Liebe auf den ersten Ton

26. Januar 2012 | 00:10 Uhr | Von Karin Lubowski

Fagott-Fans: Sebastian Ludwig-Di Salvatore , Hedwig Dworazik und Sandra Vockrodt. Foto: Lub

Lübeck. Das Fagott? Der Großvater in Prokofjews "Peter und der Wolf" fällt einem da ein - und sonst? In der Wahrnehmung scheint das Instrument ein eher schattiges Dasein zu führen.

Lange Zeit sei es als "Kauz, Grobian oder Clown" tituliert worden, sagt auch der renommierte Fagottist Klaus Thunemann. Von den Landesmusikräten Schleswig-Holsteins und Berlins zum "Instrument des Jahres 2012" gekürt und mit Thunemann als Schirmherr, soll das Fagott aus dem Schatten der Stereotype treten - sehr zur Freude seiner Studierenden der Musikhochschule zu Lübeck. In der Klasse von Prof. Pierre Martens ist der Reiz dieses Instrumentes keine Frage, die Zahl der Studenten - acht - zeigt indessen das Problem: Das Fagott leidet unter Nachwuchssorgen.

Die meisten kennen sie nur vom Blick in den Orchestergraben: Schimmernde Ahorninstrumente mit seltsam gebogenem Mundstück- Fagotte sind Exoten. Wie kommt man ausgerechnet zu diesem Instrument? Studentin Hedwig Dworazik (22), gelernte Flötistin, sattelte mit 14 Jahren um, weil sie sich mehr Chancen für ein Musikerinnen dasein ausrechnete. Mit Querflöte hatte auch Sandra Vockrodt (29) angefangen, als eine von sechsen in ihrem Schulorchester. "Jede Stimme war doppelt besetzt. Das hat mich genervt."

Sie wechselte mit 16 zum Fagott, studiert es und geht mit ihrem Instrument obendrein den Weg der Musikpädagogik - ein ganz seltenes Unterfangen. Für Sebastian Ludwig-Di Salvatore (20) dagegen hat es nie eine andere musikalische Liebe gegeben. Ob er Fagottino lernen wolle, hatte seine Mutter den Sechsjährigen gefragt. Und weil ihm "Peter und der Wolf" längst lieb war, griff er zu. "Ich wollte nie etwas anderes spielen", sagt er.

Man merkt, wenn es fehlt

Liebe auf den ersten Ton war es auch bei Prof. Pierre Martens. "Mit acht Jahren hatte ich zum ersten Mal ein klassisches Live-Erlebnis" erzählt der heute 33-Jährige. "Ich war auf Anhieb fasziniert." Martens beklagt jedoch, dass es insbesondere im Schleswig-Holstein zu wenig Fagottisten gebe. "Seit Jahren war dieser Engpass für ganz Deutschland voraussehbar. Im Süden allerdings kümmern sich Musikschullehrer und Instrumentenbauer längst intensiv um den Nachwuchs."

Im Norden nimmt Martens das Motto "Instrument des Jahres" zum Anlass, zum Fagott zu verführen: "Vier meiner Studenten präsentieren ein Programm extra für Kinder an Grundschulen oder an Musikschulen." Tatsächlich hat das Fagott anderes als Nachwuchssorgen verdient. Als Soloinstrument komme es zwar eher selten zum Einsatz, räumt Hedwig Dworazik ein. "Dafür aber in guter Kammermusik." Und Sandra Vockrodt beschreibt Seele und Wirkung des Instrumentes so: "Aus dem Orchester hört man es selten heraus, aber man merkt, wenn es fehlt."

Natürlich haben auch die gewichtigen Exoten ihre großen Momente. In den ersten 16 Takten von Tschaikowskis 6. Sinfonie beispielsweise, das Lieblingsstück Sebastians. "Ich war nie so dankbar, dass ich Fagott spiele", sagt er in Erinnerung an seine erste Begegnung damit. Und wie häufig das Instrument unerkannt in aller Ohren ist, erklärt Sandra: "In Werbung und Filmen wird es wahnsinnig häufig eingesetzt." Beispiele gefällig? Die ARD-Serie "In aller Freundschaft" oder "Inspektor Barnaby", der im ZDF seine Fälle im britisch-schrulligen Milieu löst. Da jedoch wird das Fagott selbst gleich wieder in die kauzige Schublage gesteckt, denn sein Klangvermögen ist bedeutend umfangreicher.

An der Musikhochschule steht das "Instrument des Jahres 2012" in den kommenden Wochen mehrfach im Fokus: Am 31. Januar, 20 Uhr, beim Fagott-Klassenabend und am 13. Februar um 19 Uhr bei Sandra Vockrodts Prüfung zum Bachelor of Musik. Ebenfalls zum Einsatz kommt es schon eine Woche vorher bei ihrem Abschluss in Elementarer Musikpädagogik: Am 6. Februar ab 19 Uhr spielt sie zusammen unter anderem mit Schulkindern auf. "Dieser Termin ist für Kinder unbedingt geeignet", wirbt sie. Und der Eintritt ist jeweils frei.


 

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