Ach Sarrazin!

01. September 2010 | Von klaus may

Bei der langsam bis zum Verdruss aufgeblasenen Sarrazin-"Affäre" geht es längst schon nicht mehr um ein Buch und dessen wirkungsvolles Marketing eines fantasiebegabten Demagogen, des wortgewandten und provokanten Politikers Thilo Sarrazin, sondern hier schwingen ganz andere Gefühle und Betroffenheiten mit.

Auch die extremsten Stellen in Sarrazins gebundenen Gedankenspielen und Provokationen lohnen jedenfalls den medialen und politischen Aufschrei nur bis zu dem Punkt, der endlich einmal wieder polternd daran erinnert, was dieses Land beim Thema "Bürger mit ausländischem Hintergrund" alles falsch gemacht hat. Unvergesslich, wie lange eine große deutsche "Volkspartei" bei der ärgerlichen, offenkundig realitäts ge störten Behauptung blieb, Deutschland sei kein Einwanderungsland. Das war schon vor Jahrzehnten falsch. Wer jedoch seine ausländischen "Mitbürger" nicht sehen will, auch nicht die längst eingebürgerten Deutschen mit ausländischen Wurzeln, der braucht sich natürlich auch nicht um das Thema zu kümmern. Sarrazin tut das auf seine Weise.

Er kaut eine in Großstädten längst bekannte Tatsache wieder: Verglichen mit bestimmten türkischen Milieus - aber auch anderen, keineswegs nur muslimischen - gibt es sehr viel inte grationswilligere und -fähigere Zuwanderer als in Berliner oder Hamburger Türkenvierteln. Ursachen und Gründe sind bekannt. "Gene" und die Religion sind es objektiv nicht. Womit Sarrazin gerade hierzulande die Menschen so auf die Palme bringt, ist, dass die braunen Massenmörder ähnlich argumentierten, bevor sie staatsloyalen Juden und Zigeunern die Zugehörigkeit zu einer von ihnen erfundenen "Herrenrasse" absprachen - mit allen entsetzlichen Konsequenzen. Das alles hat Sarrazin nicht erwähnt. Aber solche Assoziationen hat er auch nicht vermieden. Das weiß ein intelligenter, sprachsicherer Autor selbstverständlich. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

"Bild", eine der größten europäischen Boulevard-Zeitungen stellt sich Hand in Hand mit dem in einer anderen politischen Liga spielenden "Spiegel" als Verkaufsförderer zur Verfügung für Sarrazins Buch. Mit Parteiausschluss, mit Hinauswurf aus dem Bundesbank-Vorstand ist weder dem Autor noch dem Thema beizukommen. Das Buch beweist vor allem: Die Zeiten, in denen der simple Hinweis reichte, eine "politisch unkorrekte" Aussage sei "Stammtisch" und als Meinung öffentlich unerwünscht, sind vorbei. Nicht nur Thilo Sarrazin hat harte, überzeugende, fundierte Gegenargumente verdient. Vielleicht kommen diese auch endlich einmal von den vielen, seit Jahrzehnten in Bund und Ländern hochoffiziell für "Politische Bildung" Verantwortlichen. 1933 liegt inzwischen doch schon etwas zurück. Jetzt sind andere Themen dran. Sarrazin liefert eine perfekte Vorlage.


 

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