TAGESTHEMA
"Dann fliegen wir halt nicht mit zum Mars"
Serhyi Zhadan verweigert schon in den E-Mails, in denen wir unser Treffen vereinbaren, konsequent das "Sie". Und als er dann dasteht, dieser zierliche, zugleich durchaus sportliche junge Mann in Turnschuhen, Bluejeans und mit einem Lausbubenlächeln auf den Lippen - da bleiben wir trotz professioneller Distanz wie selbstverständlich beim "Du".
Verabredet haben wir uns am Lenin-Denkmal auf der noch immer vom Sowjet-Gigantismus geprägten "Ploschtscha zentralna", dem größten Platz Europas im Herzen von Charkiw. Die Bolschewiki hatten die russisch Charkow genannte Industriemetropole zwischen den Weltkriegen sogar zur Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik gemacht. In dem östlichen, stärker proletarisch geprägten Charkow erhofften sie sich mehr Unterstützung als im bürgerlichen Kiew.
Die Frage nach der in Charkiw noch immer präsenten Sowjet-Architektur übergeht der Jungstar der ukrainischen Literatur („Depeche Mode”) mit einem schelmischen Grinsen. "Für mich kein Thema", soll das wohl heißen. Dennoch zieht es ihn weg von Lenin, hin in den "Irish Pub" seiner Heimatstadt. Dort trifft sich der 33-Jährige oft mit Freunden zum Fußballgucken. Er ist Stammgast, und so öffnet der Wirt die Kneipe auf ein Klopfen hin vor der Zeit. Zhadan ordert trotz der frühen Mittagsstunde ein dunkles Bier, und dann entschuldigt sich der promovierte Germanist zunächst für sein "schlechtes Deutsch", das in Wahrheit hervorragend ist.
In einem früheren Interview hast du einmal gesagt, es sei eine ganz schöne Idee, wenn der Osten einfach der Osten bliebe und der Westen der Westen.
Das habe ich gesagt? Naja, unsere heutigen Politiker arbeiten mit diesem Ost-West-Thema. Meiner Meinung nach sind die Unterschiede nicht so stark, wie sie behaupten. Es ist eine Ukraine. Für mich wäre allerdings die Idee einer föderativen Ordnung interessant.
Wie bei uns in Deutschland?
Ja, genau, mit Bundesländern oder etwas Vergleichbarem. Die Ukraine ist groß, und da wäre es gut, wenn die einzelnen Regionen jeweils ihre eigene Stimme bekämen.
Ist das realistisch?
Nein, nein. Die Idee ist bei uns nicht populär. Da heißt es dann immer gleich: Bist du Separatist?
Welche Idee von der Ukraine ist denn populär?
Die einigende Idee gibt es nicht. Die einen wollen die Integration der Ukraine in die Europäische Union, die anderen wollen eine Annäherung an Russland.
Also ist die Ukraine doch gespalten zwischen Ost und West!
Nein. Für die einfachen Leute ist das ganze Thema nicht wichtig. Im alltäglichen Leben interessieren sie sich für diese Fragen nicht. Sie denken an ihre Arbeit, ihre Familien. Ich glaube auch nicht, dass das wichtig ist. Meiner Meinung nach wäre es am besten, wenn die Ukraine neutral bliebe zwischen der Nato und Russland.
Ist das denn realistisch?
Ich könnte mir das durchaus vorstellen, ja.
Und die Jugend, die bei der orangenen Revolution 2004 an forderster Front gekämpft hat - wenden sich die Jungen inzwischen enttäuscht von der Politik ab?
Enttäuscht? Vielleicht, ja, ein bisschen. Sagen wir mal so: Die heutigen Studenten sind während der orangenen Revolution noch zur Schule gegangen. Und sie verstehen nicht recht, warum die drei, vier Jahre Älteren damals diese Revolution gemacht haben. Sie verstehen den antitotalitären, demokratischen Ansatz nicht mehr. Aber für die, die damals auf dem Unabhängigkeitsplatz demonstriert haben, ja, für die ist das alles wohl enttäuschend.
Dreieinhalb Jahre machen einen solchen Unterschied aus?
Ja, ja. Das ist keine so kurze Zeitspanne. In den letzten Jahren hat sich in unserer Politik doch fast alles verändert! Die damaligen orangenen Oppositionellen regieren heute, und Viktor Janukowitschs prorussische Partei der Regionen ist in der Opposition.
Wie bewertest du denn das Verhältnis der Ukraine zu Europa, zur Europäischen Union?
Ich sehe das so: Für unsere Politiker - egal aus welchem Lager - ist es nicht vorteilhaft, wenn sich das Land in die EU integriert. Heute bekommen sie viel Geld aus Brüssel, ohne die europäischen Standards einhalten zu müssen. An der Übernahme dieser Standards haben unsere korrupten Politiker kein Interesse. Also sagen sie zwar nach außen hin, dass sie den EU-Beitritt wollen. Aber das sind Lippenbekenntnisse. Das ist alles eine virtuelle Debatte.
Weil die Ukraine selbst nicht nach Europa will?
Ja, ja.
In der Debatte um einen Nato-Beitritt haben sich zuletzt beim Bukarester Gipfel aber auch die Westeuropäer ablehnend positioniert... Naja, wegen Russland. Das ist Politik, das ist ein Spiel.
Sind die Ukrainer da nicht enttäuscht über die Deutschen und Franzosen?
Nein, das ist doch alles nicht aktuell. Ich versuche es anders zu erklären. Wenn die Deutschen und die Franzosen morgen sagen würden: Wir fliegen zum Mars, aber ohne die Ukrainer. Die dürfen nicht mit. Dann ist uns das doch völlig egal, dann fliegen wir halt nicht mit zum Mars, weil morgen ohnehin niemand zum Mars fliegen wird. Für uns sind andere Fragen wichtig: die Inflation, die Privatisierungen, nicht diese abstrakten geopolitischen Erwägungen.
Wie ist es um das nationale und kulturelle Selbstverständnis der Ukrainer bestellt? Gibt es die eine ukrainische Nationalkultur?
Das hat sich entwickelt. Vor zehn, 15 Jahren war die Situation hier in Charkiw zum Beispiel eine ganz andere. Das war eine russischsprachige Stadt. Jetzt gibt es hier eine ukrainische Kultur.
Verstehen denn hier alle ukrainisch?
Ja, sicher. Ich zum Beispiel spreche die ganze Zeit ukrainisch. O.k., auf den Straßen sprechen fast alle russisch. Aber zu Hause sprechen viele so eine Art Pidgin-Ukrainisch, eine russisch-ukrainische Mischsprache. Wichtig ist aber doch: Wenn du auf der Straße ukrainisch sprichst, gibt es keine Probleme, keine Aggressionen. Und in der Jugend wird das Ukrainische auch immer populärer. Die jungen Leute interessieren sich für ukrainische Musik, ukrainische Literatur und so weiter. Für mich ist das überhaupt kein Problem, dass die einen ukrainisch, die anderen russisch sprechen. Na klar, unsere Politiker machen auch daraus ein Problem!
Inwiefern?
Die prorussischen Politiker wollen das Russische als Amtssprache. Sie sagen: Wir müssen uns auf Russland hin orientieren. Aber ich verstehe nicht, warum wir das müssen. Wo ist denn das Problem zu sagen: Der spricht russisch, o.k., das ist ein russischsprachiger Ukrainer? Die Politiker erzeugen künstliche Spannungen. Das ist nicht gut.
Welche Rolle spielen die Medien in dieser Situation?
Natürlich hat sich nach der orangenen Revolution manches zum Guten verändert. Aber wirklich frei sind unsere Medien nicht, denn sie gehören alle irgendwelchen Oligarchen und schreiben und senden nur, was die hören, sehen und lesen wollen.
Und die journalistische Ethik? Die ist total zerstört. Das gefällt mir überhaupt nicht. Und eine landesweite unabhängige Zeitschrift gibt es bei uns auch nicht. Das ist alles zersplittert. Aber immerhin wissen die Leute, dass die Medien nicht frei sind.
Und das Internet?
Das Internet ist frei, erreicht aber nur wenige Leute, ein bestimmtes Publikum.
Spielen vor diesem Hintergrund Künstler und Intellektuelle eine größere Rolle in der Gesellschaft?
Nein. Sie spielen nur eine marginale Rolle.
Untertreibst du da nicht? Zu den Lesungen und Konzerten, die du organisierst, kommt doch ein Haufen Leute.
Naja, wenn 400 Zuhörer zu meinen Lesungen kommen, dann ist das natürlich eine tolle Sache. Das ist viel für eine Lesung. Aber Charkiw hat zwei Millionen Einwohner. Da relativiert sich das. Die Autorität der Künstler in der Ukraine ist gering.
In westlichen Medien kursieren diverse Standardbeschreibungen von dir. Da ist vom „ukrainischen Rimbaud” die Rede oder vom „postproletarischen Punk”. Fühlst du dich damit richtig beschrieben?
Das mit Rimbaud ist Quatsch. Aber das hat auch jemand aufgebracht, als ich angefangen habe zu schreiben, mit 19 oder so. Rimbaud hatte aber seine Gedichte mit 21 schon alle geschrieben. Ich bin jetzt 33 Jahre alt, und ich schreibe immer noch. Nein, diese Etiketten sind alle Unsinn.
Du betonst oft, dass dich Politik nicht als Thema deiner Kunst interessiert. Was sind denn die Themen deiner Kunst?
Für mich ist das alltägliche Leben der Menschen, die hier wohnen, interessant. Ein bisschen hochtrabend könnte man das vielleicht als Realismus bezeichnen. Es geht mir um die Leute, die hier bleiben. Die nicht in den Westen gehen, die dieses Land aufbauen und dieses Leben verändern wollen. Das zählt für mich.Das klingt recht positiv. Im Westen wird deine Literatur oft als düster beschrieben. Der Tod spielt in deinen Büchern eine große Rolle.Ich glaube, das ist ein Missverständnis. Wenn du in der EU wohnst und diese ganzen Mafia-Geschichten hörst, dann wirkt das natürlich düster. Sicher gibt es in der Ukraine viele Probleme, viel Negatives, das ich beschreibe. Aber die wesentliche Tendenz ist optimistisch. Meine Altersgenossen zum Beispiel, das ist die erste Generation, die etwas Eigenes aufbaut. Sicher, in den 90ern mussten diese Leute mit Kriminellen zusammenarbeiten. Hier ist viel Schreckliches passiert. Aber sie sind hier geblieben, und sie wollen etwas Gutes entwickeln. Darüber schreibe ich auch meinen neuen Roman, der nächstes Jahr fertig werden soll. Meine Literatur, das ist optimistischer Realismus, wenn du so willst.
In der "Süddeutschen Zeitung" war zu lesen, dass die eigentliche Prüfung deines Talents noch ausstehe - ein größeres episches Werk.
Ja, das habe ich gelesen, und das hat mir gefallen. Es stimmt. Mein neuer Roman soll darauf eine Antwort geben.
Kannst du Genaueres verraten?
Naja, er wird weniger ironisch sein als frühere Sachen, stärker psychologisch motiviert und ethisch akzentuiert.
Schreibst du nebenher auch weiter Gedichte?
Ja, ja, im vorigen Jahr habe ich einen neuen Lyrikband geschrieben, mit dem Titel "Maradonna". Da gibt es viele Balladen, genau über diese Mafia-Geschichten. Derzeit mache ich eine Kopruduktion mit einigen Musikern - Rock und Lyrik.
Kommst du auch einmal wieder nach Deutschland?
Ja, am 5. Juli werde ich in Berlin lesen. Und im Juni bin ich in Österreich. Für mich ist das eine tolle Sache, weil dann gerade die Fußball-Europameisterschaft im Land ist. Ich bin absoluter Fußballfan. Leider ist die Ukraine bei der EM nicht dabei.
Wer wird denn Europameister?
Vielleicht Frankreich. Oder Italien. Sie waren in unserer Qualifikationsgruppe, und sie waren sehr stark. Übrigens möchte ich in den nächsten Jahren mal ein Buch machen über die Charkiwer Fans. Eine Dokumentation. Das ist eine sehr spannende Subkultur. Wenn du die verstehst, verstehst du viele grundsätzliche Probleme unserer Jugend und der Zukunft unseres Landes.
Kurzbiografie:
Serhyi Zhadan ist 1974 in Starobilsk in der Ostukraine geboren, siedelte aber früh mit seinen Eltern nach Charkiw um. Dort studierte er Germanistik. In den frühen 90er Jahren lebte Zhadan in der Charkiwer Punk-Szene und gründete die Performancegruppe "Roter Wagen". Dabei tat er sich mit experimentellen Gedichten hervor, die ihm bald den Ruf eines "ukrainischen Rimbaud" einbrachten. Später wandte er sich auch der erzählenden Lyrik und der Prosa zu.
Wichtigstes Thema seiner an Roadmovies erinnernden Romane ist das Leben der Jugend in der postsowjetischen Ukraine. In seinen Gedichten thematisiert Zhadan dagegen oft auch die existenziellen Fragen des Menschseins - die Fragen nach dem Woher und dem Wohin, nach Liebe und Tod.
Für die Kulturszene in der Ostukraine ist Zhadan, der über enge Kontakte in die Westukraine, aber auch nach Russland, Polen und Westeuropa verfügt, ein Glücksfall - regelmäßig organisiert das Multitalent Lesungen, Konzerte und andere Aufführungen.
Auf Deutsch sind von Zhadan in der Edition Suhrkamp bislang drei Bücher erschienen:
Geschichte der Kultur zu Anfang des Jahrhunderts, Erzählgedichte, 2006
Depeche Mode, Roman, 2007
Anarchy in the UKR, Roman, 2007
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