"Nathan der Weise" modern inszeniert

08. Februar 2010 | Von Karin Lubowski

Die Interpretationen der Handelnden sind so jung wie der Konflikt. Foto: Lutz Roessler

Lübeck. Sperrige Verse, lange Monologe: Wo Lessings "Nathan der Weise" auf die Bühne kommt, drohen anstrengende Deutschstunden aufzuerstehen - oder? In Lübeck hatte das 231 Jahre alte dramatische Gedicht jetzt Premiere - als modernes, leidenschaftliches, packendes Erkenntnis-Abenteuer.

Jerusalem um 1190, zur Zeit des Dritten Kreuzzugs: Heimgekehrt von einer Handelsreise, erfährt der weise Jude Nathan (Andreas Hutzel), dass seine Pflegetochter Recha (Lisa Charlotte Friederich) bei einem Brand knapp dem Tod entkommen ist. Ein junger Tempelherr (Till Bauer) hat sie gerettet. Nathan will dem Christen danken, doch der weist den Juden brüsk ab; schlimm genug, dass er sein Leben einer Begnadigung durch den Sultan Saladin (Jörn Kolpe) verdankt.

Im heiligen Land herrscht unheiliger Hass auf Andersgläubige. Dennoch verweben sich die Vertreter der Religionen fest miteinander. Der Tempelherr verliebt sich in Recha, der Sultan braucht die finanzielle Hilfe des reichen Nathan - und stellt ihm die Frage nach der wahren Religion.

Eine Probe, die Nathan furios besteht. In der "Ringparabel", der Schlüsselszene des Stückes, berichtet er von drei Söhnen, denen der Vater drei gleichwertige und identische Ringe vermacht.

Ein kompliziertes Stück. Generationen von Schülern wissen das. Doch wer die intellektuellen Diamanten schürfen konnte, der hat ein Stück fürs Leben. Die Lübecker sind da brillante Pädagogen. Unter der Regie von Andreas Natusius entsteht ein hochmodernes Drama. Lessings Sprache mag sich widersetzen - die Interpretationen der Handelnden sind so jung wie der Konflikt.

Eine der wichtigsten Rollen spielt das Bühnenbild. Auf einer zunächst schwarzen Bühne lässt Annette Breuer nach und nach eine helle, bröckelnde Mauer zum Vorschein kommen. Dahinter wird ein kreisrund eingefasster Garten Eden sichtbar. Menschen sind ausgesperrt. Die Inszenierung macht die Vielschichtigkeit Lessings im wahrsten Wortsinn sichtbar: Ganz vorne knüpft Will Workman am Klavier einen expressiven Klangteppich (Musik Felix Huber), in den Seitenlogen agieren der Sultan und seine Schwester, vom ersten Rang aus hetzt der Patriarch.

Das stillt das Bedürfnis nach Optik in einem handlungsarmen Werk. Je tiefer der Blick des Zuschauers in die Kulisse vordringt, desto komplexer werden Ereignisse und Ursachen. Am Ende sind Menschen und Kulturen untrennbar verflochten und - anders als bei Lessing - ein alter Nathan schreitet das Paradiesrund ab. Ein erkenntnisreicher Abend.


 

Leserkommentare

 
 

SHZ.DE MOBIL

Auch unterwegs bestens informiert!

Mit der iPhone-App und dem Mobilportal von shz.de haben Sie die neuesten Nachrichten aus Schleswig-Holstein immer zur Hand.

Weitere Informationen...

 
INSTITUT50PLUS
Lebendig leben...
Angebote für eine aktive Lebensgestaltung
 
HÄUFIG GELESEN

Neue Koalition einig: Mehr Geld für Bildung

Kostenfreie Bildung von der Kita bis zur Uni fordert die neue Regierung. SPD, Grüne und SSW planen ...mehr

 
 


KONTAKT | IMPRESSUM | AGB | DATENSCHUTZ