Ein Mann und seine Verzweiflung

08. März 2010 | Von Wolfgang Butzlaff

Kiel. Dass ein Mann die Untreue seiner Frau nicht verkraftet und sie deshalb getötet hat, liest man noch heute jeden Tag in der Zeitung. Bei Wozzeck steckt aber mehr dahinter als persönliche Eifersucht. Mord seiner Geliebten Maria und Selbstmord sind seine Reaktion auf die Sinnlosigkeit der ganzen Welt. Sie prägt den deprimierenden Gesamteindruck von Alban Bergs Oper und auch ihre Kieler Neuinszenierung durch Daniel Karasek.

Zwar hat der Komponist versucht, krasse Emotionalität durch strenge musikalische Formen zu bändigen. Doch wem gelingt es schon, angesichts der atonalen Zwölftonstruktur der Partitur während der Aufführung eine fünfsätzige Suite oder Sinfonie herauszuhören? Zweifellos hat sie Johannes Willig mit den Kieler Philharmonikern sorgfältig einstudiert und im prall gefüllten Orchestergraben exakt nachgestaltet. Wahrgenommen aber werden vor allem extrem gegensätzliche Klangfarben. Ihr düsterer, aufwühlender Charakter stützt Melancholie und Verzweiflung der Handlung, ohne immer erkennbar auf Einzelheiten bezogen zu sein. Vor einer leeren, abstoßenden Unwirtlichkeit ausstrahlenden Keller- oder Tunnelhöhle und in Norberts Ziermanns Einheitsrahmen mit schrägen Seitenrampen rückt Karasek die Szenen in ein begrenztes Feld oder läßt die zusammengeballte Menschenmasse aus dem Untergrund hochfahren. Alles Grau in Grau, dominierend auch in Claudia Spielmanns Kostümkollektion. Nur ein orangener Guckkasten als Marias Wohnzelle bringt Farbe und menschliche Wärme ins Bild.

Sehr eindringlich verkörpert Jörg Sabrowski Wozzecks Überlebenskampf als Barbier und Versuchskaninchen, sein Gehetzsein, seine Halluzinationen und seine Ausweglosigkeit. Zu wenig sinnfällig allerdings sein Verschwinden im Teich. Sonja Mühleck darf und kann sich mit Marias Verbindung von Mütterlichkeit und Sexualität am ehesten auch sängerisch entfalten. Beklemmend schön die Abschiedsszene von Wozzeck und Maria im Mondlicht. Hervorragend im Ausschöpfen des Textes und gestisch-mimischem Rollenprofil Fred Hoffmann als Hauptmann und Hans Georg Ahrens als Doktor. Anfechtbar nur die Besetzung des Tambourmajors mit Jan Vacik, eher ein in die Jahre gekommener, brutaler Lustmolch als ein vitaler junger Weiberheld. Viel Erfreuliches im übrigen Ensemble.

Stellvertretend für das Trümmerfeld aller Ideale verzerrt der choreographisch geschickt einbezogene Chor (Einstudierung: David Maiwald) den "Jäger aus Kurpfalz". Anhaltender Applaus für diese Aufführung aus einem Guss!


 

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