Schuldensog bedroht Theater
Kiel / Lübeck. Insolvenz, Personalabbau oder Spartenschließungen: Die derzeitigen Perspektiven des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters klingen allesamt unerfreulich. Die Entwicklung in Flensburg und Schleswig wird von den anderen großen Theatern des Landes mit sorgenvollem Interesse beobachtet. Schließlich sind die Probleme in Kiel und Lübeck ganz ähnliche. Durch die Tariferhöhungen der Löhne im öffentlichen Dienst galoppieren den Theatern die Personalkosten davon, während die Landesmittel aus dem kommunalen Finanzausgleich künftig nicht mehr erhöht werden sollen. Die Folge ist an Förde und Trave die gleiche wie am Landestheater: die Lücken im Etat werden mit jedem Monat größer. Am Theater Kiel fehlten am Ende der Spielzeit 2009/10 rund 500 000 Euro. "Dabei lief diese Spielzeit genau wie die davor eigentlich sehr gut", sagt Ralf Klöter, der Kaufmännische Direktor des Hauses. Die Zahl der Besucher und die Erlöse aus dem Vorstellungsbetrieb der Landeshauptstadt steigen kontinuierlich an. Nur reichen die Mehreinnahmen nicht, um die gestiegenen Kosten aufzufangen. Das Defizit von einer halben Million Euro hat die Stadt Kiel in ihren Haushalt eingestellt, das Theater hatte zuvor alle Rücklagen aufgebraucht. Wie lange die Stadt Kiel ihr Theater noch auf diese Weise unterstützen kann, weiß auch Klöter nicht. Das Problem der Lohnsteigerungen im öffentlichen Dienst betrifft schließlich auch die Kommunen. "Wir wissen nicht so recht, wie es weitergeht", gibt Klöter unumwunden zu: "Das Loch wird größer, schon in der kommenden Spielzeit könnten uns bis zu 1,5 Millionen Euro fehlen." Jedes Prozent Lohnsteigerung bringt den Theatern Mehrkosten für das Personal von weit über 100 000 Euro - im Jahr. Durchschnittlich steigen die Löhne im öffentlichen Dienst sogar um zwei Prozent. Es ist eine Kostenspirale mit absehbarem Negativ-Ende, ob im Landestheater, in Kiel oder in Lübeck.
Dort freut man sich auch über hohe Auslastungen und hochgelobte Inszenierungen - und trotzdem hat der Geschäftsführende Direktor vom Theater Lübeck Sorgen. Christian Schwandt muss wegen der Tariferhöhungen mit einem Anschwellen der Unterdeckung von aktuell 400 000 Euro auf 900 000 Euro in der kommenden Spielzeit rechnen. Gerade hat die IHK zu Lübeck das Theater als "wichtigen Wirtschaftsfaktor" gelobt und einen gemeinsamen Arbeitskreis von Kulturschaffenden und Wirtschaftsvertretern angeschoben. Moralische Unterstützung gibt es auch aus dem Rathaus, wo die künstlerische und die betriebswirtschaftliche Arbeit der Theaterleitung hoch gelobt wird.
Nur das Lob allein die Personalkosten, den dicksten Etat-Brocken, der mittlerweile auf 14 Millionen Euro angewachsen ist, nicht ausgleicht. Schwandt wollte die Lohnerhöhungen mit einem Haustarif abfedern. Das lehnten die Mitarbeiter ab. Stattdessen fordert der Betriebsrat, dass die Stadt auf das Gros der Mieteinnahmen des Jugendstilbaus verzichtet - immerhin 412 800 Euro im Jahr.
Also kündigte Schwandt Ende vergangenen Jahres öffentlichkeitswirksam den Mietvertrag, um ihn neu zu verhandeln. Müsste er nur noch die Instandhaltungskosten für das Haus zahlen, würde seine Kasse um 300 000 Euro entlastet.
Die Alternative klingt bedrohlich. Zwar will sich Kultursenatorin Annette Borns bei den Haushaltsverhandlungen für das Theater einsetzen, die Kasse dürfte jedoch kaum Manövriermasse hergeben. Bleibt es beim Status Quo, rechnet Schwandt damit, bis zu 25 Stellen abbauen zu müssen. Damit wiederum wäre sein größtes Kapital, die Qualität, bedroht.



