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29. Juni 2016 | 11:13 Uhr

Verkleinerung der Gildevögel : Der Untergang des Schützenlandes

vom

Das Bundesinnenministerium legt sich mit Tausenden von Gildebrüdern an. Denn eine zwei Tage dauernde Gildefeier mutiert mit der Verkleinerung des Gildevogels zum Schnellschussverfahren. Ein Kommentar von Jürgen Muhl.

Sie schießen auf einen Vogel aus Holz. Und freuen sich, wenn Hals und Flügel abfallen. Zum Schluss ist der Rumpf dran. Wer dann nach einigen Stunden dem 20 Zentimeter dicken Hauptstück den Rest gibt, wird zum König ernannt. Jubel bricht aus, das Glas wird gehoben, es lebe der König. An die 1000 Schützengilden pflegen dieses Jahrhunderte alte Brauchtum in schleswig-holsteinischen Städten und Gemeinden. In vielen kleinen Dörfern prägen die Gilden das Leben zwischen Kirche, Pastorat und Gasthaus. Wenn es denn noch einen gastronomischen Betrieb gibt.

Aber auch das Aussterben der Gasthöfe auf dem Lande haben die Schützengilden überlebt. Wenn der Rumpf gefallen ist, geht es ins Festzelt. Fein zurecht gemachte Gildebrüder - entweder in einer polizeiähnlichen Uniform oder auch in Frack und Zylinder - fallen sich um den Hals. Ihnen gehört an diesem Tag fast alles. Zwar nicht die Welt, aber eine ganze Menge. So mancher Gildebruder grüßt mit wohlmeinender Gestik von oben herab in die Menge, als stünden am Wegesrand die dörflichen Untertanen. Schützengilden sehen sich gern ganz vorn. Noch vor den Feuerwehren und Sportvereinen.

Mit eben diesen Gildebrüdern legt sich jetzt das Bundesinnenministerium an. Der Rumpf des Holzvogels soll nur noch einen Durchmesser von ganzen acht Zentimetern haben. Welch ein Desaster, welch ein Behörden-Terror gegen das Symbol der Brauchtumspflege. Kein Vogelrumpf der Welt hält dann noch zwei Flügel, Hals und Kopf aus. Eine zwei Tage dauernde Gildefeier mutiert zu einem Schnellschussverfahren. Was in den Gilden teilweise seit sechs bis acht Jahrhunderten geschichtsträchtig zelebriert wird, bricht in sich zusammen. Wie ein von Würmern aufgefressener Holzvogel.

Die Beamten aus dem Berliner Innenministerium bereiten den Untergang des Schützenlandes vor. Ohne zu erahnen, dass in so manchem Königshaus der Aufstand geprobt wird.

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erstellt am 12.Mär.2013 | 06:49 Uhr

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