Energiewende in Schleswig-Holstein
Momentaufnahme eines Kraftaktes
Flügel - über die kaum noch jemand hinweg sehen kann: Allein in Schleswig-Holstein gibt es aktuell etwa 2700 Windkrafträder. Foto: sh:z
Kiel. An ihr hängt viel Hoffnung - zugleich zieht sie aber auch viel Wut auf sich. Die Windkraft ist eine der tragenden Säulen der Energiewende. Ihr Ausbau in ganz großem Stil ist beschlossene Sache. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das für die Menschen in Schleswig-Holstein große Veränderungen mit sich bringen wird - viele Möglichkeiten, aber auch Probleme, Sorgen, Nöte. Eine regionale Momentaufnahme des nationalen Kraftaktes.
Bundesweit drehen sich aktuell rund 22 297 Windräder (installierte Leistung knapp 29 075 Megawatt), davon knapp 2700 in Schleswig-Holstein (installierte Leistung 3271 Megawatt). Dabei dürfte die Zahl der Anlagen als auch die installierte Leistung im hohen Norden in den kommenden Jahren rasant nach oben schnellen.
Politik und Branchenverbände trotz Protest zuversichtlich
So ist in diesem Jahr der Baubeginn für zwei Offshore-Windparks vor der schleswig-holsteinischen Küste geplant. Etwa 35 Kilometer nördlich von Helgoland soll der Park Nordsee-Ost entstehen, etwa 70 Kilometer vor Sylt der Park DanTysk. Für weit stärkere Aufmerksamkeit sorgen aktuell aber die Pläne der Landesregierung, nach denen der Umfang der Windkrafteignungsgebiete von 0,78 auf 1,5 Prozent der Landesfläche fast verdoppelt werden soll. Politik und Branchenverbände geben sich ungeachtet der Proteste in Teilen der Bevölkerung zuversichtlich, dass das Verfahren noch vor der Landtagswahl im Mai abgeschlossen sein wird.
"Wir reden über 9000 Hektar zusätzlich. Darauf könnten beispielsweise 1000 neue Zwei-Megawatt-Anlagen aufgestellt werden", sagt Windcomm-Manager Martin Schmidt. Die Planungen für die Aufstellung neuer Windräder laufen in einigen Orten bereits auf Hochtouren. "Die normale Vorlaufzeit beträgt zwei bis drei Jahre. Es gibt aber Projektplaner und Betreibergesellschaften, die haben bereits im Vorwege alle Gutachten eingeholt. Die benötigen - sobald die zusätzlichen Flächen zur Verfügung stehen - nur noch eine Baugenehmigung. Die könnten Ende dieses Jahres bereits mit dem Bau neuer Windparks beginnen", so Schmidt.
Tausende Jobs hängen an Energiewende
Die zusätzlichen Windräder bringen nicht nur die Energiewende voran, sondern auch die regionale Windwirtschaft. Schätzungen zufolge hängen bereits heute Tausende Jobs daran. Die Palette der Firmen reicht von großen Windkraftanlagenbauern, die hier Standorte oder auch Produktionsstätten haben, bis hin zu Baufirmen, Service- und Wartungsbetrieben, Planungsbüros, Versicherern und Banken.
Nicht zuletzt profitieren Schiffszulieferer, Werften und Häfen vom Offshore-Geschäft. "Ich gehe von Gesamtinvestitionen der Windbranche im Bundesland von zirca zehn Milliarden Euro in den kommenden sechs bis sieben Jahren aus", sagt Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE).
Hamburg positioniert sich als "Hauptstadt" der Windenergie
Doch das Windgeschäft ist hart umkämpft. Hamburg hat sich als Deutschlands "Hauptstadt" der Windenergie positioniert. So haben viele große Konzerne der Branche in den letzten Jahren ihre Zentrale in die Hansestadt verlegt. Zudem soll dort 2014 erstmals eine internationale Windmesse ausgerichtet werden - notfalls auch in Konkurrenz zu dem etablierten Standort in Husum. Dass es darüber einen offenen Streit gibt, sagt viel aus.
Auch das Windgeschäft auf dem Meer ist nicht leicht. Lange hatten fast ausschließlich Häfen in Niedersachsen, der in Bremerhaven und auch das europäische Ausland bei der Windbranche im Fokus gestanden. Aber der Zug sei für Schleswig-Holstein noch nicht abgefahren, heißt es in der Branche. Inzwischen kann man auch hier auf erste Erfolge verweisen.
Bürgerwindparks: Ohne Risiko läuft es nicht
Auf gute Geschäfte mit dem Wind setzen nicht zuletzt auch Bürger, die sich an Windparks beteiligen oder dafür ihre Felder verpachten. Denn der verkaufte Strom kann ihnen eine satte Rendite bescheren - und den Gemeinden eine satte Gewerbesteuer. Eine Garantie gibt es dafür aber nicht. Selbst in Orten, in denen es gut läuft, heißt es, dass viel vom Standort abhängt, von der Qualität der Anlagen, vom Wetter. Ohne Risiko läuft es nicht.
Der BWE verbindet mit Bürgerwindparks auch eine breite Akzeptanz der Technologie. "Mittlerweile gibt es in Schleswig-Holstein Hunderte solcher Bürgergesellschaften mit jeweils Hunderten von beteiligten Bürgern. Ich vermute, dass die Zahl der direkt und indirekt Beteiligten bei mehreren Zehntausend liegt. Die Beteiligung an Windprojekten ist für viele Bürger möglich, da die Einstiegsbeträge oft nur bei einigen hundert Euro liegen", sagt Hermann Albers.
Viele ungelöste Fragen
Andernorts wird kritisiert, dass die Beteiligung an einem Windpark meistens erst bei 5000 Euro beginnt. Nicht jeder hat so viel. Und: Bürgerwindpark ist nicht gleich Bürgerwindpark. Einige werden nur von Bürgern betrieben, an anderen beteiligen sich auch Großinvestoren. Die Modelle sind unterschiedlich. Auch gibt es Parks, die ausschließlich in der Hand von Fondsgesellschaften sind.
Doch trotz Konkurrenz und wirtschaftlichem Risiko könnte die Energiewende viele Gewinner mit sich bringen - wären da nicht noch so viele ungelöste Fragen, wie die des dringend erforderlichen Netzausbaus (siehe Infokasten). Wie die massiven Probleme mit dem Bau der Windparks auf dem Meer. Wäre da nicht der stark gewachsene Protest in der Bevölkerung. So haben sich im Aktionsbündnis Gegenwind-SH inzwischen 60 Bürgerinitiativen zusammengeschlossen. Sie kritisieren die "Verspargelung" der Landschaft, Geräusch-Belästigungen, Schattenwurf, sorgen sich um den Naturschutz, bringen Wertverluste ihrer Häuser und Grundstücke an. Sie sehen die wirtschaftlichen Interessen einiger weniger im Vordergrund stehen. Sie fühlen sich von der Politik nicht gut informiert und mitgenommen. Und auch wenn Politik und Wirtschaft von klaren Mehrheiten für die Windkraft sprechen - die Kritik dieser Bürger findet bei ihnen Gehör.
Der zweite Teil der Serie erscheint am 21. Februar und beschäftigt sich mit der Kohlekraft im Land.
Herausforderung Netzausbau
Was nützt der ganze saubere Windstrom, wenn er am Ende "weggeworfen" wird? Gar nichts, darin sind sich Windmüller, Verbraucher, Stromtrassenbetreiber und Umweltschützer einig. Trotzdem ging im vergangenen Jahr Windstrom im Wert von 20 Millionen Euro verloren, weil die Kapazität der Netze nicht ausreichte, um ihn aufzunehmen. Häufig dauert es mehr als zehn Jahre, bis die Planungen für neue Stromtrassen abgeschlossen sind. In Schleswig-Holstein müssen nach Angaben der Netzbetreiber rund 700 Kilometer neue Hoch- und Höchstspannungsleitungen gebaut werden; fertiggestellt ist bisher nur die 110 KV-Leitung zwischen Breklum und Flensburg. Es gilt den Balanceakt zwischen schnellerer Planung auf der einen und mehr Bürgerbeteiligung auf der anderen Seite zu schaffen. Im Land wurde zu diesem Zweck im Sommer 2011 eine Beschleunigungsvereinbarung zwischen dem Wirtschaftsministerium und den beiden großen Netzbetreibern Eon-Netz und Tennet geschlossen. Neben mehreren 110 KV-Leitungen soll im Jahr 2015 mit dem Bau einer 380 KV-Leitung an der Westküste begonnen werden. Im Bund wurde mit dem neuen Netzausbaubeschleunigungsgesetz der Weg für eine zügigere Planung von großen Stromtrassen über Ländergrenzen hinweg bereitet. kea
Leserkommentare
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Au backe shz. Das unterirdische shz-Niveau ist nicht mehr zu toppen. Ein fadloses Geschreibsel ohne Fakten. Leblos werden Worte aneinandergereiht...
Fakt ist, im Rahmen der Energirwende beginnt der "Häuserbau" mit dem Dach, statt erst das Fundament zu legen (Netzausbau). Für die Betreiber gibt es kein Ridiko. Selbst nicht produzierter Strom wird mit satten Förderungen honoriert. Auf diese perverse Leistung sind unsere Polit-Nieten auch noch stolz.
In den letzten drei Wochen hat der Wind Urlaub gehabt, Strom gab es trotzdem. Aus Brundbüttel. Igittigit Atomstrom, aber dafür zuverlässig. Ich warte auf den Tag, an dem eine grüne Gemeinde den Mut hat, sich von dem furchtbaren Atom- und Kohlestrom völlig abzustöpseln und sich nur auf Wind und Sonne verlassen. Mit genügend Holz im Garten können sie dann wenigstens noch Kaffee kochen...
Seltsam, selbst die überzeugten EEG-Fantasten, sind noch nicht auf die Idee gekommen. Warum wohl...
Hier ein Vortrag, dort ein Bürgerforum zur Energiewende und alle Vortragenden wissen viel um Windkraft. Die Krux ist, sie haben nie eine einzige Anlage betrieben bzw. und geben falsche Informationen an die Steuerzahler. So geschehen in Sachen Bürgerwindpark Negenharrie/Groß Buchwald/Wattenbek und in Bordesholm beim Bürgerforum.
Letztere Veranstaltung holte sich Frau Deutschmann von der FH Kiel als Moderatorin.
Sie ließ sogenannte Fachleute jeweils 1 Stunde reden und regte sich dann auch noch auf, das zu wenig Diskussion stattfinden konnte und schob die Ergebnisse
der Bürgerentscheide gegen die Windkraftanlagen auf die Fehlinfos der BürgerInnnen genau durch diese Vortragenden. Frau Deutschmann wollte im Pressegespräch wohl noch einmal für sich "Werbung" betreiben! Auch der VB Geschäftsführer sollte seine Kompetenz endlich durch eigene Schulungsmaßnahmen auffrischen. Denn seine fachliche Glaubwürdigkeit sprachen ihm schon Gemeindevertreter und Bürger anderer Amtsgemeinden ab.
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A: gesamte Strom-Erzeugung in Schleswig-Holstein in 12 Monaten
P: erzeugter aber nicht abgenommener Strom im gleichen Zeitraum (Pseudoenergie)
H: im eigenen Haushalt verbauchter Strom im gleichen Zeitraum
Alle Werte in Kilowattstunden (kWh) wie auch auf der Stromrechnung.
E: Stromrechnungsbetrag in Euro für den gleichen Zeiraum
P / A * 100 = Prozent-Anteil des Pseudo-Stromes (nicht abgenommener Strom)
H - H * P / A = Im Haushalt verbrauchter Strom ohne Pseudo-Anteil oder direkt:
E - E * P / A = zu zahlender Betrag.
Schriftliche Begründung an den Stromlieferanten:
Die Rechnung basiert auf einem Strompreis pro kWh, der das Entgelt für erzeugten aber nicht abgenommenen Strom enthält.
Wir sind nicht bereit, den von Ihnen nicht abgenommenen und damit an uns nicht gelieferten Strom zu bezahlen und verringern daher den Rechnungsbetag entsprechend.
Sandra Wiegard, wir vermissen Sie hier!
Mensch, bin ich froh, dass Sie mich nicht vermissen.... ;-)
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Geschäftemacher locken Bürger mit dem Versprechen hoher Renditen, ihre Spargroschen in Windturbinen zu investieren. Man wird sehen,ob die Kleinanleger damit wirklich Geschäfte machen können.
Bei den Landbesitzern ist das anders. Die können mit Pachteinnahmen von bis zu 50 000 EURO pro Jahr für eine einzige Windturbine auf ihrem Acker rechnen. Ohne Arbeit. Man müßte schon sehr charakterstark sein, wollte man als Landbesitzer der Versuchung widerstehen.
Auch hier schwärmt die Verfasserin von der satten Gewerbesteuer für die Gemeindekassen, ohne eine einzige belastbare Zahl zu nennen. Wo sind die Gemeinden, die dank der Gewerbesteuer aus WKA in Geld schwimmen? Bekannt sind Gemeinden, die auch nach über zehn Jahren noch keinen EURO davon gesehen haben. Kein Wunder, denn die Betreiber sind nicht blöd. Und außerdem haben sie einen pfiffigen Steuerberater.
Daß die Gegenwindler bei Politik und Wirtschaft gehört werden, ist eine Verfälschung der Realität. Die Politiker beugen sich nur, wenn in Bürgerentscheiden für zwei Jahre Tatsachen geschaffen werden, an denen niemand vorbeikann, ohne das Recht zu beugen.
Insgesamt wieder einmal ein Werbeblock für die Windindustrie, der die Verlierer, nämlich Menschen, Natur und Umwelt nicht erwähnt. Erneut eine verpaßte Gelegenheit.