Unerträglich stumpfsinnig

30. August 2010 | Von ulrich krökel

Thilo Sarrazin ist ein wandelnder Affront gegen den geistigen Zustand der Republik. Dass sich ein Verlag findet, der mit einem Buch voller kruder und gefährlicher Thesen ein Geschäft machen will, ist traurig genug. Dass sich führende Medien des Landes dazu herablassen, dem Brandstifter den Benzinkanister zu reichen, ist an Peinlichkeit kaum zu überbieten.

Sarrazins Ausführungen zur Volks genetik bewegen sich auf dem Niveau jener Rassentheorien, die im 19. Jahrhundert heranreiften und in der Blut- und Boden-Ideologie der Nazis gipfelten. Wissenschaftlich sind diese Thesen - 100 Jahre und zwei Weltkriege später - längst widerlegt. Die Wahrheit ist: Die Menschheit lässt sich nicht in Rassen unterteilen. Schon gar nicht lässt sich den Individuen einzelner Völkerschaften, etwa den von Sarrazin bemühten Basken, ein typischer genetischer Code zuordnen. Die Unterschiede im Erbgut zweier Menschen - also auch zweier Basken - sind in aller Regel viel größer als die Abweichungen zwischen den vermeintlichen Standardpopulationen. Dass Sarrazin die Überreste der Rassenideologie vom Müllhaufen der Geschichte aufklaubt, hat daher nichts mit Lust an kluger Provokation zu tun - es ist vielmehr unerträglich stumpfsinnig.

Wenn all das nur traurig und nicht ebenso gefährlich wäre, müsste man über Sarrazin schlicht schweigen. Der Mann ist die Aufmerksamkeit nicht wert. Stattdessen ließe sich die seit langem ernsthaft geführte Debatte über die Integrationsprobleme in Deutschland vertiefen. Es gibt sie ja zuhauf, die intelligenten und dabei durchaus provokanten Wortmeldungen zu dem Thema. Man denke nur an die mahnenden Worte des Berliner Bezirksbürgermeisters Heinz Buschkowski. "Multi-Kulti ist gescheitert", sagt er. Doch er leitet das aus der Praxis ab, nicht aus der Vererbungslehre.

"Deutschland schafft sich ab", lautet der Titel des Sarrazin-Buches. Wohl wahr: Eine Gesellschaft, die solches Treiben duldet, schafft sich in der Tat selbst ab. Es muss Mittel und Wege geben, Thilo Sarrazin aus dem Vorstand der Bundesbank und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zu entfernen.


 

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