zur Navigation springen

Barmstedter Zeitung

03. Dezember 2016 | 20:54 Uhr

„Mich hat ihr Mut beeindruckt“ : Barmstedter sammelt hunderte Werke von DDR-Dissidenten

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Sammlung: Der Barmstedter Thilo Schmid hat 300 handschriftliche Werke von DDR-Dissidenten zusammengetragen.

Barmstedt | Heute auf den Tag genau vor 40 Jahren wurde der Liedermacher Wolf Biermann aus der DDR ausgebürgert. Was hat das mit Barmstedt zu tun? Eigentlich nichts. Ein bisschen aber doch – denn um dieses Ereignis und seine Folgen rankt sich die Handschriften-Sammlung, die Thilo Schmid zusammengestellt hat. Der Umstand, dass Biermann nicht frei seine Meinung äußern und seine Kunst ausüben durfte, sei „schockierend“, sagt der gelernte Buchhändler, der heute als Gesamtvertriebsleiter bei einer Hamburger Verlagsgruppe arbeitet und mit seiner Familie seit vier Jahren in Barmstedt lebt. Nach Biermanns Ausbürgerung hatten sich etliche weitere oppositionelle Künstler offen kritisch gegenüber dem Regime geäußert. Von ihnen und Biermann selbst besitzt Schmid mittlerweile rund 300 handschriftliche Objekte – Zitate, Gedichte, Gedanken, Signaturen, Zeichnungen, Liedtexte, Tagebucheinträge mit Bezug zur damaligen Zeit. „Es ist vermutlich die größte und bedeutendste Sammlung ihrer Art“, sagt der 43-Jährige.

Karl Wolf Biermann wurde 1936 in Hamburg geboren und siedelte 1953 in die DDR über. 1976 wurde er von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die  DDR eine Reisegenehmigung erteilte. Das erste Konzert fand am 13. November in der Kölner Sporthalle statt. Das Konzert – in dem Biermann die DDR stellenweise kritisiert hatte – diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“. Der Vorfall löste in Ost- und Westdeutschland breite Proteste aus. (Quelle: Wikipedia)

Den Auftakt machte das Buch „Der Löwe Leopold“ von Reiner Kunze, einer von Schmids Lieblingsautoren. „Die DDR-Regierung hatte einst 15.000 Exemplare des Werkes einstampfen lassen, weil Kunze durch seine Kritik am Staat in Ungnade gefallen war“, so Schmid. Als ihm vor etwa acht Jahren eines der geretteten drei Exemplare angeboten worden sei, habe er begonnen, sich näher mit den oppositionellen Künstlern und Bürgerrechtlern in der DDR zu befassen. „Das, was um Biermanns Ausbürgerung herum passiert ist, war der Anfang vom Ende des totalitären Staates DDR“, sagt er. Die Gegenbewegung der Dissidenten, die innerhalb kurzer Zeit von 13 auf mehr als 100 anwuchs, habe ihn „unglaublich beeindruckt“. Als Mittel, um ihre Haltung zu dokumentieren, habe er Handschriften „ungemein spannend gefunden, weil man darin den Charakter und Stimmungen eines Menschen erkennt. Im Verschriftlichen legen die Gedanken Spuren, denen man nachgehen kann.“ Einige der Sammelobjekte habe er auf Anfrage direkt bekommen, andere gekauft oder ersteigert.

Viele der „Handschreiber“ seien bereits verstorben, so Schmid. Andere – etwa Stephan Krawczyk, Reiner Kunze oder Heiner Silvester – kennt er persönlich. Mit vielen habe er wegen der Sammlung telefoniert oder – wie mit Biermann – schriftlich kommuniziert. Abgelehnt habe seine Bitte um ein Werk keiner, „aber es gibt ein paar, die an sich nie mit der Hand geschrieben haben“. Von denen besitzt er sogenannte Typoskripte, mit Schreibmaschinen geschriebene Manuskripte.

Seine Sammlung bewahrt Schmid zu Hause auf. Manches – darunter ein Gedicht von Kunze für seine Tochter Berenike-Elisabeth – hängt gerahmt an der Wand, das meiste aber liegt mangels Platz in Schubladen. Um die Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, würde Schmid sie gern öffentlich zeigen. „Das Wende-Museum in Los Angeles hat Interesse bekundet“, sagt er. Für alle anderen hat er eine Internet-Seite aufgebaut. Unter http://jasmintee.jimdo.com ist die komplette Sammlung zu sehen.

Mit Hilfe seiner Sammlung wolle er zeigen, „wogegen die Menschen damals eigentlich rebelliert haben“, so Schmid – nämlich gegen die Einschränkung der Meinungs-, Reise-, Presse- und künstlerischen Freiheit. „Das Thema ist gerade jetzt aktueller denn je“, sagt Schmid. Nicht nur in Ländern wie der Türkei, sondern „auch bei uns gibt es jetzt wieder so eine Tendenz – da müssen wir verdammt aufpassen“. Es gehe um nicht weniger als „die Frage, wie wir miteinander leben wollen“. Das Thema sei „auch wichtig für unsere Kinder, die die Geschichte der DDR nicht näher kennen“, meint Schmid. Ihn habe „vor allem der Mut jener Widerständler beeindruckt und welche heute selbstverständlichen Werte zum Teil unter schweren persönlichen Opfern eingefordert werden mussten“. Es sei „schade, dass ihr Kampf für Freiheit nicht ausreichend gewürdigt wird“, so Schmid – der mit seiner Sammlung dazu beitragen will, das zu ändern.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 16.Nov.2016 | 12:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen