Richtig helfen!

09. März 2010 | Von anette asmussen

Ohne Frage - die immer neuen Missbrauchsfälle an deutschen Schulen und Internaten erschrecken. Und sie machen hilflos: Wie kann es sein, dass Zeugen, Opfer und Täter über Jahre schweigen? Wie können sexuelle Übergriffe, an denen ganze Leben zerbrechen, am Ende ungesühnt bleiben? Angesichts dieser Hilflosigkeit sind die Forderungen nach einer Verlängerung strafrechtlicher Verjährungsfristen verständlich. Die Politik sieht sich im Zugzwang - und agiert eilig, ohne nachzudenken. Denn: Was ist durch längere Verjährungsfristen gewonnen?

Die Wahrscheinlichkeit, nach 30 oder 40 Jahren eine Verurteilung zu erreichen, tendiert gegen null. Nach so langer Zeit können kaum Beweise für einen nach rechtsstaatlichen Grundsätzen zweifelsfreien Schuldspruch erhoben werden. Zumeist werden es die Gerichte mit sich widersprechenden Aussagen zu tun bekommen, die kaum glaubhaft und deshalb angreifbar sind. Immerhin beruhen Aussagen in Missbrauchsfällen mit zunehmendem Abstand zur Tat häufig auf Pseudoerinnerungen - also auf falschen Gedächtnisinhalten, von deren Wahrheit der Aussagende aber überzeugt ist. Daneben erfüllen die Verjährungsregelungen einen Zweck: Sie sorgen für Rechtssicherheit. Auch zugunsten der Opfer, die in ihrem Leben mit den Folgen des Missbrauchs fertig werden müssen. Was bringt ihnen eine späte juristische Auseinandersetzung? Sie werden angegriffen, ihre Aussagen angezweifelt, gutachterlich geprüft und möglicherweise verworfen. Was bringt ihnen selbst eine Verurteilung des Täters nach 30, 40 Jahren? Im besten Fall Genugtuung - aber hilft das wirklich?

Was den Betroffenen wirklich hilft, ist Unterstützung - Unterstützung durch Familie, Freunde und professionelle Therapien. Wenn also Verjährungsfristen verlängert werden sollten, dann die der zivilrechtlichen Ansprüche auf Rente, Schmerzensgeld und Schadensersatz. Denn diese Rechte verlieren die Opfer schon nach drei Jahren. Und: Statt wieder nur anonym Gesetze zu ändern, sollten wir alle Verantwortung dafür übernehmen, dass in unserer Nähe keine Mauern des Schweigens mehr gebaut werden können. Dann bleiben sexuelle Übergriffe auch nicht über Jahre ungesühnt.


 

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