Zwischen Pflicht und Kür
Bis zum Amt des Ministerpräsidenten ist es noch ein langer Weg. Doch die bisherigen Etappenziele hat Torsten Albig erstaunlich sicher und geräuschlos gemeistert. Selbstbewusst warf er Ende 2010 seinen Ring in den Hut, souverän gewann er den SPD-Mitgliederentscheid zur Spitzenkandidatur, pragmatisch band er danach seinen Widersacher Ralf Stegner in die Führung ein. Der große Eklat zwischen beiden blieb aus, und nun rücken die Lager in der Nord-SPD zusammen. Albig, der Integrator. Albig, der Pragmatiker: Der 48-jährige Kieler Oberbürgermeister ist der Hoffnungsträger der SPD, und entsprechend fiel das Wahlergebnis des Landesparteitages aus, der ihn nun auch offiziell zum Spitzenkandidaten kürte. Alle, die Albig ein Fiasko prophezeit hatten, weil er nach dem Mitgliederentscheid am Parteivorsitzenden Ralf Stegner festgehalten hatte, wurden eines Besseren belehrt.
Allerdings stehen dem Widersacher von CDU-Spitzenkandidat Jost de Jager die schweren Bergetappen erst noch bevor. Dass die Partei-Basis ihm folgt, hängt auch mit fehlenden Alternativen und dem früheren Polarisierungskurs Ralf Stegners zusammen. Da kam Albig als "Feinmechaniker der Macht" genau zum richtigen Zeitpunkt. Auch die Bürger im Land wissen längst, dass im hochverschuldeten Schleswig-Holstein große Sprünge nicht drin sind. Sowohl die SPD, geeinigt durch Albig, als auch die CDU, in der Jost de Jager die Ära von Boetticher schnell vergessen ließ, gehen geschlossen in die heiße Phase des Wahlkampfes. Beide Parteien haben sich für ausgewiesene Realpolitiker als Spitzenkandidaten entschieden. Den großen Unterschied, der die Wahl entscheiden könnte, wird darin bestehen, wer von den beiden mehr Optimismus verbreitet - nicht trotz, sondern gerade wegen der unumgänglichen Sparpolitik.
Der Spagat zwischen Schuldenbremse und Aufbruchstimmung führt allerdings zu Widersprüchlichkeiten. Albigs Credo von den "sozialen Reparaturkosten", die gesenkt werden müssten, klingt wolkig. Aber die Richtung ist deshalb nicht falsch. Die Frage ist, ob und wo der neue Schwung, den Albig dem Land verheißt, in Wahlversprechen umschlägt, die nicht zu halten sind. Das Eis ist dünn, wie etwa die bildungspolitischen Ziele im SPD-Entwurf für ein Regierungsprogramm zeigen. So sehr ihn das Lübecker Wahlergebnis auch beflügelt: Der SPD-Spitzenkandidat wird sich nun verstärkt kritischen Fragen stellen müssen. Mit dem Hinweis, die SPD könne bei einer Machtübernahme nicht alles gleichzeitig umsetzen, werden sich die Wähler jedenfalls nicht zufrieden geben.




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