Die etwas andere Couture

06. Februar 2012 | Von Karin Lubowski

Lübeck. So glamourös hat sich die Kunsthalle St. Annen noch nie gezeigt. "Couture" ist der Titel der aktuellen Ausstellung, in der 100 der spektakulärsten Kreationen des Berliner Mode- und Materialkünstlers Stephan Hann, Jahrgang 1970, in Szene gesetzt sind - nicht einfach Mode, wenn auch meisterhaft genäht, gehäkelt, gestrickt. Hann ist berühmt für seine Materialien, und die sind alles andere als Klamotten.

Eine Kollektion, komplett geschaffen aus Berliner Plastiktüten des Jahres 2011; große Roben, geschaffen aus Zelluloid, Tetrapacks oder bedrucktem Fotopapier, Anzüge aus Tape-Bändern gehäkelt - wie durch Zauberhand scheinen Hanns Objekte den nüchternen Räumen der Kunsthalle den flüchtigen Geist der Modewelt eingehaucht zu haben. Schaufensterpuppen, einige davon selbst schon Kunstwerke, präsentieren aufwändige Handarbeiten. Auf den zweiten, genaueren Blick zeigen sich aber tiefere Schichten der Werke. Hann verwendet Materialien, die jeder kennt und benutzt, interpretiert sie neu, gibt ihnen Dauerhaftigkeit und schafft damit den Gegenpart zur flüchtigen Mode. Niederländische Architekturzeichnungen sind zu kunstvollen Kleidern verarbeitet.

Eine Ausgabe des "Journal du Dimanche" aus dem Jahr 1860 hat Hann zu Rock und Oberteil modelliert. In seiner spektakulärsten Kreation sind Hunderte Bilder von Blumen zu einer prachtvollen Schleppe gearbeitet. Zwischen den Modekreationen sind Kunstwerke drapiert, für die er sich ebenfalls mit Materialien wie Zelluloid und beschichteter Pappe auseinandergesetzt und eine bewegende Ästhetik geschaffen hat.

Es sind Arbeiten aus den vergangenen 15 Jahren, die Hann für das Lübecker Haus zusammengestellt hat, und mit denen er dem Betrachter einen Blick in seinen künstlerischen Werdegang und auf seine grundsolide Basis erlaubt: Hann ist gelernter Herrenmaßschneider; entsprechend akkurat und einfühlsam verarbeitet er die Materialien.

Dass er seinen Beruf an der Deutschen Oper Berlin erlernte, öffnete ihm bald die Türen zur Kunst. Zu der, sagt er, habe es ihn stetig hingezogen. "Irgendwann hatte ich ein Berliner Telefonbuch in der Hand und die Idee, aus den Seiten etwas Neues zu machen. Das war mein magischer Moment", erinnert er sich. Das Kleid, das diesem magischen Moment entsprang, ist ebenfalls in Lübeck zu sehen.


 

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