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23. Oktober 2014 | 01:05 Uhr

Seebüll : Weihnachten in Emil Noldes Farben

vom

Manfred Reuther, Direktor der Nolde Stiftung, über die "biblischen und Legendenbilder" des Seebüller Expressionisten Emil Nolde.

Seebüll | Über viele Jahre verbrachte der Maler Emil Nolde mit seiner Frau Ada die Weihnachtstage zumeist in seinem Berliner Wohnatelier. Längere Zeit bedachte der Frankfurter Kunstsammler Carl Hagemann das Künstlerpaar regelmäßig mit einem Baumkuchen. So bedankte sich Ada im Januar 1934 bei Hagemann "für den süßen Babelsturm, der nun schon Tradition bei uns wird", und schilderte ihm den Verlauf des Festes: "Unsere Weihnachten sind immer besonders stille Tage. Wir legen Tannengrün ins Zimmer und stecken Wachskerzen daran, echte Honigkerzen, die duften auch, wenn sie nicht brennen. Einen Weihnachtsbaum haben wir nicht, wir beiden einsamen Menschen stehen verlegen davor und werden traurig."
Der Bauernsohn Emil Nolde erinnerte sich gern an seine Kindheit, auch an die Festtage: "Zurückschauend liegen vor mir die Knabenjahre im heimatlichen Dorf wie ein sonniger Frühlingsmorgen." Zu Weihnachten backte die Mutter "in dem großen, gewölbten, glühenden Backofen ihre vielen Kuchen, mein Vater schob die Platten hinein und holte sie fertig wieder heraus. Fünfzehn Sorten Gebäck hatte meine Mutter", weiß er noch. "Wir Kinder standen möglichst immer dabei, zuerst ein Stückchen Teig und dann zerbrochene Kuchen als Leckerbissen erhaschend." Am Weihnachtsmahl "in der guten Stube" nahmen auch "die Knechte und Mädchen" teil; "es wurde gebetet, und der Tisch war festlich mit weißem Leintuch gedeckt und dem Silbergeschirr. Der große Schweinskopf mit den Schüsseln voll Grünkohl nebenzu, stand unser erwartend. Das Essen war schwere Kost für uns Kinder, aber ein Stück Schweinsohr mit weißen Knorpelstreifen darinnen, das schmeckte doch sehr schön", berichtet er in seinen Erinnerungen. "Und dann kam die Reisgrütze mit dem üppigen Butterklecks in der Mitte und mit Zucker und Kaneel darüberhin; das war noch besser. Und dann der herrlich große Teller voll Kuchen zum Sattessen!
Fest-Traditionen in der Familie
Das Höchste und Schönste waren die kleinen Geschenke: der Farbenkasten, den mir das Fest einst brachte, mag ein größtes Glück mir im Leben gewesen sein. Die ganzen Weihnachtstage saß ich bei meinen Farben, malend und malend." Die Tradition der christlichen Festtage, der wöchentliche Kirchgang, Bibelstunde, Konfirmandenunterricht oder Tischgebete waren fest eingebunden in das Familienleben. Neben Hauspostille und Gesangbuch war die Bibel lange Zeit angeblich das einzige Buch im Elternhaus, und Nolde kokettierte später damit, dass sie im Grunde auch das einzige Buch gewesen sei, das er ganz gelesen habe. Den tiefen Einfluss dieser frühen Lektüre auf seine Kunst offenbarte er im Juli 1916 einer Bekannten: "Die biblischen Bilder sind intensive Jugenderinnerungen, denen ich als Erwachsener Form gebe. Die Legendenbilder traten als Stoff später an mich (…)."
Für den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens hielt Emil Nolde seine "biblischen und Legendenbilder", ein Kanon von etwa fünfzig Gemälden, darunter das neunteilige Werk "Das Leben Christi" von 1911/1912 mit der "Heiligen Nacht". Es finden sich weitere weihnachtlich gestimmte Bilder wie das verbrannte Gemälde "Weihnachtsmorgen" von 1921 oder die "Anbetung der Könige" in verschiedenen Ausführungen. "Die Vorstellungen des Knaben von einst, als ich während der langen Winterabende tief ergriffen in der Bibel lesend saß, wurden wieder wach", erinnert sich der Maler. "Es waren Bilder, die ich las, reichste orientalische Phantastik. Sie wirbelten in meiner Vorstellung immerzu vor mir hoch, bis lange, lange danach der nun erwachsene Mensch und Künstler sie, wie in traumhafter Eingebung, malte und malte."
Noldes religiöse Bilder sind seit je ein umstrittener Teil in seinem Werk. Während die einen "ekstatische Schauer" verspürten, "wie sie urchristliche Gemeinden oder bäuerliche Sektierer überkommen", sprachen andere von "Primitivität" und einer "ungebändigten und chaotischen Malweise". Ein Kritiker der "Münchner Post" schrieb 1912 über Noldes "Leben Christi": "Vollbewusste Perversion des Ästhetisch-Vernünftigen und Historisch-Entwickelten", "fratzenhafteste Uniform". "Selbst die bescheidenste Nachschöpfung historischer Werte, selbst die allerbescheidenste Naturnachahmung wie sie unsere kleinsten Talente üben, ist heute wertvoller und förderungswürdiger als dieses wüste Treiben, das sich selbst unter Kunstleistungen der Neger und der Irrenkliniken über die banalsten uninteressantesten Vorbilder auszuweiten vermag."
"Das Religiöse ganz neu erlebt"
Der Autor nimmt damit, auch in seiner ungezügelten Diktion, das Urteil der braunen Kulturrevolutionäre vorweg, die 1938 in der Berliner Ausstellung "Entartete Kunst" ein breites Schriftband über den Werkzyklus gehängt hatten: "Gemalter Hexenspuk, geschnitzte Pamphlete wurden von psychopathischen Schmierfinken und geschäftstüchtigen Juden als Offenbarung deutscher Religiosität’ ausgegeben und zu barem Geld gemacht." Schon 1933 hatte der nationalsozialistische Chef-Ideologe Alfred Rosenberg im "Völkischen Beobachter" Noldes "Bildnisversuche" als "negroid, pietätlos und bar jeder echten inneren Formkraft" angeprangert.
Zugleich wurden Noldes "biblische und Legendenbilder" schon früh als eigenwilliger Teil seiner Malerei und in ihrem besonderen Rang von Freunden und Verfechtern seiner Kunst erkannt. So konnte bereits 1913 der junge Museumsdirektor Max Sauerlandt gegen entschiedenen Widerstand Noldes "Abendmahl" für das Museum in Halle erwerben. Der Kunstschriftsteller Paul Westheim sah Nolde vor allem als einen Maler, "der das Religiöse ganz neu erlebt, nicht als Ueberkommenes und Ueberliefertes, sondern als persönliche Offenbarung." Seine Bilder "sind religiöse Kunst eines heutigen Menschen, der nicht herkommt vom Wort, sondern aus geschauter Vision" (1927).
Wenngleich Nolde seine "biblischen und Legendenbilder" als eigenen Kanon verstanden hat, sind sie in Auffassung und Gestaltung dem großen Bereich seiner freien Figurenbilder zuzuordnen. Ohne sich wortgetreu oder illustrativ an den biblischen Texten auszurichten, sind seine religiösen Bilder der Vorstellungswelt vergangener Kinderjahre und aus persönlicher Ergriffenheit gleich den freien Figurenbildern unmittelbar aus der Fantasie erwachsen. "Ausflüge in Traumhafte, ins Visionäre, ins Phantastische stehen jenseits von Regeln und kühlem Wissen. Es sind freie, herrliche Gefilde", ist Nolde überzeugt.

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erstellt am 26.Dez.2011 | 03:28 Uhr

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