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Barmstedter Zeitung

06. Dezember 2016 | 15:15 Uhr

Barmstedt : Gedenkstätte eingeweiht

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Im Beisein von zwei Barmstedter Schulklassen hat  die Arbeitgemeinschaft (AG) Stolpersteine gestern auf dem Friedhof die Zwangsarbeiter-Gedenkstätte eingeweiht.

Barmstedt | Drei Jahre lang hatte die AG Stolpersteine verhandelt – mit der Kirchengemeinde, der Friedhofsverwaltung, dem Landesinnenministerium. Gestern war es soweit: Die zwölf Grabsteine für hier verstorbene Zwangsarbeiter und deren Kinder wurden feierlich eingeweiht. Etwa 50 Gäste – darunter Zehntklässler der Grund- und Gemeinschaftsschule und Elftklässler des Gymnasiums – verfolgten die feierliche Zeremonie auf dem Friedhof. Er habe „fast noch eine Nachtschicht eingelegt, um rechtzeitig fertig zu werden“, sagte Steinmetz Ronny Horn, der den letzten der schweren indischen Granitsteine vor den Augen der Besucher verlegte.

In Barmstedt hätten während des Zweiten Weltkriegs etwa 500 Zwangsarbeiter schuften müssen, sagte AG-Mitglied Helmut Welk. In Anbetracht der etwa 4000 sonstigen Einwohner „müssen sie das Bild der Kleinstadt geprägt haben. Jeder sah sie arbeiten und leiden, aber nach dem Krieg wollte niemand von ihnen gewusst haben.“

Gymnasiastin Luisa Kock (16) lwürdigte eines der Opfer.
Gymnasiastin Luisa Kock (16) lwürdigte eines der Opfer. Foto: Meyer

Auch kleine Betriebe hätten die aus Polen, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und der Sowjetunion stammenden Menschen eingesetzt. „Zuerst wurden sie als ,Gastarbeiter’ angelockt, dann auf offener Straße verhaftet.“ Wegen der niedrigen Löhne und der damit verbundenen „satten Zusatzgewinne“ sei es für Unternehmen „sehr verlockend gewesen, sie einzustellen“. Die Arbeiter hätten unter Mangel an Hygiene, Nahrung und angemessener Kleidung gelitten. „Auch Schwangere mussten bis kurz vor der Entbindung schwerste Arbeit verrichten“, so Welk.

Mit der Gedenkstätte könne die AG einen „Sieg über das Vergessen feiern“, sagte Ralf Pollei, Oberstufenleiter am Barmstedter Gymnasium. Auch Bürgervorsteher Christian Kahns (FWB) betonte, wie wichtig es sei, die Erinnerung an die Gräueltaten während der NS-Zeit aufrechtzuerhalten. „In ganz Deutschland lief die Mordmaschinerie“, sagte er. Und aktuelle Vorfälle wie in Clausnitz und Oersdorf zeigten, dass es „wieder zunehmend rechtsradikales Gedankengut gibt. Das sehe ich mit Sorge.“

Uta Körby, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaften Gedenkstätten, dankte der AG für ihre „vorbildliche Weise, die Inhumanität des Rassenwahns in die Öffentlichkeit zu tragen und die junge Generation an dieses Thema heranzuführen“. Sie gratuliere der AG „zu ihrem langen Atem“, sagte sie.

„Auch wir haben uns nicht immer mit Ruhm bekleckert.“ Raphael Steenbuck, Barmstedter Pastor.

„Auch wir haben uns nicht immer mit Ruhm bekleckert.“ Raphael Steenbuck, Barmstedter Pastor.

Foto: Meyer

1992 habe die Kirche die ehemaligen Gräber beseitigt, sagte Welk. „Und sie wurden trotz öffentlicher Proteste nicht wiederhergestellt.“ Pastor Raphael Steenbuck räumte eine Mitschuld der Kirchengemeinde ein. „Auch wir haben uns nicht immer mit Ruhm bekleckert.“ Anders als die AG, gehe er aber nicht davon aus, dass die Toten „dem Vergessen anheim gegeben werden sollten“. Er glaube vielmehr, „dass die Gräber aus Unwissenheit beseitigt wurden und dem mangelnden Gefühl dafür, wie wichtig sie sind“. Er freue sich, „dass wir nach langem Ringen hier gemeinsam stehen“, so Steenbuck.

Nach der Verlegung des letzten Steins verlas AG-Mitglied Lucian Bucke zu jedem Grab ein paar Fakten aus dem – meist kurzen – Leben der oder des Verstorbenen. So wurde Ludmilla Pronina, deren russische Mutter als Landarbeiterin in Bullenkuhlen arbeiten musste, nur 48 Tage alt. Als Todesursache habe in den Unterlagen „Lebensschwäche“ gestanden, so Bucke. Elisabeth Sledziewska starb im Alter von zwei Monaten an „Verdauungsstörungen“. Ihre polnische Mutter musste in Groß Offenseth bei Wilhelm Kühl arbeiten. 56 Tage alt wurde Maria Kuptowska, deren polnische Mutter als Hausgehilfin auf dem Bauernhof Hans Riepen in Brande arbeiten musste. Stanislawa Lewandowski starb mit 17 Jahren im Barmstedter Krankenhaus an „Mandelentzündung und Herzschwäche“. Als Arbeiterin war sie in Barmstedt zwangsverpflichtet gewesen. Adria Polewczyk, dessen Eltern in Ellerhoop Thiensen auf dem Hof Hans Kruse zur Landarbeit verpflichtet waren, starb als Siebenjähriger an „Ersticken“.

Lucian Bucke (l.) und Helmut Welk (beide AG Stolpersteine) informierten die Besucher über die Gedenkstätte.
Lucian Bucke (l.) und Helmut Welk (beide AG Stolpersteine) informierten die Besucher über die Gedenkstätte. Foto: Meyer
 

Zu Ehren der Toten legten die Schüler anschließend eine Sonnenblume auf jeden Grabstein. „Wir haben elf Steine finanzieren können, wofür wir uns bei allen Spendern herzlich bedanken“, sagte Bucke. Der zwölfte fehle noch. „Wir sind für weitere Spenden dankbar.“ Die Grabpflege werde der Friedhof übernehmen, sagte er. „Und vielleicht können wir die Schüler motivieren, bei Bedarf die Inschriften zu säubern.“

Die verstorbenen Zwangsarbeiter und deren Kinder

Benedikt Sartowski, Polen: 12. 7.1922 – 17.3.1941; Stanislawa Lewandowska, Polen: 9. 3.1924 – 12.7.1941; Rene Pauwels, Belgien: 16.4.1921 – 28.7.1943; Adria Polewczyk, Polen: 18. 7.1936 – 20.8.1943; Iwan Dedoscha, Russland: 2.11.1941 – 19.12.1943; Valentina Dedoscha, Russland: 5.10.1940 – 20.1.1944; Emma Tschelowhitko, Russland: 18.10.1943 –16.1.1944; Maria Kuptowska, Polen: 15.12.1943 – 9.2.1944; Sohn v. Josefa Trawczunska, Polen: 19.5.1944 – 6.6.1944; Adam Plaszcyk, Polen: 5.4.1943 – 4.2.1945; Elisabeth Sledziewska, Polen: 29.11.1944 – 3.2.1945; Ludmilla Pronina, Russland: 27.1.1945 –16.3.1945.

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erstellt am 14.Okt.2016 | 16:30 Uhr

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