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09. Dezember 2016 | 22:29 Uhr

Video aus Handewitt : „Reichsbürger“ im Interview: „Sind kein Personal der BRD mehr“

vom

Sie sehen sich unter dem Schutz der Genfer Konvention und mögen Großkaliber-Schießen. Einblicke in eine andere Welt.

„Das ist eine Frechheit, wir sind immer friedlich gewesen und haben nie jemandem etwas getan. Da muss man doch nicht bis an die Zähne bewaffnet im Morgengrauen in unser Haus eindringen“, sagt Elfi Rohde. Bei einem Großeinsatz von Polizei und Spezialeinsatzkommando (SEK) sind am Dienstagmorgen in Handewitt bei Flensburg mehrere klein- und großkalibrige Waffen in ihrem Haus beschlagnahmt worden.

Bislang galten die sogenannten Reichsbürger als Spinner. Mit den Todesschüssen auf einen Polizisten in Bayern Mitte Oktober war diese Bewegung plötzlich ins Rampemlicht geraten. Auch im Norden gibt es „Reichsbürger“ - in Schleswig-Holstein beobachtet der Verfassungsschutz 40 von ihnen, in Hamburg spricht das Landesamt für Verfassungsschutz von „vereinzelten Fällen“.

Die Waffenbesitzer, Elfi und Peter Rohde aus Handewitt, waren zuvor von der Waffenbehörde des Kreises als „nicht zuverlässig“ eingestuft worden. Der 73-jährige Ehemann und seine 69 Jahre alte Frau sollen zu den „Reichsbürgern“ gehören,  die die Zugehörigkeit zur Bundesrepublik Deutschland  ablehnen. Deshalb wurden die Sportschützen aufgefordert, ihre Waffenbesitzkarten, die angemeldeten zwei Pistolen, zwei Revolver, eine Repetier- sowie eine Selbstladebüchse auszuhändigen.

Die Polizei Flensburg postete ein Foto der Waffen bei Facebook:

Am Dienstag rückte ein Spezialeinsatzkommando bei einem Ehepaar (73, 69) in Handewitt (Kreis Schleswig-Flensburg) an und stellte zwei Pistolen, zwei Revolver und zwei Gewehre sicher. dpa

Am Dienstag rückte ein Spezialeinsatzkommando bei einem Ehepaar (73, 69) in Handewitt (Kreis Schleswig-Flensburg) an und stellte zwei Pistolen, zwei Revolver und zwei Gewehre sicher. dpa

Foto: Polizei Flensburg/dpa

Weil sie auf die Aufforderung nicht antworteten und weil ein „Reichsbürger“ erst vor zwei Wochen in Bayern auf Polizeibeamte geschossen hatte, rückte kurz nach 6 Uhr das SEK an. Das Ehepaar händigte sämtliche Waffen widerstandslos aus.

Aber wie konnte es dazu kommen, dass das Ehepaar nicht auf die Aufforderung reagiert hat, ihre Waffen abzugeben? „Das ist etwas kompliziert, sagte die Ehefrau shz.de. Ihr Name sei auch nicht Elfi Rohde, sondern Elfi aus der Familie Rohde. Und sie sei auch weder Reichsbürgerin noch Deutsche, sondern Bürgerin des Freistaates Preußen. „Den neuen Namen haben wir allen Behörden mitgeteilt, der Gemeindeverwaltung, der Polizei, dem Finanzamt. Aber die ignorieren das ja einfach. Ich finde das nicht akzeptabel.“

Dieses Video zeigt den Einsatz:

 

Im Laufe der Zeit ist eine Menge offizieller Post im Briefkasten des Ehepaares gelandet, ob darunter auch  Briefe mit der Aufforderung gewesen sind, die Waffen abzugeben, weiß die selbst ernannte Preußin nicht:  „Die Post, die an Elfie Rohde adressiert ist, habe ich nicht geöffnet, sondern gleich zurückgeschickt“, sagt sie. „So heiße ich nicht – und es ist verboten, fremde Post zu öffnen.“ Das sei auch die Erklärung gewesen, warum sie und ihr Mann überhaupt nicht ahnten, um was es ging, als das Spezialeinsatzkommando plötzlich vor der Tür stand.

Polizisten beim Einsatz in Handewitt.

Polizisten beim Einsatz in Handewitt.

Foto: Karsten Sörensen

„Die waren vermummt und bis an die Zähne bewaffnet“, erzählt die Frau. „Wir hatten ja noch geschlafen, die Männer haben gefragt, ob wir sie hereinlassen oder ob sie die Tür selbst öffnen sollen. Wir hatten keine Chance, uns zu wehren, die waren ja viel stärker.“ Sie selbst habe fünf Minuten Zeit bekommen, um sich anzuziehen, während die Beamten im Haus waren, wurden sie auf Schritt und Tritt begleitet. „Und die haben jede Bewegung gefilmt“, berichtet Elfi Rohde.

Insgesamt lief der Einsatz ohne weitere Vorfälle ab. „Wir haben unsere Waffen abgegeben – und es ist nichts zu Bruch gegangen.“ Die Waffen hätten sie im Haus gehabt, weil sie Sportschützen seien. „Das ist ein toller Sport, um sich zu konzentrieren“, sagt Elfi Rohde. Mitglied im Handewitter Schützenverein seien sie aber nicht. „Da kann man nicht mit Großkaliber schießen, deshalb gehen wir nach Tarp.“

Was sind „Reichsbürger“?

Die Reichsbürger, Reichsdeutschen oder auch Germaniten fühlen sich als Bürger des Deutschen Reichs und halten die Bundesrepublik für einen Unrechtsstaat. Sie behaupten, das Deutsche Reich bestehe bis heute fort. Sie sprechen Grundgesetz, Behörden und Gerichten die Legitimität ab und akzeptieren keine Bescheide. In ihren Reihen finden sich auch Personen, die sich gewaltbereit zeigen oder schlicht rechtsextrem agieren. Bis zu 1000 Menschen aus der Reichbürgerszene hätten ein „geschlossenes rechtsextremes Weltbild“, sagt der Rechtsextremismus-Experte Timo Reinfrank von der Amadeu Antonio Stiftung.

Sie kommen immer häufiger mit dem Gesetz in Konflikt. Vier beispielhafte Fälle:

September 2016: Bei Köln stoppen Polizisten einen „Reichsbürger“, der in einem Auto mit dem Kennzeichen „Freistaat Preußen“ unterwegs ist. Er habe darauf bestanden, nicht Bürger der Bundesrepublik Deutschland zu sein, berichtet die Polizei. Einen gültigen Führerschein konnte der Mann nicht vorweisen.

August 2016: Bei einer Zwangsräumung in Reuden (Sachsen-Anhalt) kommt es zu einer Schießerei, ein 41-jähriger „Reichsbürger“ wird schwer verletzt. Polizisten und Gerichtsvollzieher werden von ihm und seinen Unterstützern mit Steinen beworfen. Es ging um eine nicht beglichene Grundschuld.

Januar 2016: Wegen Fahrens ohne Führerschein wird eine „Reichsbürgerin“ zu einer Haftstrafe von acht Monaten ohne Bewährung verurteilt. Doch plötzlich türmt sie aus einem Gericht im Allgäu und nimmt ihre Akte gleich mit. Im Juni wird Haftbefehl erlassen.

Januar 2014: Sieben „Reichsbürger“ werden in Fulda (Hessen) wegen Freiheitsberaubung zu einer Haftstrafe auf Bewährung und Geldstrafen verurteilt. Sie hatten eine Vollstreckungsbeamtin daran gehindert, in ihrem Dienstwagen wegzufahren. Die Frau wollte bei einem der Männer einen Zahlungsrückstand kassieren.

 

Von der Bundesrepublik abgewandt hat sich das Ehepaar erst 2014. „Wir haben im Winter ein halbes Jahr im sonnigen Süden verbracht und uns dafür beim Amt abgemeldet“, berichtet die Handewitterin. Zurück im Norden hätten sie sich darüber gewundert, dass sie keine Benachrichtigung für die Europawahl bekamen. „Wir waren immer eifrige Wähler und haben nachgefragt. Auf dem Amt wurde uns dann mitgeteilt, dass wir als Auslands-Deutsche geführt werden.“ Das Ehepaar Rohde war empört  und wandte sich mit der Forderung, das in Ordnung zu bringen, an den Bürgermeister der Gemeinde Handewitt. „Der hat erklärt, er würde sich kümmern. Aber es ist nichts passiert“, berichtet die Frau.

Dann habe sie zusammen mit ihrem Mann im Internet gestöbert („Da findet man ja alles mögliche“) und festgestellt, „dass man ja seine Staatsbürgerschaft ändern“ könne. Das Ehepaar entschied sich für den Freistaat Preußen von 1913 (hier die „Offizielle Weltnetzseite“), und ist der Meinung, damit unter dem Schutz der Genfer Konvention zu stehen. „Wir sind kein Personal der BRD mehr, wir haben jetzt eine andere Staatsangehörigkeit – dass das nicht zur Kenntnis genommen wird, ist inakzeptabel. Wir sind freie Menschen mit einer freien Meinung. Dass wir als unzuverlässig eingestuft werden, ist beleidigend. Wir haben uns immer korrekt verhalten.“

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erstellt am 01.Nov.2016 | 09:40 Uhr

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