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26. März 2017 | 07:28 Uhr

Falschmeldungen im Internet : „Fake News“ auf Facebook: „Man muss damit leben“

vom
Aus der Onlineredaktion

Facebook und die Politik sagen Falschmeldungen den Kampf an - wenig sinnvoll, sagt ein Kieler Experte.

Berlin/Kiel | Die erdachte Vergewaltigung und Entführung einer Russlanddeutschen in Berlin Anfang des Jahres, ein verständnisvoller Facebook-Post der Grünen-Politikerin Renate Künast für den Mörder der Freiburger Studentin Maria in der vergangenen Woche – „Fake News“ wabern durch das Internet, sind schon tausendfach geteilt oder gar von seriösen Medien aufgegriffen, bevor klar ist, dass es sich um Lügen handelt.

Der Umgang mit „Fake News“ ist schwierig, soziale Netzwerke wie jüngst Facebook kündigen Maßnahmen zur Eindämmung an, Politiker fordern härtere Strafen für die Urheber und Konsequenzen für die Plattformen. Ob diese Maßnahmen helfen, bleibt umstritten.

„Man muss damit leben“, sagt Frank Roselieb, Geschäftsführender Direktor am Institut für Krisenforschung in Kiel. „Ich wage zu bezweifeln, dass man ,Fake News' jemals in den Griff bekommt.“ Thomas Oppermann ist einer derjenigen, die das Gesetz zu Rate ziehen wollen: Dem SPD-Fraktionschef zufolge sollen „marktbeherrschende Plattformen wie Facebook“ gesetzlich verpflichtet werden, „auf deutschem Boden eine an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden erreichbare Rechtsschutzstelle einzurichten“, an die sich Betroffene wenden können. „Wir werden die Plattformen gesetzlich verpflichten, ein solches Beschwerdesystem aufzubauen“, erklärte auch Volker Kauder (CDU).

Die Verletzung der auferlegten Pflichten soll mit hohen Bußgeldern geahndet werden, Oppermann zufolge mit bis zu einer halben Million Euro. Zudem müsse es auf Wunsch der Betroffenen eine „Richtigstellung mit der gleichen Reichweite geben“, sagte Oppermann. Kauder verlangte einen Auskunftsanspruch für Betroffene über die Identität ihrer Peiniger.

Auch Facebook selbst scheint alle Kräfte für den Kampf gegen „Fake News“ mobilisieren zu wollen: Der US-Konzern hatte nach massiver Kritik an seiner Rolle im US-Wahlkampf angekündigt, schärfer gegen die Ausbreitung erfundener Nachrichten anzukämpfen. Unter anderem solle es einfacher werden, sogenannte Fake News zu melden, kündigte das weltgrößte Online-Netzwerk am Donnerstag an. Außerdem werde man mit externen Fakten-Check-Spezialisten zusammenarbeiten. Auch die Algorithmen, die darüber entscheiden, welche Artikel im Newsfeed der Mitglieder auftauchen, sollen angepasst werden. Schließlich wolle Facebook konsequenter die Einnahmenquellen der Autoren gefälschter Nachrichten austrocknen.

Externe Fakten-Check-Spezialisten

Facebook kündigte in einem Blogeintrag an, mit externen Fakten-Check-Experten aus der Medienbranche zusammenarbeiten zu wollen, um dem Wahrheitsgehalt von vermeintlichen „Fake News“ auf den Grund zu gehen. Die Gründung einer „Wahrheitspolizei“ könne nach Ansicht Frank Roseliebs vom Kieler Institut für Krisenforschung dazu führen, dass bei dem sozialen Netzwerk im Zweifel zu viel gesperrt werde. Darunter könnten Sachen fallen, die Facebook unplausibel erscheinen, aber es nicht sind. Dies zu überprüfen und den Verantwortlichen zu finden, sei nicht immer einfach: „Der Urheber trägt die Verantwortung, der aber nicht automatisch identisch mit dem Übermittler ist“, sagt Roselieb. „Das macht den Umgang mit ,Fake News' so schwierig.“

Algorithmen, die den Newsfeed bestimmen

Wenn ein Beitrag von Nutzern nicht geteilt wird, nachdem sie ihn gelesen haben, könne das als Warnsignal in die Gewichtung einfließen, erläuterte der zuständige Facebook-Manager Adam Mosseri. Die Software kann so programmiert werden, dass sie Alarm schlägt, einen Beitrag zur Prüfung kennzeichnet oder in der Sichtbarkeit für die Nutzer herunterstuft. Sicherheit gebe ein solches Computerprogramm aber nicht, sagt Frank Roselieb: „Algorithmen helfen bei der Vorselektion, aber nicht bei der Entscheidung.“

Meldefunktion

Die Möglichkeit, Nachrichten als „Fake-News“ zu melden, soll Facebook-Nutzern künftig deutlicher sichtbar angezeigt werden.

Bislang gibt das soziale Netzwerk deutschen Nutzern die Möglichkeit, einen Beitrag als „nervig oder uninteressant“, als Spam oder als einen Inhalt zu kennzeichnen, der seiner Meinung nach nicht auf Facebook sein sollte. Die neue Meldefunktion soll zunächst in den USA getestet werden.

Einnahmenquellen der Autoren gefälschter Nachrichten austrocknen

Im US-Wahlkampf sollen einige Autoren ein gutes Geschäft damit gemacht haben, aufsehenerregende Nachrichten zu erfinden: Sie wurden von Nutzern angesehen und weiterverbreitet - und die dabei angezeigte Werbung ließ bei den Autoren die Kassen klingeln. Facebook-Manager Mosseri schrieb, man sehe sich die Publisher an, um zu prüfen, ob ein Eingreifen des Online-Netzwerks notwendig sei.

Im Wahlkampf hatten sich vor allem „Fake News“ zugunsten des künftigen Präsidenten Donald Trump erfolgreich bei Facebook weiterverbreitet. Dazu gehörte zum Beispiel die erfundene Nachricht, dass Papst Franziskus ihm seine Unterstützung ausgesprochen habe.

Kritiker warfen Facebook vor, dass es damit möglich geworden sei, das Wahlergebnis durch Lügen für Trump zu beeinflussen. Facebook-Chef Mark Zuckerberg bestritt, dass „Fake News“ die Wahl entschieden hätten.

 

Doch weder die angekündigten Gesetze noch die von Facebook geplanten Maßnahmen sind nach Ansicht Frank Roseliebs notwendig oder gar sinnvoll: „Facebook ist ein Technologiedienstleister“, sagt er. „Man macht Facebook für etwas verantwortlich, das das Unternehmen von der Logik her und mit verhältnismäßigem Aufwand gar nicht aus der Welt räumen kann.“ Wenn der US-Konzern dazu verdonnert würde, in großem Stil gegen Falschmeldungen vorzugehen, müsste konsequenterweise auch die Telekom dafür sorgen, dass es keine Scherz- und Enkeltrick-Anrufe mehr gebe.

„Wenn jemand etwas auf der Plattform als falsch kennzeichnet, hat der Betreiber im Zweifelsfall die Verantwortung, es zu löschen – das ist seit eh und je so“, sagt Roselieb, dafür müsse man aber zunächst beweisen können, dass eine Meldung falsch sei. Und das sei nicht immer einfach: Bei nationalen Themen lasse sich eine Nachricht in der Regel überprüfen, bei globalen Themen sei das schon schwieriger: „Der Islam möchte Deutschland übernehmen – wen wollen Sie da fragen?“, sagt Roselieb. Das regele die Realität, „dadurch, dass man eben merkt: Irgendwie kommt da keiner“.

Eigentlich müssten sich Betroffene nicht an Facebook wenden, sondern an den Urheber der Falschmeldung – der sei aber häufig anonym und auch nicht zu ermitteln. Und selbst wenn: Strafe wirke zu spät, außerdem sei zu bezweifeln, dass sich jemand von der bewussten Entscheidung, jemandem schaden zu wollen, abbringen lasse, so Roselieb. Er wünsche sich mehr Gelassenheit bei dem Thema: „Das Phänomen an sich ist nicht neu.“ „Fake News“ würden immer wieder benutzt, um bestimmte Interessen durchzusetzen, so Roselieb. Bereits im Zweiten Weltkrieg ebenso wie im Korea- oder Vietnam-Krieg seien bewusst falsche Flugblätter erstellt und verteilt worden, um gegnerische Soldaten zum Aufgeben zu bewegen. Außerdem sei jede Wahlkampfveranstaltung auch schon vor Jahrzehnten mit „Fake News“ gespickt gewesen. „Wenn man vergleicht, was Politiker in Wahlzeiten versprechen, und was sie nachher machen – da wird ganz schön viel versprochen und wenig gehalten“, sagt Roselieb. „So gesehen sind das auch ,Fake News'“, und wenn man die unter Strafe stelle, „müsste man jeden zweiten Politiker verhaften, der im Wahlkampf Dinge verspricht und nicht einhält“.

Opfern von „Fake News“ rät Roselieb, schnell zu handeln, es aber insgesamt nicht zu ernst zu nehmen: „Diejenigen, die von ,Fake News' betroffen sind, sind ihrerseits gut beraten, das Thema nicht noch weiter zu verbreiten“, sagt er. „Sie sollten es kurz richtigstellen, dann aber nichts mehr dazu sagen.“ Renate Künast habe ihren Fall öffentlich groß bekannt macht – „es endlos in den Medien zu halten, macht keinen Sinn, weil dann die Nachricht weiterlebt“, so Roselieb. Man müsste „Fake News“ im Internet quasi um die ganze Welt jagen, um sie aus der Welt zu kriegen – es gebe zu viele verschiedene Kanäle. „Jeden Tweet, jeden Post, jede Verlinkung löschen – das funktioniert nicht.“

Mit dpa

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von
erstellt am 16.Dez.2016 | 17:50 Uhr

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