"Der Seiltänzer": Die Suche nach dem Sinn
Hamburg. Sind wir nicht alle Seiltänzer? Und wie das Leben so spielt, kommt es der Fiktion manchmal sehr nahe. Der Reihe nach.
Im vergangenen Jahr schrieb der Vorstandsvorsitzende der "Zeit"-Stiftung, Prof. Michael Göring, einen Roman, in dem erstmals in der deutschsprachigen Literatur die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche eine zentrale Rolle spielen und zu der Frage führen: Wie weit hat sich das tägliche Leben in der katholischen Kirche von deren Dogmen entfernt, wie sehr klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander und bringen Menschen in Not?
"Der Seiltänzer" heißt Görings Debütroman, nachdem er bisher als Leiter einer der größten deutschen Stiftungen mit Fachbüchern brilliert hat. Der "Seiltänzer" ist in seinem Werk der 50-jährige katholische Priester Andreas, der nach außen ehelos lebt, wie es der Zölibat verlangt. Aber der sich heimlich mit einer Freundin trifft und sich nach einer Familie sehnt. Sein bester Freund aus Schulzeiten, Thomas, hat einen anderen Weg eingeschlagen und führt ein bürgerliches Leben. Gerade als Andreas in seiner katholischen Gemeinde unter Verdacht gerät, selbst in einen Missbrauchsfall verwickelt zu sein, erleidet Thomas einen Herzinfarkt. Andreas kann von ihm beim Besuch auf der Intensivstation keinen Rat erwarten. Im Gegenteil. Die Rückfahrt wird zur Sinnsuche. Das scheinbar geordnete Leben des Priesters ist aus der Bahn geraten. Wo ist sein Weg, wo gibt es Halt?
Görings Buch kam im Spätsommer im Hoffmann und Campe-Verlag heraus; jetzt ist bereits die dritte Auflage auf dem Markt. Der Debütroman des Stiftungsexperten stößt nicht nur in der Literaturkritik auf viel Lob. "Der Seiltänzer" wird selbst in der katholischen Kirche nicht als "katholisch-feindlich" betrachtet, sondern als ein nachdenkliches Werk, in dem die Hauptfigur in seiner westfälischen Gemeinde gegen die Vertuschungsstrategie der Kirche bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle ankämpft.
Auf dem Buchtitel ist ein Mann zu sehen, der einsam auf einem schmalen Steg am Wasser steht. "Der Seiltänzer" enthält wohl auch ein Stück Biografie des Autors. Göring trat vor 25 Jahren aus der katholischen Kirche aus und in die evangelische Kirche ein. Die verkrusteten Strukturen in der Papstkirche hatten ihn zum Wechsel bewegt. "Wie lange", fragt der Buchautor, "lassen sich im Katholizismus noch innerkirchliche Reformen - vom Zölibat über das Kondomverbot bis zur Negierung des Frauenpriestertums - verhindern?"
Die evangelische Kirche sei stärker "von unten" verfasst, sagt Göring. Ein "Seiltänzer" ist wohl auch er - und sei es die Gratwanderung zwischen seiner Arbeit als Stiftungsexperte und als Romanautor. Bereits in seiner Studienzeit in den USA begann er, der im Fach englische Literaturwissenschaft promovierte, Kurzgeschichten zu schreiben. Jetzt, nach dem Erfolg des Debütromans, ist ein zweites Werk in Arbeit.
"Glauben zu wollen und zu können, ist ein beständiger Kampf", sagt Göring mit Blick auf seine Romanfigur. Und: "Was trägt den Menschen, wenn plötzlich der Boden unter ihm wegbricht?"
Geschichten, die das Leben schreibt. Anfang dieser Woche machte die Meldung die Runde, dass die evangelische Kirchengemeinde im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel einen neuen Pastor bekommt. Ingo Pohl war zuvor katholischer Priester. Das katholische Amtsverständnis, wird er zitiert, sei am Ende nicht mehr seins gewesen. Deshalb habe er gewechselt. Der Roman "Der Seiltänzer" ist in einer Welt des Umbruchs von brennender Aktualität.
Am 6. Februar, 20 Uhr, liest Göring im Literaturhaus in Kiel aus seinem Werk. Am 22 März, 19.30 Uhr, ist er Gast im Internat in Louisenlund.
Michael Göring: "Der Seiltänzer", Hoffmann und Campe, 352 Seiten, 19,99 Euro, ISBN: 978-3-455-40099-1





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