Am Pranger der neuen Unkultur
Es hat Jahrhunderte gedauert, bis der Pranger abgeschafft wurde. An ihn wurden Verurteilte gestellt und der öffentlichen Schande ausgesetzt. Schmähungen und Bespuckungen waren noch harmlos; oft wurden die an den Pranger gefesselten Personen geschlagen und mit Gegenständen beworfen. Erst vor rund 150 Jahren endete in Deutschland die Zeit dieser mittelalterlichen Strafe.
Heute, im 21. Jahrhundert, braucht die Obrigkeit niemanden mehr an den Pranger zu stellen. Das macht "das Volk" ganz allein - im Internet. Hier gibt es kaum Schranken. Rechtliche nicht, weil das Internet aller Politiker-Behauptungen zum Trotz ein weitgehend rechtsfreier Raum ist. Und moralisch sowieso nicht, weil es sich - zumal hinter der Maske eines Tarnnamens - ganz ungehemmt schmähen, schimpfen, agitieren und beleidigen lässt.
Die Chancen des Internets zu einem lebendigen Diskurs werden so vielfach missbraucht - von einer Minderheit, über deren Tun die Mehrheit vielfach hinwegsieht. Dabei ist Courage auch hier notwendig, damit aus den neuen Möglichkeiten kein Fluch wird. Internet-Foren sollen die öffentliche Debatte auch künftig bereichern.
Wie schnell man an den Pranger kommen kann, hat unsere Zeitung während des Wahlkampfs erfahren. Medien, die austeilen, müssen auch einstecken können. Deshalb gibt es für unsere Redaktion keinen Grund, beleidigt zu sein. Wohl aber zeigt der Vorgang im September dieses Jahres auf, wie wenig das Internet oft mit Wahrheit und Aufklärung zu tun hat und wie viel mit dem antiken Scherbengericht. Im einstigen Athen konnten Bürger anonym über andere Bürger abstimmen. Wenn es der Plebs so wollte, wurden unschuldige Bürger per Mehrheitsbeschluss in die Verbannung geschickt.
Ausgangspunkt der plebiszitären Internet-Empörung war die Berichterstattung zur Landtags- und Bundestagswahl. Unsere Redaktion verfuhr wie praktisch alle anderen Medien auch. Keine Partei - bis auf die links- und rechtsextremistischen - wurde von der Wahlkampf-Berichterstattung ausgenommen. Auf den Lokalseiten der einzelnen Ausgaben wurden einzelne Kandidaten vorgestellt, wurde über deren Programme oder Aktionen berichtet. Dabei wurden die Freien Wähler selbstverständlich ebenso wenig ausgeklammert wie die Piratenpartei.
Weil Zeitungen öffentlich sind, ist dies jederzeit nachprüfbar - zum Beispiel per E-Paper oder durch eine Suche auf dem Internetportal shz.de. Tatsächlich aber entfachte die Piratenpartei im Netz ein wahres Feuerwerk gegen unsere Redaktion. Von einer angeblichen "Stallorder" war die Rede, nicht über die Piratenpartei zu berichten. Das war objektiv falsch, hält sich aber bis heute im Netz.
Die Sache wäre nicht der Rede wert, gäbe es nicht unzählige Beispiele dieser Art - und hätten nicht inzwischen viele gegen diese neue Form des "E-Bolschewismus", wie der Kulturchef der "Zeit", Jens Jessen, solche Internet-Unkultur titulierte, schlicht kapituliert. Doch muss es nicht auch hier Mut zum Eingreifen geben, um nicht zivilisatorische Dämme brechen zu lassen?
Jeden kann es im Netz treffen. Viele ahnen vermutlich gar nicht, in welchen Foren sie auftauchen. Wie tief die Meinungs- und Diskussionskultur im Internet gesunken ist, erfahren vor allem Menschen, die im öffentlichen Rampenlicht stehen. Auch hier ein Beispiel. Als Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen im Dezember letztlich doch im Bundesrat dem umstrittenen Wachstumsbeschleunigungsgesetz zustimmte, hagelte es Kritik. Das gehört durchaus zum politischen Geschäft und wäre nicht zu beanstanden, würde die Auseinandersetzung in den anonymen Netz-Foren nicht häufig nur aus Beleidigung und Intoleranz bestehen. Dass er ein "Vaterlandsverräter" sei, "einer der größten Spinner vor dem Herrn", "immer gelogen habe wie Sau" und sich in "vollkommener Abhängigkeit der Scientology" befinde - das sind noch eher harmlose Versatzstücke aus dem Posaunenchor der Netzjünger.
Aber ist das nicht authentisch, spricht hier nicht der "Volkszorn"? Mag sein. Doch anders als am mittelalterlichen Pranger weiß der Geschmähte meist nicht einmal mehr, wer ihn diffamiert. Dabei gehört zu einer Zivilgesellschaft eben auch die Bereitschaft, sich offen zur eigenen Meinung zu bekennen, Courage zu zeigen, statt sich zu verstecken. Oder muss diese Demokratie damit leben, dass im Internet Menschen anderer Hautfarbe, ausländische Mitbürger oder welche Minderheiten auch immer auf einzelnen Websites aufs Übelste diffamiert werden?
Man kann vor der neuen, anscheinend "herrschaftsfreien" Diskussionskultur kapitulieren - stets darauf hoffend, nicht eines Tages selbst am Schandpfahl zu stehen. Oder man verzichtet auf die Tarnaktionen und nimmt in Kauf, dafür der "Zensur" bezichtigt zu werden. So müssen sich Besucher des Internet-Portals unserer Zeitung, die in den Foren ihre Meinung sagen wollen, künftig zuvor namentlich registrieren lassen.
Weil neue Jahre immer mit guten Vorsätzen beginnen: Wir hoffen, dass die muntere, vielfältige Diskussion in unseren Internet-Foren mit vielen kritischen Stimmen 2010 nicht abnimmt, wohl aber Toleranz und Respekt zunehmen. Ohne sie funktioniert Demokratie nicht.



