Krieg und Frieden
25. September 2003: Kanzler Gerhard Schröder nach einer Regierungserklärung zum Irak-Krieg im Bundestag. Einen Tag zuvor hatte er nach einem Gespräch mit US-Präsident George Bush in den USA den Streit mit dem Verbündeten offiziell für beendet erklärt. Foto: dpa
Man stelle sich vor, nicht nur US-Präsident Barack Obama hätte eine Rede an die Nation gehalten, sondern auch die Bundeskanzlerin. Man stelle sich vor, sie hätte ebenfalls den Kampfeinsatz im Irak für beendet erklärt, hätte der toten und verwundeten deutschen Soldaten gedacht und die Kosten der Beteiligung am Irak-Krieg aufgelistet. Wäre Angela Merkel 2003 schon im Kanzleramt gewesen, wäre es wohl so gekommen. Deshalb muss das "bemerkenswerte Kapitel", wie Obama den Krieg vielsagend umschrieb, in Deutschland im Dank an Ex-Kanzler Gerhard Schröder münden. Merkels Vorgänger hat der Bundeswehr einen Waffengang erspart, der weder vom Völkerrecht gedeckt war, noch wesentlich zum Frieden beigetragen hat.
Das Verheerende an diesem Kampf einsatz sind die Opfer in der Zivilbevölkerung. Da faselten PR-Strategen als Teil der US-Kriegsmaschinerie von "chirurgischen Schlägen" gegen die feindlichen Stellungen das Diktators Saddam Hussein. Die Zahlen, die jetzt das amerikanischen Verteidigungsministerium nennt, sprechen diesem Begriff Hohn. Mindestens 9500 irakische Soldaten seien ums Leben gekommen, sagt das Pentagon, und über 112 600 Zivilisten. Frauen und Kinder haben den Haupt-Blutzoll bezahlt, ohne dass sich ihre Lage im Land entscheidend verbessert hat. Im August starben bei Anschlägen unterschiedlicher Terrorgruppen 426, im Juli 535 Iraker - auch hier vor allem Zivilisten.
Die westlichen Truppen - voran die amerikanischen Soldaten - haben, wie Obama sagte, einen "hohen Preis" bezahlt. 4400 Tote, 32 000 Verwundete allein bei den US-Truppen sind ein bitteres Erbe des früheren US-Präsidenten George W. Bush. Er ließ es den damaligen deutschen Kanzler Gerhard Schröder deutlich spüren, dass sich dieser der westlichen Kriegsallianz - zu der auch Dänemark zählte - verweigerte. Viele, der Autor dieser Zeilen eingeschlossen, haben den Regierungschef dafür kritisiert. Jetzt, da Obama den Irak-Krieg nach sieben Jahren offiziell für beendet erklärt hat, ist die Stunde, das Urteil von einst zu korrigieren.
Selbstverständlich ist im westlichen Verteidigungsbündnis Solidarität zu üben, und gerade die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist ein hohes Gut. Deshalb wäre es falsch und billig, Häme über den Kampf der USA gegen ein menschenverachtendes Regime und gegen den internationalen Terrorismus zu gießen. Im Nachhinein ist jeder klüger. Die Entscheidung Gerhard Schröders, Deutschland aus dem Krieg herauszuhalten, zeigt aber auch, dass zu einer guten Freundschaft auch die Kraft zum Nein-Sagen und Standhaftigkeit gehören. Zumal, wenn am Ende so viel Tod und Leid stehen. Schröders Entscheidung war ein Weg der Vernunft. Ein grundsätzliches Nein zu Auslandseinsätzen - von Afghanistan bis zum Horn am Afrika - war es nicht.




