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27. März 2017 | 06:51 Uhr

Christiansens Netzwelt : Sicherheitsapps in Indien – Selbst ist die Frau

vom

Inderinnen schützen sich mit Apps vor sexuellen Übergriffen.

Tracking ist böse. Da ist man sich in Deutschland weitgehend einig. Was geht es Anbieter von Online-Diensten es an, wann wir uns wo aufhalten, welche Wege wir täglich zu welcher Zeit zurücklegen und wann wir eine Extra-Runde drehen? Nach unserem Verständnis von Datenschutz, Privatsphäre und Freiheit gar nichts – und das ist auch völlig richtig so.

Es gibt aber Gründe, aus denen wir das mit der Standortaufzeichnung nicht mehr ganz so eng sehen: Komfort zum Beispiel. Die GPS-Funktion ist bei Kartendiensten schon ziemlich praktisch. Wir leben ja selbstbestimmt und können nach der Abwägung von Nutzen und Risiken auch datenschutzunfreundliche Entscheidungen für unser eigenes kleines Universum treffen. Unsere Entscheidung.

In Indien sieht das anders aus. Hier geht es um wichtigere Dinge als das bestmögliche Nutzererlebnis. Die Gefahr des körperlichen Missbrauchs ist dort bedrohlicher als die eines Missbrauchs von Daten.

In dem Land, in dem Frauen nicht überall sicher von A nach B laufen können – ob bei Tag oder Nacht, allein oder in männlicher Begleitung – und in dem die Regierung nach diversen Vergewaltigungsfällen, die auch international für Aufsehen sorgten, zwar härter durchgreift, aber des Problems dennoch nicht Herr geworden ist, sind inzwischen unzählige Sicherheitsapps im Umlauf. Eine davon stammt aus der Feder von vier jugendlichen Mädchen. Sie haben die App „Women fight back“ entwickelt – in ihrem Zuhause in Mumbais Armenviertel Dharavi. Aus Selbstschutz.

Mit ihrer Hilfe können Freunde und Verwandte den genauen Standort der Nutzerin live nachvollziehen. Im Fall des Falles lässt sich über die App per Knopfdruck Hilfe rufen oder ein durchdringender Alarmton auslösen. Über Profilbildung oder ein mögliches Abgreifen und Ausnutzen der Daten durch Kriminelle macht sich da wohl kaum jemand Gedanken. Die Probleme sind schlicht anders gelagert: Frauen verlassen selten das Haus, Mädchen gehen nicht zur Schule oder zur Uni – weil es zu gefährlich ist. Und so wird im Armenviertel moderne Technologie das Mittel zur Selbsthilfe, zum Durchbrechen des Teufelskreises von Armut, Bildungsdefiziten und Unterdrückung, zum Gestalten der eigenen Zukunft – bereits für die Jüngsten. Einzig schade, dass es nötig ist.

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erstellt am 14.Nov.2016 | 17:21 Uhr

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