Offenbarungseid
Sie haben wohl wirklich um Verbesserungen gerungen, die deutschen Bischöfe. Doch die neuen Leitlinien für den Umgang mit sexuellen Missbräuchen, die ihr Missbrauchsbeauftragter - Bischof Stephan Ackermann - gestern der Öffentlichkeit vorstellte, enttäuschen. Denn: Natürlich ist es zu begrüßen, dass kirchliche Würdenträger zur Aufklärung von Verbrechen mit Staatsanwaltschaft und Polizei zusammenarbeiten wollen. Natürlich ist es richtig, dass mutmaßliche Täter nicht zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden dürfen. Und ebenso gut ist es, wenn Missbrauchsbeauftragte unabhängig agieren dürfen.
Aber: Sind nicht all diese Grundsätze selbstverständlich - schon gar für eine Organisation, die für sich in Anspruch nimmt, Menschen mit christlicher Nächstenliebe zu begegnen?
Trotzdem kam das neue Regelwerk erst nach zähen Diskussionen zustande. Es umfasst 55 statt der bisher 16 Punkte in den Leitlinien aus dem Jahr 2002. Die Umständlichkeit ist verräterisch: Ein gradliniger Umgang mit dem Thema scheint den Bischöfen nicht zu gelingen.
So gleicht die gestrige Veröffentlichung einem Offenbarungseid, denn: Wo eine Atmosphäre der Offenheit herrscht, wo Klartext gesprochen wird, braucht es keine Regeln, die in lang ausgehandelten Formulierungen Selbstverständliches transportieren. Wo nicht finanzielle Interessen, nicht hierarchisches Denken oder der eigene Vorteil im Vordergrund stehen, sondern tatsächlich christliche Nächstenliebe, herrscht keine Angst vor der Wahrheit. Und ohne Angst vor der Wahrheit ist es selbstverständlich, genau hinzuschauen, wenn es um Verbrechen geht. Dann findet sich keine unbeobachtete Nische mehr, in der Missbrauch versteckt werden könnte.



