Kohlekraft im Land vor dem Ende?

21. Februar 2012 | Von Kerstine Appunn

Kohlehalden und Hafengewässer liegen in Schleswig-Holstein oft nah beieinander: Am Wasser bieten sich gute Möglichkeiten für die Belieferung und Kühlung der Kraftwerke. Foto: dewanger

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Flensburg / Brunsbüttel.

Bis 2020 will die Bundesregierung die Kohlendioxid-Emissionen um 40 Prozent verringern. Gleichzeitig soll bis dahin vollständig auf Strom aus deutschen Kernkraftwerken verzichtet werden. Sorgt das für ein Revival der Kohlekraft? Den einen gilt sie als Retter in der Not, weil sie leistungsfähig und inzwischen auch flexibel genug ist, um den Atomstrom zu ersetzen und die Netzstabilität sicherzustellen. Andere halten sie für eine veraltete, schmutzige Energiequelle, die rund ein Drittel des weltweiten Kohlendioxid-Ausstoßes verursacht und daher abgeschafft werden sollte.

Schleswig-Holstein hat sich für die erste Sichtweise entschieden. So geht es aus dem Energiekonzept der Landesregierung hervor und so formuliert es auch Energie-Staatssekretärin Tamara Zieschang: "Angesichts der unvermeidbaren Fluktuation der erneuerbaren Energien sind zur Sicherung der Netzstabilität mittelfristig weiterhin fossile Kraftwerkskapazitäten erforderlich."

Mit Steinkohle wurden im Jahr 2009 in Schleswig-Holstein 3 640 495 Megawattstunden Strom erzeugt. Das waren knapp 16 Prozent der Nettostromerzeugung, wie die aktuelle Energiebilanz des Statistischen Amtes für Hamburg und Schleswig-Holstein ausweist. Zum Vergleich: Die Kernenergie trug 51 Prozent und die erneuerbaren Energien 28 Prozent bei. Auch weil die Kohlekraft nur auf Rang drei der Energiequellen steht, liegt der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß in Schleswig-Holstein um 30 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Umweltschützer befürchten jedoch, dass diese gute Bilanz zunichte gemacht wird, denn noch vor einigen Monaten schien der Ausbau der Kohlekraft im Norden nur noch eine Frage der Zeit.

In Brunsbüttel waren sogar vier neue Kraftwerke geplant. Zur Zeit liegen die Projekte jedoch auf Eis, eines ist bereits ganz abgesagt worden. Der Grund: Die Unsicherheit. "Die Bundesregierung wechselt ihr Konzept einfach zu oft", sagt die Geschäftsführerin der Süd-West-Strom-Kraftwerk GmbH (SWS), Bettina Morlok. Die SWS begann im Jahr 2007 in Brunsbüttel ein großes Steinkohlekraftwerk mit einer Gesamtleistung von 1740 Megawatt (MW) zu planen. Zum Vergleich: das Kernkraftwerk Brunsbüttel hatte nur eine Nettoleistung von 771 MW. Doch obwohl alle Genehmigungen vorliegen, sieht die SWS momentan vom Bau des Kraftwerks ab. "Die Wirtschaftlichkeit ist derzeit nicht gegeben", sagt Bettina Morlok. Es sei noch schwieriger als sonst, die Strompreise zu prognostizieren.

Einerseits erwägt die Bundesregierung, der Kohlekraft sogar Zuschüsse aus dem Energie- und Klimafonds zukommen zu lassen. Andererseits wird es in Zukunft wohl so sein, dass die Nutzungsstunden konventioneller Kraftwerke nur dann bezahlt werden, wenn gleichzeitig keine regenerativen Energien zur Verfügung stehen, sprich wenn der Wind nicht weht. Unter dieser Bedingung wäre das große Steinkohlekraftwerk nicht rentabel. Es sei denn, eben dieser Strom, der in Zeiten des Wind-Strom-Mangels verlässlich von der Kohlekraft geliefert werden kann, wird so großzügig vergütet, dass es sich lohnt, nur zu diesen Zeiten Strom zu produzieren. Welches dieser Szenarien eintreten wird, kann momentan niemand sagen. Und deswegen hat auch die Firmengruppe GETEC, die ein 800 MW Gemeinschafts-Steinkohlekraftwerk auf dem Gelände des Bayer-Industrieparks Brunsbüttel errichten wollte, ihre Planungen erst einmal auf den Status "Abwarten" gesetzt.

Gas statt Kohle

Während die neuen Kohlekraftwerke auf der Kippe stehen, sind die alteingesessenen Energieerzeuger in Kiel, Flensburg und Wedel mit einer Leistung von 323, 177 und 260 Megawatt weiterhin am Netz. Allerdings zeichnet sich eine Umstellung ab. Die Laufzeit des Kieler Gemeinschaftskraftwerks ist bis 2015 bemessen, das Heizkraftwerk in Wedel wird im Winter 2016/2017 komplett abgeschaltet. An beiden Orten laufen die Planungen für gasbetriebene Anlagen. In Flensburg werden die Stadtwerke 2016 in einem ersten Schritt zwei ältere Kessel durch Gas-Dampf-Turbinen ersetzen und streben an, bis zum Jahr 2050 komplett CO2- neutral zu produzieren.

Da liegt die Frage nahe, ob der Nicht-Bau neuer und die Abschaltung alter Kohlekraftwerke bei gleichzeitigem Atomausstieg eine Gefahr für die Stromversorgung in Schleswig-Holstein bedeuten. Aus dem Wirtschaftsministerium kommt diesbezüglich Entwarnung: Erstens wird mit einer steigenden Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien gerechnet, zweitens verbraucht das Land längst nicht die gesamte erzeugte elektrische Energie selbst. Lediglich der Stromexport könnte geschmälert werden.

Im Ergebnis bleibt: Obwohl die Kohlekraft politisch als Übergangslösung gewollt ist und viele Investoren in den Startlöchern standen, könnte Schleswig-Holstein in den kommenden Jahren zu einem nahezu kohlekraftfreien Land werden. Schlecht für diejenigen, die in diese Energieform investiert haben. Gut für Umweltschützer, wie die Bürgerinitiative Gesundheit und Umweltschutz in Brunsbüttel, die in Anbetracht der abgewendeten Feinstaub- und Schwermetallbelastung frohlocken. Es sei denn, es kommt doch noch alles anders...

Der dritte Teil der Serie erscheint am 28. Februar und beschäftigt sich mit der Solar-Energie.


 

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