Der Untergangsprophet
Mit der Allparteien-Empörung hat Thilo Sarrazin sicher gerechnet und sie für den Verkaufserfolg seines Buches einkalkuliert. Da ihm als Vorstandsmitglied der Bundesbank lächerlich geringe Kompetenzen zugeordnet wurden, genießt er seinen Nebenjob als Untergangsprophet. Auf Provokation hat Sarrazin Lust, auch wenn er damit seinen an sich guten Ruf als Finanzfachmann ruiniert.
Die Mischung aus Herabsetzungen, Halbwahrheiten und Realstatistik im jüngsten Buch fände jedoch kein so großes Echo, wenn seine Polemik nicht durch Alltagserfahrung vieler Großstädter bestätigt würde. Der Bildungsnotstand bestimmter Zuwanderergruppen, die Fehlsteuerungen des deutschen Sozialsystems und der hochaggressive Antisemitismus junger Muslime zeugen von mangelhafter Integrationspolitik jener Parteivertreter, die Sarrazin zum Neonazi abstempeln wollen.
Wenig überzeugend ist allerdings, dass sich die Ausländerprobleme Berlins gerade in den sieben Jahren zuspitzten, als der Buchautor Senatsmitglied war. Aus dieser Zeit ist keine einzige Integrations-Initiative des damaligen Finanzsenators bekannt. Sein Sendungsbewusstsein zur Rettung des Deutschtums erwachte erst in der Abstellkammer der Bundesbank.
Jahrelang ignorierte Sarrazins SPD Warnungen der eigenen Kommunalpolitiker vor Parallelgesellschaften. Beseelt durch Multikulti-Naivität der Grünen beschloss die Schröder-Regierung ein verfassungswidriges Zuwanderungsgesetz. Union und FDP wiederum leugneten Zuwanderung und drückten sich lange vor deren Konsequenzen für das Bildungswesen. Die Proteste vieler Parteipolitiker sind deshalb so billig wie Sarrazins Stammtischparolen. Im Gegensatz zu rechtspopulistischen Parlamentsparteien in mehreren Nachbarländern ist der SPD-Mann in unserem politischen Spektrum zwar noch isoliert. Durch bessere Ausländerpolitik müssen seine Kritiker aber hart daran arbeiten, dass das so bleibt.




