Schmallenberg-Virus

Trotz Virus: Das Lämmchen will leben

04. Februar 2012 | 06:50 Uhr | Von Rieke Beckwermert

Braucht Hilfe beim Trinken: Das neugeborene Lamm saugt gierig Milch. Foto: Beckwermert

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Borgstedt. Ist es Wimmern oder eher ein Meckern? Schwer zu sagen. Das kleine schwarze Schaf zappelt unter der Rotlichtlampe. Es hat Hunger. Es will aufstehen und schafft es nicht. Das linke vordere Bein ist steif. Landwirt Hans Naeve umfasst mit beiden Händen den Oberkörper des Lamms, hält es fest, richtet es auf. Er führt das Mäulchen an die Zitzen der Mutter. Und dann zeigt der junge Bock, dass er leben will: Er saugt und saugt. Mama Veronika hält ganz still. Naeve lächelt müde. Es ist für alle eine harte Nacht gewesen in dem Borgstedter Stall, für Veronika, für das Lamm, für Bauer Naeve. Keineswegs das, was er sich an seinem Geburtstag gewünscht hatte.

Hans Naeve stapft ins Haus, zieht die Stiefel aus, setzt sich aufs Sofa. Ein Ofen pustet behagliche Wärme ins Wohnzimmer, auf dem Sessel hat sich eine Katze eingerollt. Seit 1983 züchtet der Landwirt, der vom Ackerbau lebt und ein gutes Dutzend Rinder und Hühner hat, Schafe. Er liebt die Tiere, oft benennt er sie nach Romanfiguren. 36 Muttertiere hält Naeve zurzeit. Sie heißen Britney und Tiffy, Cleo oder Veronika. Und Veronika, das glaubt Naeve, hat das Schmallenberg-Virus, das bundesweit unter Schaf-, Ziegen- und Rinderzüchtern Angst verbreitet. Denn Veronika brachte in der Nacht zu Freitag drei Lämmchen zur Welt - zwei weibliche, fehlgebildet und tot, und eins mit steifem Bein. Den kleinen schwarzen Bock. Dazu später mehr.

"Es war ein Schock"

Veronika ist bis jetzt das dritte Tier, das kranke oder tote Lämmer auf seinem Hof zur Welt gebracht hat. "In all der Zeit hat es nur zwei Jahre gegeben, in denen kein Lamm gestorben ist", sagt Naeve. Mal werden sie verstoßen. Mal erfrieren sie. Mal haben sie Infektionen. So etwas wie in diesem Jahr hat er noch nicht erlebt.

Es begann am 25. Januar. Ein Schaf behielt Naeve im Auge, weil die Geburt stockte. Das Lamm kam mit den Hinterbeinen zuerst. Sie waren steif. Eine halbe Stunde lebte es noch. Am nächsten Morgen lag auch die Mutter tot im Stall. "Es war ein Schock", sagt Naeve. "Ich dachte - oh je, jetzt hast du das Virus auch." Dazu kam die Angst. "Wie viele sind noch betroffen?"

Das kleine schwarze Geburtstagslämmchen

Das Sterben ging weiter, ein anderes Schaf gebar ebenfalls missgebildete Zwillinge. Es war schwach, es litt. "Das Mutterschaf hat anderthalb Tage nach den Kindern geschrien", sagt Hans Naeve. Dann erholte es sich. Und es kamen elf Lämmchen zur Welt, offenbar kerngesund. "Ich habe mich richtig gefreut. Das war wie eine Wiedergutmachung", sagt Naeve. Der nasse Herbst, das gute Futter - das hatte sich wohl positiv auf die Fruchtbarkeit der Schafe ausgewirkt. Damals, als vermutlich Mücken zustachen und sie infizierten.

Am Abend seines 54. Geburtstags kündigte sich bei der trächtigen Veronika die Geburt an. "Ich dachte, dann bekomme ich doch noch mein Geburtstagslämmchen", sagt Naeve. Seine Tochter Ira (22) kümmerte sich um die werdende Mutter. Er ging ins Bett. Gegen Mitternacht weckte Ira ihn mit der schlechten Nachricht. Sie riefen den Tierarzt. Mit dessen Hilfe holte Hans Naeve nach den Totgeburten das kleine schwarze Schaf. "Ich hielt die ganze Zeit den Kopf der Mutter in den Händen, sprach ihr gut zu", erinnert er sich.

Untersuchung im Landeslabor

Den Nachweis, dass sich das Schmallenberg-Virus auf seinem Hof ausgebreitet hat, hat Naeve noch nicht. Deshalb soll nun das Landeslabor in Neumünster einen der Kadaver untersuchen. Landwirt Naeve wirkt gefasst, als er einen Sack mit einem der toten Lämmchen über den Hof trägt. "Die nächste Geburt kann ja wieder anders sein", sagt er. 16 seiner Schafe lammen noch. Nur um die Gesundheit seiner Rinder macht der Bauer sich jetzt sorgen. "Ich habe da eine leise Befürchtung."

Das kleine schwarze Schaf im Stall wird wohl noch einige Zeit zappeln und meckern müssen. Alle zwei Stunden wird Hans Naeve ihm beim Trinken helfen. "Ich hoffe, dass es in drei Tagen allein aufstehen kann."


 

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