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Lokales

29. Mai 2016 | 09:38 Uhr

1945 bis 1947 : Abgeschirmt auf einem Hof: Wie lebten die Flüchtlingskinder in Hoyer?

vom

Zwei Jahre lebten die Kinder ohne ihre Eltern auf dem Hof Hohenwarte. Eine Wissenschaftlerin forscht über das einzigartige Flüchtlingslager.

Hoyer | Die Geschichte des Flüchtlingslagers in Hoyerschleuse ist einzigartig - abgeschirmt von der Außenwelt lebten dort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Flüchtlingskinder aus Deutschland. Und die Geschichte des Lagers wirft auch ein Licht auf die Situation in Nordschleswig gegen Kriegsende – sie ist ein Beispiel für die teils schlechte Behandlung der deutschen Flüchtlinge, von denen die ersten bereits Monate vor der Kapitulation Nazi-Deutschlands in Nordschleswig eingetroffen waren.

Rund 250.000 deutsche Flüchtlinge kamen in den ersten Wochen nach dem Zweiten Weltkrieg noch über die Ostsee nach Dänemark. Doch auch dort wurden sie nicht gut behandelt - das klagt die Ärztin und Historikerin Kirsten Lylloff an.

Zeitzeugen aus Hoyer berichten über Erinnerungen an die Flüchtlingskinder, dass diese auf einem abgesperrten Strandabschnitt baden durften und dass täglich ein Junge aus dem Lager mit einem kleinen Ziehwagen Milch für die rund 140 Kinder in der Meierei in Hoyer abholte. Einer Hoyeranerin, Käthe Müller aus der Klosterstraße, tat der Junge so leid, dass sie ihn hin und wieder zu sich ins Haus rief und ihm warmen Kakao servierte – obwohl Kontakt mit den von den dänischen Behörden bewusst isoliert internierten Flüchtlingen offiziell untersagt war.

Interessanterweise hat sich die dänische Ärztin und Historikerin Kirsten Lylloff, die seit Jahren intensiv die dänische Flüchtlingspolitik 1945 bis 1949 erforscht, in ihrem Buch „Barn eller Fjende“ in einem gesonderten Kapitel mit Hohenwarte befasst. Kirsten Lylloff hat wegen ihrer Kritik an der Weigerung dänischer Ärzte und Behörden, vor allem gegen Kriegsende in erbärmlichem Zustand über die Ostsee nach Dänemark gelangten Flüchtlingen Hilfe zu leisten, viel dänische Kritik einstecken müssen. Hat sie dem glänzenden Bild von einer durchweg guten Behandlung der ungeladen ins Land gekommenen deutschen Flüchtlinge gegen Kriegsende doch einige Kratzer versetzt.

Viele deutsche Flüchtlingskinder waren 1945  nach Nordschleswig gekommen, es gibt kaum Fotodokumente aus ihren Unterkünften. Die Aufnahme stammt aus dem Lager Hørup Klint auf Alsen. Aus dem Lager Hohenwarte sind keine Fotos bekannt.

Viele deutsche Flüchtlingskinder waren 1945  nach Nordschleswig gekommen, es gibt kaum Fotodokumente aus ihren Unterkünften. Die Aufnahme stammt aus dem Lager Hørup Klint auf Alsen. Aus dem Lager Hohenwarte sind keine Fotos bekannt.

Foto: Sj. Lokalhist
 

Im in diesem Jahr erschienenen Buch „Om de tyske Flygtninge  i Danmark 1945-1949 – opgør med en myte“ hatte dessen Autor Svend Bach, der in seinem posthum erschienenen Buch ausdrücklich Kirsten Lylloffs Forschungsergebnisse zu widerlegen versucht, auch das Kinder-Flüchtlingslager  Hohenwarte bei Hoyer erwähnt. Und zwar in Form von Tagebuchaufzeichnungen seines Vaters Oluf Bach, der Lehrer an der Sønderborg Statsskole und im Herbst 1945 zum Unterrichtsinspektor für rund 30 deutsche Flüchtlingslager ernannt worden war.   

„Dieses Lager liegt sehr abgesondert. Wie auf einer Insel“, notierte Bach, der aus einer deutsch-dänischen Ehe stammte und perfekt die deutsche Sprache beherrschte – und sich sehr für  die Flüchtlingsjugend und deren demokratische Erziehung einsetzte. Er notierte, dass die Kinder in Hohenwarte offenbar gut versorgt seien. „Und hier sind wahrhaft viele verschiedene Individuen angespült worden“, notierte Bach über seine Eindrücke auf Hohenwarte. Er schrieb, dass ein Kinderheim und ein Waisenhaus aus Brandenburg den Grundstamm des Lagers bildeten.

Auch elternlose Kinder aus vielen verschiedenen Ländern seien dabei. Er stellte fest, dass die rund zehn Erwachsenen um den Lagerleiter Dr. Kuhlmann viel für die Kinder täten. Er habe gesehen, wie die jüngsten Kinder gebadet und die Schlafräume inspiziert wurden. Den Kindern führte Bach einen Film vor – und sie schoben anschließend dessen Auto an, das nicht anspringen wollte, als er zurückfahren sollte. Im Februar 1947, wenige Wochen vor der Räumung des Lagers, kam Bach erneut nach Hoyerschleuse. „Es war sehr kalt, draußen und drinnen, doch half mir der ausgezeichnete Koch in Hohenwarte, indem er mir warmes Essen servierte“, heißt es bei Bach, der über Gespräche mit dem deutschen Personal berichtete und notierte: „Grüßte auch den dänischen Lagerleiter, einen Polizeibeamten ohne Kultur.“

Bachs Notizen geben bereits einen Hinweis auf den Eiswinter 1946/47, der im Gebäudekomplex Hohenwarte direkt am Seedeich Auswirkungen gehabt haben dürfte.

Leif Hansen Nielsen gab in seinem Werk „Tyske Flygtninge i Nordslesvig 1945-1948“ eine Charakterisierung des Lagers aus dem Bericht der dänischen Flüchtlingskommission im Dezember 1945. Die Kinder hätten es gut in der früheren „rigmandsvilla“, die sich gut als Unterkunft eignete, leider habe der Stall, in dem ein Teil der Jungen schlief, einen Steinfußboden und keine Heizung. Die ältesten Kinder würden auf ein Mittelschulexamen vorbereitet, die kleinsten gingen in einen Kindergarten. Auch gesundheitlich ginge es den Kindern gut, eine Krankenschwester stehe bei den wenigen Krankheitsfällen zur Verfügung. Der Bericht schließt mit den Sätzen: „Hohenwarte liegt in einer Zone, die das dänische Militär bei der Wiedau abgesperrt hat. So dass es faktisch keine bessere Bewachung gibt, und jede Form von Fraternisierung ist ausgeschlossen. Es ist schwer, eine Stelle zu finden, die besser für die Kinder und die wenigen Mütter geeignet ist.“

Trotz der angeblich idealen Verhältnisse war 1946 auf die fehlende Wasserversorgung hingewiesen worden. Trinkwasser musste mit Eimern aus dem rund einen Kilometer entfernten Hoyer geholt werden.

Kirsten Lylloff schreibt über Hohenwarte, dass das Flüchtlingslager total von der übrigen Umwelt abgeschnitten war. Das erklärt auch, dass in Hoyer wenig über dessen Existenz bekannt ist. Es sind keine Fotos vom Lagerleben zu finden. Lis Hindrichsen vom Lokalhistorischen Archiv Hoyer berichtet, dass es einen offiziellen dänischen Film über die deutschen Flüchtlinge gebe, in dem eine kurze Sequenz Hohenwarte-Kinder beim Baden auf ihrem abgesperrten Stück Strand zeigt. Ein Vorschlag 1946, die Hohenwarte-Insassen nach Tondern zu verlegen, war vom dortigen Luftabwehrchef mit der Begründung abgewiesen worden, dass es „unglücklich sei, namentlich Kinder in einer Stadt zu internieren, ausgestellt zur täglichen Besichtigung, da dadurch leicht eine übertriebene Mitleidsstimmung selbst unter dem dänisch gesinnten Teil der Bevölkerung gefördert werden könnte, was besser vermieden werden sollte“.

Lylloff schreibt, dass das Lager sich intern selbst verwaltete, ohne Eingreifen der dänischen Behörden. Der Unterricht der Kinder wurde auch intern geregelt, allerdings wurde der Einsatz von Nazi-Schulunterrichtsmaterial unterbunden.

Lagerleiter Dr. Kuhlmann war eine besondere Person. Er war 1919 aus Deutschland nach Brasilien ausgewandert, wo er, verheiratet mit einer Schwedin, einen Bauernhof betrieben hatte. 1939 war er auf Familienbesuch in Deutschland und konnte wegen des Kriegsausbruchs nicht nach Brasilien zurück. Er hatte seit 1942 das Internat Hohenelse bei Rheinsberg geleitet, dessen Schüler im April 1945 wegen Heranrückens der Front auf offenen Lkw nach Hoyer transportiert worden waren. Kuhlmann konnte im Dezember 1946 nach Brasilien ausreisen, er hatte in Hoyer bleiben wollen, bis das Schicksal der Kinder geklärt war, die vielfach gar nicht deutscher Nationalität waren.

Über 70 der Kinder auf Hohenwarte stammten aus einem Jungen- und einem Mädcheninternat bei Rheinsberg, in dem Kinder lebten, deren Eltern im diplomatischen Dienst tätig oder deren Eltern teilweise Ausländer deutscher Herkunft waren. Neben den Hohenelse-Schülern, die unter herrschaftlichen Bedingungen untergebracht worden waren, lebten aber auch diverse andere elternlose Kinder, vor allem aus Heimen der Kinderlandverschickung, in Hohenwarte. Doch Details sind vielfach unbekannt, denn, so Lylloff, die Journale sind nicht erhalten, nur Angaben zum Zuzug und Fortzug der Kinder.

Lylloff verweist darauf, dass Kuhlmann genaue Kenntnisse über seine Schützlinge hatte. Deren Eltern, wenn sie noch lebten, konnten wegen der Sperrung des Briefverkehrs aber oft erst 1946 aufgespürt werden. Es gab sogar diplomatische Verwicklungen, weil die dänischen Behörden Kinder z. B. nicht nach Chile ausreisen ließen. Auch das belgische Rote Kreuz schrieb in scharfem Ton an dänische Stellen, weil zwei Kinder nicht herausgerückt wurden. Lylloff erwähnt, dass die Kinder nichtdeutscher Nationalität in Dänemark einen Anspruch auf bessere Behandlung als deutsche Flüchtlinge gehabt hätten, die dänischen Stellen hätten aber offenbar gar nicht registriert, dass in Hohenwarte Kinder aus 23 verschiedenen Nationalitäten vertreten waren.

Von Südafrika über Lettland, die Schweiz, Spanien, Argentinen bis Venezuela reichte das Spektrum. Auch zwei Kinder dänischer Nationalität waren aufgeführt, sie hatten das Lager aber schon Ende 1945 verlassen. Auch 23 Jungen im Alter von 11 bis 14 Jahren aus Danzig waren nach Zwischenstationen in Hohenwarte gestrandet. Ein Lehrer tauchte in einem Bericht der Flüchtlingsverwaltung auf, denn gegen ihn hatten sich drei Jungen aufgelehnt, weil sie ihm vorwarfen, sich größeren Mädchen unsittlich genähert zu haben. Er wurde ins Lager Oksbøl verlegt.

Auch einige Kinder, die zuvor in Privathäusern untergekommen waren, kamen nach Hohenwarte. Erwähnt wird auch ein Fall, wo eine in Apenrade geborene Frau ihr Kind aus dem Lager Hohenwarte zu sich holen wollte. Es vergingen Monate, bis es gelang, den Jungen nach Flensburg zu holen. Im Dezember 1946 war festgestellt worden, dass 17 der Kinder dort elternlos waren. Kirsten Lylloff hat weitere Schicksale beschrieben.  

Am 26 März 1947 konnten 18 Erwachsene und 93 Kinder das Lager Hohenwarte verlassen. Sie wurden nach Offenburg in der damals französischen Besatzungszone gebracht. „Was anschließend  mit ihnen geschah, interessierte niemanden“, schrieb Kirsten Lylloff.

 

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erstellt am 02.Jan.2016 | 20:11 Uhr

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