"Ich führe ein komplett anderes Leben"

28. Januar 2012 | Von Interview: Martin Schulte

Neu erfunden - auch als Schriftstellerin: Andrea Paluch. Foto: dewanger

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Flensburg. "Zwischen den Jahren" heißt der neue Roman von Andrea Paluch. Darin erzählt sie die Geschichte einer Ehe, die durch einen Verdacht auf eine große Probe gestellt wird. Ein Buch darüber, was eine Beziehung auch in großen Turbulenzen und nach vielen gemeinsamen Jahren zusammenhält. Ein Buch aber auch, das durch biografische Parallelen zwischen Ich-Erzählerin und Autorin Raum für Spekulationen öffnet. Wie der Partner der Roman-Protagonistin, der Polit-Talker im Fernsehen geworden ist, hat auch Andrea Paluchs Mann seine literarische Karriere (vorerst) hinter sich gelassen: Robert Habeck ist Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im schleswig-holsteinischen Landtag. Eine zusätzliche Ebene, die die Flensburger Autorin in ihre Geschichte eingewoben hat.

Frau Paluch, Sie sind mit einem Schriftsteller verheiratet, der zum Politiker geworden ist. Stimmt der Eindruck, dass diese Veränderung ein Grund für Ihr neues Buch war?

Ja, diesen Eindruck kann man gewinnen. Aber es ist kein Buch über mein Leben.

Aber mit biografischen Einflüssen?

Es ist schon so, dass sich eine Menge verändert hat, seit Robert Politiker ist. Und diese neuen Erfahrungen hatten auf jeden Fall Einfluss auf das Buch.

Was genau haben Sie gelernt?

Wie sich ein Familienbild wandelt. Vorher haben wir alles zusammen gemacht, jetzt arbeite nur noch ich zu Hause und Robert hängt mit Kubicki und Carstensen rum. Man ist überrascht, was eine berufliche Veränderung mit einem macht. Ich führe ein komplett anderes Leben. Diese Veränderung war zunächst ein Schock, aber jetzt ist sie spannend und eine Neuerfindung. Davon erzählt das Buch. Wie man sein Leben neu ordnet.

Trotzdem ist Ihnen die Umstellung nicht leicht gefallen?

Ich habe immer noch meine Arbeit und erfahre dadurch meine Anerkennung. Aber es gab den Moment, da konnte ich zum ersten Mal verstehen, warum Frauen, die nur zu Hause sind, oft frustriert sind.

Wer fehlt Ihnen mehr? Der Partner in der Familie oder der für die schriftstellerische Arbeit?

Keiner fehlt. Es ist anders und neu. Natürlich ist das gemeinsame Schreiben etwas anderes als allein zu arbeiten. Ich finde es zu zweit immer noch besser. Und zu Hause ist es so, dass ich der Manager bin. Robert bemüht sich nach Kräften mich zu unterstützen, aber die Organisation liegt bei mir.

Was war die größte Umstellung beim Schreiben?

Die Arbeitsweise. Robert und ich haben den Stoff zunächst mündlich entwickelt und viel geredet. Dann haben wir alles aufgeschrieben und zusammen formuliert. Jetzt muss ich mit der Stimme in meinem Kopf reden. Ich weiß also noch gar nicht, wie der Text gesprochen klingt. Und ich habe das erste Mal einen Lektor gebraucht, der Sachen sieht, für die ich früher Robert hatte.

Ihre Roman-Protagonistin moniert, dass ihr Mann und sie sich einst gemeinsam für "Erkenntnis durch Sprache" eingesetzt hätten. Dann habe er die Pferde gewechselt. Das klingt nach einem Ideologiewechsel, den die Frau nicht nachvollziehen kann. Eine Parallele zu Ihrem persönlichen Lebensplan?

Nein, gar nicht. Die ersten zehn Jahre, als die Kinder klein waren, waren wir beide zu Hause. Jetzt haben wir beide mehr Freiräume und Robert lebt die eben in der Politik aus, das ist für ihn genau das Richtige. Ich war nur ziemlich blauäugig, als ich gesagt habe: Mach das mal. Wir haben damals auf dem Dorf gelebt und ich war plötzlich nur noch Taxifahrerin für die Kinder - drei Mal am Tag nach Flensburg und zurück. Daraufhin sind wir nach Flensburg gezogen, jetzt ist es perfekt.

Warum dann die biografischen Parallelen zu der Ich-Erzählerin ihres Romans?

Früher habe ich es komplett abgelehnt, irgendetwas aus dem eigenen Leben in die Literatur zu übertragen. Ich fand das unangemessen. Trotzdem wurden wir oft gefragt, wie viel von uns in den Figuren ist. Wir haben damit gespielt. Bei diesem Buch ist es anders: Die letzten zwei Jahre waren für mich existenziell bedeutsam, deshalb waren die biografischen Einflüsse bei diesem Buch, wie ich finde, erlaubt.

Birgt das Spiel mit Biografie und Fiktion nicht auch die Gefahr, dass die Trennung nicht deutlich genug wird? Sie beschreiben in Ihrem Buch ja auch eine Affäre.

Das einzige, was daran biografisch ist, ist die Stimmungslage der Verunsicherung. Alle Figuren und die Handlung haben mit mir sonst nichts zu tun. Vielmehr habe ich geschildert, was bei mir im Bekanntenkreis gelaufen ist. Was da an Beziehungen und abgefahrenen Betrugsgeschichten gelaufen ist - der reine Wahnsinn. Das war dermaßen absurd, wie in schlechten Filmen.

Was denkt Ihr Mann über die biografischen Parallelen?

Da habe ich ihn nicht gefragt. Es ist ja mein Buch. Und es ist nicht so biografisch, dass es seine Persönlichkeitsrechte verletzen würde. Außerdem habe ich ihn auch in meinen Kolumnen schon oft erwähnt. Das fand er nicht schlimm und wenn die Menschen jetzt denken, er kommt in dem Roman vor, dann wird er damit klar kommen.

Es klingt in dem Buch auch durch, dass Politik Ihre Sache nicht ist.

Das stimmt bezogen auf Berufspolitiker. Ich bin zwar kein unpolitischer Mensch, aber ich will mich nicht in einer Partei engagieren.

Wird von der Frau eines Politikers nicht öffentliche Präsenz erwartet?

Ich höre schon manchmal, dass ich mitgehen sollte. Ich war auch schon zwei, drei Mal dabei, aber ich werde trotzdem noch oft vermisst. Auch mein Mann hätte mich gewiss gern öfter dabei. Nur ist das Zeit, die man meiner Ansicht nach besser nutzen kann.

Wird sich Ihr Leben noch einmal verändern, wenn Ihr Mann nach den Landtagswahlen im Mai in die Regierungsverantwortung rutschen sollte?

Nein, er wird weiterhin weniger da sein. Das klingt gemein und er mag es nicht, wenn ich das so sage. Denn er ist natürlich da oder sagen wir: Er versucht alles, um viel da zu sein. Er ist wirklich ein ganz toller Familienvater. Und ich weiß, er leidet noch mehr als ich darunter, dass er die Familie so selten sieht. Es gab ja auch mal die Idee nach Berlin zu gehen...

2008 als Nachfolger des damaligen Bundesvorsitzenden Reinhard Bütikofer...

Genau. Wir haben gesagt, wenn es für ihn eine Option ist, soll er das machen, aber wir bleiben hier. Die Kinder sind dänisch sozialisiert und sollen hier ihre Schule zu Ende machen. Wir hätten ihm zwar den Rücken freigehalten, aber Robert kann nicht so weit entfernt von seiner Familie sein. Er bekommt dann richtig Heimweh, deshalb wäre Berlin nichts für ihn gewesen.

Die Familie wird also weiter in Schleswig-Holstein bleiben?

Ja. Wir haben es hier super.

Andrea Paluch: "Zwischen den Jahren", Ellert & Richter Verlag, 160 Seiten, 14.95 Euro. Im gleichen Verlag: "Nichts ist alltäglich", Kolumnen, die im Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag erschienen sind, 192 Seiten, 8,95 Euro.


 

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