Momentaufnahme eines Kraftaktes

14. Februar 2012 | Von Tanja Nissen

Flügel - über die kaum noch jemand hinweg sehen kann: Allein in Schleswig-Holstein gibt es aktuell etwa 2700 Windkrafträder. Foto: sh:z

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Kiel. An ihr hängt viel Hoffnung - zugleich zieht sie aber auch viel Wut auf sich. Die Windkraft ist eine der tragenden Säulen der Energiewende. Ihr Ausbau in ganz großem Stil ist beschlossene Sache. Ein ehrgeiziges Vorhaben, das für die Menschen in Schleswig-Holstein große Veränderungen mit sich bringen wird - viele Möglichkeiten, aber auch Probleme, Sorgen, Nöte. Eine regionale Momentaufnahme des nationalen Kraftaktes.

Bundesweit drehen sich aktuell rund 22 297 Windräder (installierte Leistung knapp 29 075 Megawatt), davon knapp 2700 in Schleswig-Holstein (installierte Leistung 3271 Megawatt). Dabei dürfte die Zahl der Anlagen als auch die installierte Leistung im hohen Norden in den kommenden Jahren rasant nach oben schnellen. So ist in diesem Jahr der Baubeginn für zwei Offshore-Windparks vor der schleswig-holsteinischen Küste geplant. Etwa 35 Kilometer nördlich von Helgoland soll der Park Nordsee-Ost entstehen, etwa 70 Kilometer vor Sylt der Park DanTysk. Für weit stärkere Aufmerksamkeit sorgen aktuell aber die Pläne der Landesregierung, nach denen der Umfang der Windkrafteignungsgebiete von 0,78 auf 1,5 Prozent der Landesfläche fast verdoppelt werden soll. Politik und Branchenverbände geben sich ungeachtet der Proteste in Teilen der Bevölkerung zuversichtlich, dass das Verfahren noch vor der Landtagswahl im Mai abgeschlossen sein wird.

"Wir reden über 9000 Hektar zusätzlich. Darauf könnten beispielsweise 1000 neue Zwei-Megawatt-Anlagen aufgestellt werden", sagt Windcomm-Manager Martin Schmidt. Die Planungen für die Aufstellung neuer Windräder laufen in einigen Orten bereits auf Hochtouren. "Die normale Vorlaufzeit beträgt zwei bis drei Jahre. Es gibt aber Projektplaner und Betreibergesellschaften, die haben bereits im Vorwege alle Gutachten eingeholt. Sie benötigen - sobald die zusätzlichen Flächen zur Verfügung stehen - nur noch eine Baugenehmigung. Die könnten Ende dieses Jahres bereits mit dem Bau neuer Windparks beginnen", so Schmidt.

Die zusätzlichen Windräder bringen nicht nur die Energiewende voran, sondern auch die regionale Windwirtschaft. Schätzungen zufolge hängen bereits heute Tausende Jobs daran. Die Palette der Firmen reicht von großen Windkraftanlagenbauern, die hier Standorte oder auch Produktionsstätten haben, bis hin zu Baufirmen, Service- und Wartungsbetrieben, Planungsbüros, Versicherern und Banken.

Große Geschäfte,

großer Protest


Nicht zuletzt profitieren Schiffszulieferer, Werften und Häfen vom Offshore-Geschäft. "Ich gehe von Gesamtinvestitionen der Windbranche im Bundesland von zirca zehn Milliarden Euro in den kommenden sechs bis sieben Jahren aus", sagt Hermann Albers, der Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE).

Doch das Windgeschäft ist hart umkämpft. Hamburg hat sich als Deutschlands "Hauptstadt" der Windenergie positioniert. So haben viele große Konzerne der Branche in den letzten Jahren ihre Zentrale in die Hansestadt verlegt. Zudem soll dort 2014 erstmals eine internationale Windmesse ausgerichtet werden - notfalls auch in Konkurrenz zu dem etablierten Standort in Husum. Dass es darüber einen offenen Streit gibt, sagt viel aus. Auch das Windgeschäft auf dem Meer ist nicht leicht. Lange hatten fast ausschließlich Häfen in Niedersachsen, der in Bremerhaven und auch das europäische Ausland bei der Windbranche im Fokus gestanden. Aber der Zug sei für Schleswig-Holstein noch nicht abgefahren, heißt es in der Branche. Inzwischen kann man auch hier auf erste Erfolge verweisen.

Auf gute Geschäfte mit dem Wind setzen nicht zuletzt auch Bürger, die sich an Windparks beteiligen oder dafür ihre Felder verpachten. Denn der verkaufte Strom kann ihnen eine satte Rendite bescheren - und den Gemeinden eine satte Gewerbesteuer. Eine Garantie gibt es dafür aber nicht. Selbst in Orten, in denen es gut läuft, heißt es, dass viel vom Standort abhängt, von der Qualität der Anlagen, vom Wetter. Ohne Risiko läuft es nicht.

Der BWE verbindet mit Bürgerwindparks auch eine breite Akzeptanz der Technologie. "Mittlerweile gibt es in Schleswig-Holstein Hunderte solcher Bürgergesellschaften mit jeweils Hunderten von beteiligten Bürgern. Ich vermute, dass die Zahl der direkt und indirekt Beteiligten bei mehreren Zehntausend liegt. Die Beteiligung an Windprojekten ist für viele Bürger möglich, da die Einstiegsbeträge oft nur bei einigen hundert Euro liegen", sagt Hermann Albers. Andernorts wird kritisiert, dass die Beteiligung an einem Windpark meistens erst bei 5000 Euro beginnt. Nicht jeder hat so viel. Und: Bürgerwindpark ist nicht gleich Bürgerwindpark. Einige werden nur von Bürgern betrieben, an anderen beteiligen sich auch Großinvestoren. Die Modelle sind unterschiedlich. Auch gibt es Parks, die ausschließlich in der Hand von Fondsgesellschaften sind.

Doch trotz Konkurrenz und wirtschaftlichem Risiko könnte die Energiewende viele Gewinner mit sich bringen - wären da nicht noch so viele ungelöste Fragen, wie die des dringend erforderlichen Netzausbaus (siehe Infokasten). Wie die massiven Probleme mit dem Bau der Windparks auf dem Meer. Wäre da nicht der stark gewachsene Protest in der Bevölkerung.

So haben sich im Aktionsbündnis Gegenwind-SH inzwischen 60 Bürgerinitiativen zusammengeschlossen. Sie kritisieren die "Verspargelung" der Landschaft, Geräusch-Belästigungen, Schattenwurf, sorgen sich um den Naturschutz, bringen Wertverluste ihrer Häuser und Grundstücke an. Sie sehen die wirtschaftlichen Interessen einiger weniger im Vordergrund stehen. Sie fühlen sich von der Politik nicht gut informiert und mitgenommen. Und auch wenn Politik und Wirtschaft von klaren Mehrheiten für die Windkraft sprechen - die Kritik dieser Bürger findet bei ihnen Gehör. Der zweite Teil der Serie erscheint am 21. Februar und beschäftigt sich mit der Kohlekraft im Land.


 

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