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04. Dezember 2016 | 07:12 Uhr

Welt-Anti-Doping-Agentur : Staatssache Doping - Droht das Olympia-Aus für Russland?

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Positive Proben seien über Jahre hinweg verschwunden, heißt es im WADA-Report, der heute in Toronto vorgestellt wurde. Droht nun das endgültige Olympia-Aus für Russland?

Manipulierte Dopingproben, erschwindelte Medaillen, konspirative Hilfe durch den Geheimdienst: Ein Olympia-Ausschluss für alle Russen rückt nach den neuen, erschreckenden Enthüllungen über Staatsdoping im größten Land der Welt immer näher. Der mit Spannung erwartete McLaren-Report hat 18 Tage vor Beginn der Sommerspiele in Rio de Janeiro den Druck auf Russland und das Internationale Olympische Komitee (IOC)  massiv erhöht und den Weltsport erschüttert.

Dem Bericht zufolge habe das russische Sportministerium weitreichende Manipulationen während der Winterspiele in Sotschi 2014 und darüber hinaus staatlich geschützt und gefördert. Der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach reagierte schockiert: „Die Ergebnisse des Berichts zeigen einen erschreckenden und beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports und der Olympischen Spiele. Daher wird das IOC nicht zögern, die härtest möglichen  Sanktionen gegen jede beteiligte Person oder Organisation zu treffen.“ Das Exekutivkomitee des IOC wolle heute in einer Telefonkonferenz   erste Entscheidungen treffen, die auch „vorläufige Sanktionen mit Blick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio“ beinhalten könnten.

Empfehlungen für Konsequenzen gab der Report nicht – dennoch setzt er das IOC und Bach maximal unter Zugzwang. Die Erkenntnisse des kanadischen Juristen Richard McLaren, der seinen Bericht gestern in Toronto vorstellte, sind unmissverständlich. Demnach sind nicht nur die Sotschi-Spiele und Wintersportler betroffen: „Russische Athleten aus den meisten olympischen Sommer- und Wintersportarten“ hätten von der Manipulationsmethode, die von „mindestens Ende 2011 bis August 2015“ geplant und durchgeführt worden sei, profitiert. 643 positive Dopingproben russischer Athleten in rund 30 Sportarten seien verschwunden – und damit negativ geworden. Das russische Sportministerium habe die Manipulation, bei der vor allem Dopingproben ausgetauscht wurden, mit Hilfe des Geheimdienstes FSB „gelenkt, kontrolliert und überwacht“, heißt es in dem Report.

McLaren bestätigte damit Aussagen des russischen Kronzeugen Gregori Rodschenkow, denen zufolge die Winterspiele 2014 in Sotschi massiv –  unter Mithilfe staatlicher Behörden – beeinflusst worden waren. Mehrere Dutzend russische Sportler, darunter mindestens 15 Medaillengewinner, sollen gedopt an den Start gegangen, die Proben ausgetauscht worden sein. Rodschenkow, der sich inzwischen in die USA abgesetzt hat, habe sich, so McLaren, als glaubwürdiger Zeuge erwiesen. „Ich bin sehr überzeugt von unseren Ergebnissen. Wir haben viele Beweise, die keine Zweifel zulassen“, sagte McLaren. Er und sein Team hatten Interviews mit Zeugen geführt sowie tausende Daten und Dokumente ausgewertet, auch gelöschte Dateien seien wiederhergestellt worden, sagte McLaren.

Der Vorsitzende des Sportausschusses im russischen  Parlament, Dmitri Swischtschjow, forderte unterdessen eine Haftstrafe für Whistleblower Rodschenkow. „Internationale Organisationen glauben Verleumdern und Schurken wie Rodschenkow, der erklärt hat, selbst Proben ausgetauscht zu haben“,  wetterte  Swischtschjow: „Er sollte festgenommen und an unsere Justiz ausgeliefert werden.“ Russland hatte schon vor der Veröffentlichung harten Widerstand gegen eine mögliche Komplettsperre seines Olympia-Teams angekündigt.

Nun ist das IOC am Zug. Vor der Veröffentlichung des Reports hatte Bach betont, das IOC müsse die Balance zwischen kollektiver Verantwortung und individueller Gerechtigkeit finden. „Jeder, der nicht involviert war, kann nicht für das Fehlverhalten anderer bestraft werden“, hatte Bach, ein Intimus von Russlands Präsident Wladimir Putin, gesagt und einen kompletten Olympia-Ausschluss Russlands abgelehnt.  Nun aber wird sich der 62-Jährige an seiner ersten klaren Reaktion nach der Veröffentlichung messen lassen müssen.

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erstellt am 18.Jul.2016 | 15:29 Uhr

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