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Wissenschaft

03. Dezember 2016 | 03:31 Uhr

Living Planet Report 2016 : Warnsignal des WWF: Der Erde droht der Burn-out

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ressourcenverbrauch und rasantes Artensterben: Der Weltzustandsbericht des WWF ist eine eindringliche Warnung.

Es sind dramatische Zahlen, die selbst erfahrene Naturschützer schlucken lassen: Der Umweltverband WWF hat am Donenrstag seinen Weltzustandsbericht „Living Planet Report“ vorgestellt – mit erschreckenden Ergebnissen: Von 1970 bis 2012 ist dem Expertenbericht zufolge die Zahl der Wirbeltiere auf der Erde um fast 60 Prozent zurückgegangen – bis 2020 werden es wohl fast 70 Prozent sein.

Der Klimapakt in Paris und die Meeresschutzzone in der Antarktis: In letzter Zeit schien es, als würden den Diskussionen über mehr Umweltschutz Taten folgen. Es wurde auch höchste Zeit: Viele Tiere, Pflanzen und Länder sind von dem steigenden Meeresspiegel bedroht.

14.000 Tierarten – Vögel, Säugetiere, Reptilien, Fische – wurden untersucht. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Menschen weltweit verdoppelt – und diese betreiben einen ungebrochenen Raubbau an ihrem Planeten, wie der Bericht darlegt: Im Jahr 2012 verbrauchte die Menschheit theoretisch die Ressourcen von 1,6 Erden. Wird weiter so viel Holz geschlagen, Öl gebohrt und Fisch aus dem Meer gezogen, bräuchten wir im Jahr 2030 zwei Planeten, um den jährlichen Bedarf an Wasser, Energie und Nahrungsmitteln decken zu können.

Grundlage der Berechnungen ist der ökologische Fußabdruck: Die Bewohner von Industrienationen wie Luxemburg, Australien, den USA und Kanada beanspruchen das Ökosystem viermal stärker, als ihnen fairerweise zusteht, Deutschland immerhin noch dreimal.

Ohne grundlegenden Wandel befürchten die WWF-Autoren einen Burn-out der Erde. Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) zeigte sich betroffen von der Studie: „Seit Bestehen des biologischen Lebens auf der Erde gab es nur fünf massenhafte Artensterben, und es sieht so aus, als wären wir mitten in der sechsten Phase.“ Das Erschreckende sei, dass es so ein Massensterben nur fünfmal in 540 Millionen Jahren gab. „Wenn der Mensch daraus keine Verantwortung für seine Umwelt ableitet, dann weiß er nicht, was Verantwortung ist“, so der Minister.

Auch Nabu-Landeschef Ingo Ludwichowski hofft, dass der Bericht aufrüttelt: „Der Ernst der Lage muss uns endlich bewusst werden“, sagt er. Die Artenvielfalt spiele in der Gesellschaft nicht die Rolle, die ihr angesichts ihrer Bedeutung für den Planeten zustehe. „Die Diskussion um mache Tierart wird teilweise sogar belächelt“, bedauert er. Dabei gebe es auch in Schleswig-Holstein dramatische Auswirkungen des Artensterbens: „Der Bestand der einst typischen Feldlerche ist etwa um 90 Prozent eingebrochen.“ Die Gründe sind die Zerstörung des Lebensraums – und das Fehlen vieler Insektenarten, die dem Vogel als Nahrung dienen.“

In Sachen Umweltschutz kündige Minister Robert Habeck zwar vieles an und beschreibe viele Probleme auch treffend – „doch viel passiert nicht“, resümiert Ludwichowski. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sei zwar ein großer Schritt in die richtige Richtung gewesen, aber nicht immer zielführend: „Beim Maisanbau werden teilweise mehr Klimagase freigesetzt als eingespart“, so Ludwichowski.

Kommentar: Die nächste letzte Chance

Von Matthias Kirsch

Die Erde geht auf dem Zahnfleisch. In geradezu atemberaubendem Tempo breitet sich der Mensch immer weiter auf dem Planeten aus, verdrängt in genauso schneller Geschwindigkeit Tier- und Pflanzenarten. Mehr als die Hälfte ist schon verschwunden. Das zeigt der Weltzustandsbericht „Living Planet Report“ des WWF. Leergefischte Meere, ungebremster Flächenverbrauch und Abgase ohne Ende: Der Mensch drückt der Erde seinen Stempel auf, tief bis auf die Knochen. So sehr macht er sich den Planeten in allen Bereichen untertan, dass Wissenschaftler bereits ein neues erdgeschichtliches Zeitalter ausrufen wollen: Das Anthropozän, das Zeitalter des Menschen. Plötzlich spielen sich Vorgänge, die sich bislang über Tausende von Jahren hinzogen – das Verschwinden von Ökosystemen, der Wandel des Klimas – innerhalb eines einzigen Menschenlebens ab.

Wie lange geht das noch gut? Nicht mehr lange, so die eindringliche Warnung der Autoren der Studie: Schon jetzt verbrauchen wir jedes Jahr mehr Rohstoffe, Wasser und Tiere, als die Erde vertragen kann. Spätestens im Jahr 2030 bräuchten wir sogar zwei Erden, um den Ressourcenhunger in gleichem Maße weiter zu stillen. Die Menschheit muss umdenken – und es gibt die Hoffnung, dass genau das gerade geschieht. Was, wenn das Jahr 2016 der Wendepunkt wird, in dem die Erdbevölkerung versteht, dass sie ihren Planeten, den sie in jeder Hinsicht prägt, schützen und bewahren muss, um sich selbst zu retten? Die USA waren vorgeprescht, und auch die Europäische Union hat den Klimapakt fast ein Jahr nach dem UN-Gipfel von Paris ratifiziert. Jetzt muss jedoch mehr folgen als glückseliges Händeschütteln über die Einigung.

Deutschland und die anderen Industrienationen haben im Umweltschutz eine Vorreiterrolle: Zu einer von der großen Mehrheit der Bevölkerung akzeptierten  Energiewende gibt es keine Alternative, umweltfreundliche Motoren müssen endlich nutzbar und erschwinglich werden, Schwellen- und Entwicklungsländer bei der Reduktion von Klimagasen unterstützt werden. Viele letzte Chancen bleiben nicht, den Planeten zu retten.

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erstellt am 28.Okt.2016 | 14:03 Uhr

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