zur Navigation springen

Neue Artikel

11. Dezember 2016 | 05:14 Uhr

Italien ruft Notstand aus : Wieder starke Nachbeben in Katastrophenregion

vom
Aus der Onlineredaktion

Während die Zahl der Opfer steigt und steigt, hat es heute morgen wieder ein starkes Nachbeben gegeben.

Rom | Erneut haben mehrere Erdstöße die Katastrophenregion in Mittelitalien erschüttert. Das stärkste der Nachbeben ereignete sich am Freitag um 6.28 Uhr und hatte nach Angaben der italienischen Erdbebenwarte eine Stärke von 4,8. Das Zentrum lag demnach in elf Kilometern Tiefe in der Provinz Rieti, nicht weit von dem Ort Amatrice entfernt. Dort gab es im Zentrum weitere Einstürze, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Allerdings nicht dort, wo die Helfer versuchten, noch Opfer aus den Trümmern zu bergen.

Italien wird aufgrund seiner geografischen Lage immer wieder von Erdbeben erschüttert, oft auch schwerwiegenden. Das Beben ist damit inzwischen genauso verheerend wie das von L'Aquila im April 2009. Damals kamen mehr als 300 Menschen ums Leben.

Nach einem der verheerendsten Erdbeben in der jüngeren Geschichte Italiens mit mindestens 250 Toten hat die Regierung den Notstand ausgerufen. Zudem kündigte Regierungschef Matteo Renzi am Donnerstag die ersten Hilfsgelder von 50 Millionen Euro und Steuererleichterungen für die Menschen in den teils vollkommen verwüsteten Orten an. Renzi kündigte auch eine bessere Erdbebenvorsorge an.

Die Zahl der Todesopfer könnte nach Angaben des Zivilschutzes noch weiter steigen. Das Beben könne „noch schlimmere Dimensionen erreichen als jenes in L'Aquila“ im Jahr 2009, warnte der Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio. Damals starben 309 Menschen. Dieses Mal hatte es besonders die kleineren Orte Amatrice, Accumoli und Pescara del Tronto getroffen.

Kaum noch Hoffnung Überlebende zu finden

„Das erste Wort, was einem in den Sinn kommt, ist tiefes Mitgefühl für das, was passiert ist“, sagte Ministerpräsident Renzi. „Wir sind als allererstes Menschen, nicht Politiker.“ Mit dem Ausrufen des Notstandes soll den Opfern schnell und unbürokratisch geholfen werden, dazu werden sonst geltende bestimmte Rechte ausgesetzt.

Nach Angaben der Feuerwehr wurden bislang mindestens 215 Menschen lebend aus den Trümmern gerettet. 365 wurden bei dem Beben am Mittwoch verletzt. Etwa 6000 Helfer kämpften unermüdlich gegen die Zeit. Aber einen Tag nach dem Beben einer Stärke von mehr als 6 schwand mit jeder weiteren Stunde die Hoffnung, noch Überlebende zu finden.

Seismogramm der Überwachungsstation Matera in Süditalien, die in der Nacht des 24.08.2016 gegen 03.30 Uhr ein Erdbeben der Stärke von 6,1 aufzeichnete. Grafik: GFZ Potsdam
Seismogramm der Überwachungsstation Matera in Süditalien, die in der Nacht des 24.08.2016 gegen 03.30 Uhr ein Erdbeben der Stärke von 6,1 aufzeichnete. Grafik: GFZ Potsdam Foto: Grafik: GFZ Potsdam
 

Das Beben hatte übereinstimmenden Medienberichten zufolge in der Nacht zum Mittwoch um 3.36 Uhr begonnen und länger als zwei Minuten gedauert - genau 142 Sekunden. Es gab wohl etwa 700 teils starke Nachbeben, die die Arbeiten erschwerten. Gleichzeitig kam neue Kritik am Umgang des Landes mit dem Erdbebenschutz auf. In mehreren Ortschaften wurden jahrhundertealte kulturhistorische Bauwerke beschädigt oder zerstört.

„Es ist unmöglich, eine Zahl der Vermissten zu nennen“

Die meisten Toten gab es in den Orten Amatrice und Accumoli in der Region Latium und in der Gegend um Pescara del Tronto in den Marken. Wie viele Menschen noch verschüttet oder vermisst sind, war am Abend noch immer unklar. „Es ist unmöglich, eine Zahl der Vermissten zu nennen“, sagte Zivilschutzchef Curcio. Viele seien auf der Durchreise oder im Urlaub in den betroffenen Orten gewesen. Vor allem viele Italiener machen dort Urlaub.

Aber auch Ausländer kamen ums Leben, die Außenministerien in Madrid und Bukarest bestätigten den Tod eines spanischen und fünf rumänischer Staatsbürger. Von deutschen Opfern ist bisher nichts bekannt. Das Auswärtige Amt in Berlin stand mit der Botschaft in Italien in Kontakt.

<p>Zahlreiche Gebäude sind bei dem Erdbeben eingestützt - darunter auch historische Bauten. </p>

Zahlreiche Gebäude sind bei dem Erdbeben eingestützt - darunter auch historische Bauten.

Foto: dpa

Die Rettungsarbeiten waren nachts mit Taschenlampen, Baggern und Spürhunden weitergegangen. Immer wieder wurden Leichen geborgen, die Zahl der Opfer stieg fast stündlich. Die Nachbeben versetzten nicht nur die Überlebenden in Panik, sondern ließen auch Gebäude weiter einstürzen.

In Italien wurden an vielen öffentlichen Gebäuden die Fahnen auf halbmast gesetzt. Die Regierung in Rom hatte dies als Zeichen der Trauer und zum Gedenken landesweit angeordnet.

Alle Privathäuser müssten auf ihre Erdbebensicherheit geprüft werden

Rufe nach besseren Vorsorgemaßnahmen wurden laut, Italien müsse erdbebensicher werden, forderte etwa der frühere Regierungschef Romano Prodi. Das Land ist hoch erdbebengefährdet, weil unter dem Apennin-Gebirgszug die afrikanische und die eurasische Platte aufeinanderstoßen.

„Es wäre nötig, alle privaten Häuser auf Erdbebensicherheit zu überprüfen“, sagte Gianpaolo Rosati, Direktor des Mailänder Polytechnikums. „Aber die Aufrüstung kostet oft mehr, als ein komplett neues Haus zu bauen. Deshalb schaffen es viele Privatleute nicht.“

Tausende Menschen in den betroffenen Orten sind obdachlos, nachdem ihre Häuser eingestürzt sind. In Notunterkünften wie Zelten verbrachten viele die Nacht. Andere zogen es vor, in ihren Autos zu übernachten, so der Zivilschutz.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und der französische Präsident François Hollande drückten Italien ihre Solidarität aus und boten Hilfe bei den Rettungsarbeiten an. „Wir können Italien alle möglichen Hilfsmittel zur Verfügung stellen, wenn das Land uns darum bittet, denn es können noch Leben gerettet werden“, sagte Hollande. „Solche Katastrophen zeigen wieder einmal unsere Verwundbarkeit, aber auch, was Solidarität bedeuten kann.“ Deutschland hatte Italien bereits am Mittwoch die Hilfe von Experten des Technischen Hilfswerks (THW) bei der Bergung von Erdbeben-Verschütteten angeboten.

Auch viele alte und historische Bauten waren wie Kartenhäuser eingestürzt. Insgesamt seien 293 kulturhistorische Bauwerke und Stätten beschädigt worden, 50 davon schwer, sagte Kulturminister Dario Franceschini. Die mittelalterlichen Ortskerne der Dörfer, die nun in Trümmern liegen, müssten unter Berücksichtigung des Erdbebenschutzes wieder aufgebaut werden, „das sind wir den Gemeinden schuldig“. Das am schlimmsten betroffene Amatrice galt als eines der schönsten Dörfer Italiens.

Der Bürgermeister des hart getroffenen Ortes Accumoli, Stefano Petrucci, machte den Überlebenden Mut. „Jetzt gibt es einen Moment der Verzweiflung, aber wir glauben an uns. Wir sind hartnäckige Bergbewohner und wir werden das schaffen.“

Wo liegt die Region um das Bebenzentrum in Mittelitalien?

Das Zentrum des Erdbebens in Italien liegt in unmittelbarer Nachbarschaft des Nationalparks Gran Sasso und Monti della Laga. Die Region ist auch bei deutschen Wanderern und Mountainbikern beliebt, besonders das Gebirgsmassiv Gran Sasso mit dem 2912 Meter hohen Corno Grande ist bekannt. Das Gebiet liegt rund 100 Kilometer Luftlinie nordöstlich von Rom.

Lassen sich geplante Pauschalreisen nach Rom oder an die Adria jetzt kostenlos stornieren?

„Nein“, sagt der Reiserechtler Prof. Ronald Schmid, der an der TU Dresden unterrichtet. „Dass es gewackelt hat, ist nicht ausreichend.“ Eine Kündigung wegen höherer Gewalt sei nur gerechtfertigt, wenn die Reise erheblich erschwert, gefährdet oder beeinträchtigt ist. Das reine Unwohlsein sei nicht ausreichend. Das gilt auch für den Fall, dass Urlauber in Rom oder an der Adria jetzt auf Kosten des Veranstalters früher abreisen wollen.

Aber was ist, wenn Reisende sich jetzt vor Nachbeben fürchten?

„Angst ist kein Ratgeber“, sagt Schmid. Ein Seismologe müsste dem Experten zufolge zu der Einschätzung kommen, dass das Reiseziel von Nachbeben betroffen sein könnte und diese mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 30 Prozent eintreten. Eine feste Regelung, in welchem Umkreis vom Zentrum Urlauber kostenlos stornieren können, gebe es demnach nicht.

Was ist, wenn Reisende in der betroffenen Region Urlaub machen?

Dann können Pauschalreisende wegen erheblicher Gefährdung kostenlos vom Vertrag zurücktreten. „Allerdings müssen sie sich die Mehrkosten, die möglicherweise für die frühere Rückreise entstehen, mit dem Reiseveranstalter teilen“, erklärt Schmid.

zur Startseite

von
erstellt am 26.Aug.2016 | 10:25 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen