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Wissenschaft

09. Dezember 2016 | 10:47 Uhr

Hier geht's zum Livestream : Raumsonde „Rosetta“ ist auf „Tschuri“ gelandet

vom

Der Komet wurde erreicht. Die Mission spielte sich rund 720 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ab.

Darmstadt | Noch einmal ein Höhepunkt zum Schluss einer historischen Weltraum-Mission: Fast zwei Jahre nach der erstmals in der Geschichte der Raumfahrt geglückten Landung eines Mini-Labors auf einem Kometen ist nun auch die Raumsonde „Rosetta“ auf dem Brocken „Tschuri“ aufgesetzt. Sie hatte den Lander „Philae“ durch die Weiten des Alls zum Kometen gebracht.

Die Landung ist für die Esa-Wissenschaftler etwas Neues. Noch nie war die Esa einem Kometen mit einer Raumsonde so nah. In Kometen stecken die wahrscheinlich ältesten weitgehend unveränderten Reste aus der Zeit vor 4,6 Milliarden Jahren, in der sich das Sonnensystem bildete.

Für alle Weltraum-Fans bot die Esa einen Livestream an, in dem man die Landung verfolgen kann:

Auch auf der Facebook-Seite der Esa gibt es laufend neue Infos.

„So nah waren wir mit ,Rosetta' an ,Tschuri' noch nie gewesen“, sagte der Chef des Esa-Flugbetriebs, Paolo Ferri, aus dem Satelliten-Kontrollzentrum Darmstadt. „Wir versuchen, bis zur letzten Sekunde noch Messungen und Bilder zu bekommen.“ „Gas und Staub haben wir mit ,Rosetta' noch nie so nahe an einem Kometen messen können“, fügte der Esa-Wissenschaftler für Robotische Exploration, Nicolas Altobelli aus Madrid, hinzu. „Wir können das sozusagen hautnah sehen.“

In diesem Video der Esa wird die Mission noch einmal ganz einfach erklärt:

„Wenn die Raumsonde die Oberfläche von ,Tschuri' berührt, wird sie sich ausschalten“, sagte Ferri. „Wir werden nie mehr etwas von ihr hören.“

Komet „Tschuri“: ein uralter Bote aus der Vergangenheit 

Kometen sind mehrere Milliarden Jahre alt und stammen aus der Anfangszeit unseres Sonnensystems. Sie bestehen aus einer Mischung von Eis, Staub und Gestein und werden daher auch als schmutzige Schneebälle bezeichnet.

Bei der „Rosetta“-Mission nehmen Experten den Kometen „67P/Tschurjumow-Gerassimenko“ genau unter die Lupe. Vieles ist inzwischen schon bekannt: so etwa, dass es auf dem Brocken im All dunkel wie im Kohlenkeller und kalt ist. Außerdem müffelt es dort - unter anderem nach faulen Eiern wegen des Kohlenwasserstoffs.

Der Komet mit dem Spitznamen „Tschuri“, der einem Quietscheentchen ähnelt, wurde 1969 entdeckt. Anfang August 2014 kam die europäische Raumsonde „Rosetta“ nach zehn Jahren Flugzeit am Kometen an, im November setzte sie das Mini-Labor „Philae“ ab.

„Tschuri“ braucht fast sieben Jahre, um einmal die Sonne zu umrunden. Dabei nähert er sich unserem Heimatstern bis auf 195 Millionen Kilometer. Zum Vergleich: Erde und Sonne trennen etwa 150 Millionen Kilometer. Im August soll der Komet der Sonne am nächsten sein.

 

Auf den Kometen niedergehen sollte „Rosetta“ gemächlich, langsamer als in üblicher Schrittgeschwindigkeit. „Wir versuchen, die Landung so sanft wie möglich zu machen“, sagte Ferri. Aufsetzen sollte die Sonde auf dem „Kopf“ des Kometen, dessen Form mit einer Gummi-Ente verglichen wird. Anvisiert wird ein Punkt neben einer 130 Meter breiten Senke. Das Mini-Labor „Philae“ und „Rosetta“ dürften auf „Tschuri“ nicht weit voneinander entfernt sein, nach Einschätzung von Altobelli vielleicht nur ein bis zwei Kilometer.

Die Geheimnisse von „Tschuri“ haben für Wissenschaftler eine enorme Bedeutung. In Kometen stecken die wahrscheinlich ältesten weitgehend unveränderten Reste aus der Zeit vor 4,6 Milliarden Jahren, in der sich das Sonnensystem bildete. „Rosetta“ und „Philae“ waren mit zusammen etwa 20 Instrumenten an Bord gestartet, um „Tschuri“ unter die Lupe zu nehmen.

Die etwa 1,3 Milliarden Euro teure „Rosetta“-Mission ist eines der ambitioniertesten Projekte der Esa. Die Raumsonde hob am 2. März 2004 von der europäischen Weltraumstation Kourou an Bord einer „Ariane 6“-Rakete ab. „Rosetta“ hat eine jahrelange Reise durch das All hinter sich, mehrere Milliarden von Kilometern absolviert, sich einen Tiefschlaf gegönnt, um Energie für die letzte, entscheidende Strecke zum Kometen zu sparen, der mit ganzem Namen „67P/Tschurjumow-Gerassimenko“ genannt wird.

Im Kontrollzentrum der ESA in Darmstadt verfolgen Experten den Flug der  „Rosetta“.
Im Kontrollzentrum der ESA in Darmstadt verfolgen Experten den Flug der  „Rosetta“. Foto: Boris Roessler

Dann der entscheidende Tag, der 12. November 2014: „Rosetta“ hatte „Tschuri“ schon erreicht, nun löst sich das Labor „Philae“ von der Sonde und setzt auf den Kometen auf. „Der Tag heute ist historisch“, lobte der damalige Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain in Darmstadt.

Dieses Video zeigt beeindruckende Bilder von damals:

 

Welche Erinnerungen gibt es an die „Rosetta“-Mission? „Das spektakulärste Ergebnis war für mich ein ganz frühes, bald nach der Landung“, berichtet Ferri. „Nämlich, dass das Wasser auf dem Kometen nichts zu tun hat mit dem Wasser auf der Erde.“ Für Altobelli: „Die Bilder, die ,Rosetta' von ,Tschuri' schon im Juli 2014 geliefert hat, waren für mich eine absolute Neuigkeit. Wir haben den Kometenkern und die Umrisse erkannt, der Vergleich mit einer Ente war da.“

Wichtige Stationen der „Rosetta“-Mission 

1985: Die Europäische Raumfahrtagentur Esa beschließt im Programm „Horizont 2000“ die Erkundung eines Kometen.

Dezember 2002: Probleme mit „Ariane 5“-Raketen, die „Rosetta“ ins All bringen sollen, verhindern den für Januar 2003 geplanten Start zum ursprünglichen Zielkometen „Wirtanen“

2. März 2004: Start mit einer „Ariane 5“ vom europäischen Weltraumhafen Kourou

5. März 2005: Swing-by-Manöver an der Erde vorbei. Die Sonde nutzt die Schwerkraft der Erde, um Flugbahn und Geschwindigkeit zu ändern

25. Februar 2007: Swing-by Mars

12. November 2007: Swing-by Erde

5. September 2008: Swing-by Asteroid „Steins“

13. November 2009: Swing-by Erde

10. Juli 2010: Swing-by Asteroid „Lutetia“

20. Januar 2014: „Rosetta“ wird nach 957-tägigem Tiefschlaf geweckt

28. März 2014: Systeme des Landers „Philae“ fahren hoch

6. August 2014: Erreichen der Umlaufbahn um den Kometen „Tschuri“

12. November 2014: „Philae“ landet - nach zehn Jahren, acht Monaten und zehn Tagen

August 2015: Der Komet erreicht den sonnennächsten Punkt seiner Bahn

September 2016: Rosetta soll auf Tschuri aufsetzen

Ähnlich sieht es auch der Projektleiter für den Lander, Stephan Ulamec vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), der die Kamerasysteme hervorhebt: „Haupterkenntnisse mit ,Philae' waren auch die hochaufgelösten Bilder die mit ,Rolis' und ,Civa' gewonnen wurden und erstmals zeigen, wie eine Kometenoberfläche aus der unmittelbaren Nähe aussieht.“ Dass „Rosetta“ zum zweiten Mal eine Energie-Pause machen könnte, um dann wieder durchzustarten, hat die Esa nicht im Plan. „Dieser Winterschlaf dürfte fast vier Jahre dauern“, meinte Ferri. Ein entscheidender Punkt: Viel mehr Arbeit noch erledigen könnte die Raumsonde dann nicht mehr, denn „Rosetta“ hat Treibstoff für vielleicht nur noch sechs Monate an Bord. „Das Risiko lohnt sich nicht.“ 

Auf dem Twitteraccount der Esa kann man sich über die Landung informieren - und viele Bilder ansehen:

 

Die Landung lässt auch andere Nutzer nicht kalt. Unter dem Hashtag #rosetta twittern sie zum Abschied der Raumsonde - bisweilen sehr emotional:

 
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erstellt am 30.Sep.2016 | 09:38 Uhr

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