Biographie („Brotlose Künste“) und einer Reihe von Dorfchroniken hervorgetreten. Mit seinen Bildern und Schriften möchte er einen Beitrag dazu leisten, den Heimatgedanken lebendig zu erhalten, der seiner Meinung nach niemals unmodern werden kann: Heimat sei viel mehr als der Ort, wo man lebe.

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erstellt am 30.Apr.2016 | 14:00 Uhr

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