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Wissenschaft

09. Dezember 2016 | 18:34 Uhr

Stockholm 2016 : Müllrecycling in Körperzellen: Medizin-Nobelpreis für Yoshinori Ohsumi

vom

Der Wissenschaftler hat den Autophagie-Mechanismus entdeckt. Die Auszeichnung ist mit 830.000 Euro dotiert.

Stockholm | Der Nobelpreis für Medizin geht in diesem Jahr an den Japaner Yoshinori Ohsumi (71) für die Entschlüsselung der lebenswichtigen Müllentsorgung in Körperzellen. Mit Hilfe der sogenannten Autophagie baut die Zelle nicht mehr benötigte Bestandteile ab und recycelt sie. Ist der Mechanismus gestört, können Parkinson, Diabetes Typ 2, Krebs und andere vor allem im Alter auftretende Leiden entstehen. Das teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Die höchste Auszeichnung für Mediziner ist mit umgerechnet 830.000 Euro (8 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

Die Jury für den Medizin-Nobelpreis benennt recht selten nur einen Preisträger - wie jetzt den Japaner Yoshinori Ohsumi. In den vergangenen 20 Jahren wurde lediglich drei weiteren Forschern diese Ehre zuteil. In der Regel müssen sich mehrere Forscher den Preis teilen, entweder weil sie gemeinsam an einem Thema gearbeitet haben oder auch weil die Jury mehrere Entdeckungen würdigen will.

Ohsumi „entdeckte und erforschte Mechanismen, die der Autophagie zugrunde liegen“, teilte das Institut mit. Auto heißt griechisch „selbst“ und phagein bedeutet „essen“. Bei der Autophagie verdaut die Zelle nicht mehr benötigte Bausteine und bereitet sie zur Wiederverwertung auf. Ohne die Autophagie würde sie wohl im Zellmüll versinken.

Porträt: Nobelpreisträger Yoshinori Ohsumi

Bescheiden und warmherzig - so beschreiben Forscherkollegen den frisch gekürten Medizin-Nobelpreisträger Yoshinori Ohsumi. Der 71-jährige Japaner stammt aus einem akademischen Umfeld und erarbeitete sich seinen Weg an die Spitze der Topforscher hart. Erst mit 43 Jahren hatte er ein eigenes Laboratorium. „Er ist ein sehr offener, bescheidener und im persönlichen Umgang warmherziger Mensch, der ganz auf seine Wissenschaft konzentriert ist“, sagt Tassula Proikas-Cezanne von der Universität Tübingen, die ihn von Fachkonferenzen kennt. „Ich habe ... immer gesagt: ,Er kriegt irgendwann den Nobelpreis'“.

Ohsumi „entdeckte und erforschte Mechanismen, die der Autophagie zugrunde liegen“, erklärte das Karolinska-Institut in Stockholm bei der Zuerkennung des Nobelpreises an den Japaner. „Dabei handelt es sich um einen grundsätzlichen Prozess, um Zellkomponenten abzubauen und zu recyceln.“ Das dient der Gesunderhaltung des Körpers.

Aufgewachsen im Nachkriegsjapan hatte es Ohsumi zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere nicht leicht. Sein Vater war Professor für Ingenieurwesen an der Universität Kyushu. Während der Vater eher industrieorientiert arbeitete, war der junge Ohsumi mehr an Naturwissenschaften interessiert. Nach der Oberschule schrieb er sich zunächst an der Universität Tokio in Chemie ein. Doch habe er schnell festgestellt, dass das für ihn nicht so attraktiv war, sagte Ohsumi.

Daraufhin wechselte er zu der damals im Aufbruch befindlichen Molekularbiologie. Die frühen 60er seien das „Goldene Zeitalter der Molekularbiologie“ gewesen, so der Japaner, der 1974 promovierte und bis 1977 als Post-Doktorand an der Rockefeller University in New York tätig war. Dort begann er, sich mit Weizenzellen zu beschäftigen.

Später kehrte er nach Japan zurück und forschte an der Universität Tokio. 1986 wurde er Dozent, zwei Jahre später Assistenzprofessor.

Schon damals beschäftigte er sich mit dem Membrantransport in Vakuolen in der Zelle, die Teil des Systems der Autophagie sind.

1996 ging Ohsumi als Professor an das Nationale Institut für Grundlagenforschung in der Biologie in Okazaki und war später Professor in Hayama. 2009 emeritierte er und ist heute als Ehrenprofessor am Institut für Technologie in Tokio tätig.

Jungen Forschern, die es nicht immer leicht haben, riet er in einem Interview: „Ich bin nicht sehr wetteifernd.“ Er suche stets nach einem neuen Studienobjekt, „selbst wenn es nicht so populär ist“.

Der Japaner vom Institut für Technologie in Tokio reagierte mit einem Seufzen, als er den Anruf des Nobelpreis-Komitees erhielt: „Er wirkte überrascht, seine erste Reaktion war: Aach“, sagte der Sekretär des Nobelkomitees am schwedischen Karolinska-Institut, Thomas Perlmann. „Ich glaube, er hat das wirklich nicht erwartet.“ Ohsumi gilt in Forscherkreisen als offen, bescheiden und warmherzig.

Ein Foto von Ohsumi während der Bekanntgabe in der schwedischen Hauptstadt. Stina Stjernkvis
Ein Foto von Ohsumi während der Bekanntgabe in der schwedischen Hauptstadt. Stina Stjernkvis Foto: Stina Stjernkvist

Mit den entscheidenden Experimenten startete der 1945 geborene Ohsumi erst in den frühen 1990er Jahren an Hefezellen. Es war bereits bekannt, dass bestimmte Zellorganellen, die Lysosomen, Zellbestandteile abbauen. Dafür hatte bereits 1974 Christian de Duve den Nobelpreis erhalten. Ohsumi entdeckte nun entscheidende Gene, die bei unterschiedlichen Situationen aktiv werden.„Dank seiner Pionierarbeit haben wir heute ein Verständnis der Mechanismen von Autophagie“, sagte Nobeljurorin Maria Masucci. Damit wachse die Hoffnung für die Behandlung vieler Krankheiten.

Nobelpreise - fünf kuriose Fakten

JUNGE PHYSIK-GENIES: Oft müssen Forscher sehr lange auf einen Nobelpreis warten. Als Physiker kann man allerdings schon im jungen Alter ganz viel erreichen. Fünf der sechs jüngsten Nobelpreisträger stammen aus dieser Disziplin. Bis zum vergangenen Jahr hielt William Lawrence Bragg sogar den Rekord als jüngster Geehrter überhaupt: Bei der Vergabe des Physik-Preises war er 25 Jahre alt. 2014 überholte ihn aber die zu dem Zeitpunkt 17-jährige Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai.

DOPPELT KLUG: Einige Wissenschaftler haben den Nobelpreis gleich zweimal bekommen. Und nicht immer handelte es sich um eine Auszeichnung in derselben Kategorie: Die Französin Marie Curie etwa wurde 1903 unter anderem gemeinsam mit ihrem Mann Pierre für ihre Forschung zu radioaktiver Strahlung mit dem Physik-Preis geehrt. Acht Jahre später sprach man ihr alleine den Chemie-Nobelpreis zu. Sie ist noch dazu die einzige Frau, der dieser Doppel-Erfolg jemals gelang.

APROPOS FRAUEN: Unter den seit 1901 bislang 900 Preisträgern sind 49 Frauen. Doch die wenigsten von ihnen waren Naturwissenschaftlerinnen. Nur fünf Frauen haben bisher eine Auszeichnung für ihre Forschungen in der Physik oder Chemie bekommen. Zwölf konnten sich mit dem Medizin-Nobelpreis schmücken.

TRAUTE FORSCHUNG: Dass Ehepaare zusammen forschen und dafür den Nobelpreis bekommen, trifft nicht nur auf die Curies zu. Erst 2014 wurden die Norweger May-Britt und Edvard I. Moser mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet. 1947 ging die Auszeichnung an die US-Amerikaner Carl Ferdinand Cori and Gerty Theresa Cori.

FAMILIENBANDE: Die Curies bleiben jedoch bislang die erfolgreichste Nobelfamilie: Tochter Iréne Joliot-Curie heimste ebenfalls eine Auszeichnung ein - und zwar gemeinsam mit ihrem Mann Frédéric Joliot. Für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität bekamen sie 1933 den Chemie-Nobelpreis. In der Geschichte des Nobelpreises wurden auch Vater und Sohn schon gemeinsam geehrt.

Ohsumi habe ein total neues Verständnis darüber gegeben, wie die Zelle ihren Inhalt recycelt, teilte das Komitee mit. „Seine Entdeckungen haben den Weg geebnet, um die immense Wichtigkeit der Autophagie in vielen physiologischen Prozessen zu verstehen, beispielsweise bei der Anpassung an Mangelversorgung oder bei der Antwort auf Infektionen.“ Mutationen in den Autophagie-Genen können Krankheiten verursachen.„Autophagie wurde zum ersten Mal in den 1960ern beobachtet“, sagte Masucci. Die Forschung habe sich stark weiterentwickelt, nachdem Ohsumi sich in den 1990ern entschieden habe, den Prozess zu untersuchen. Mit seiner Strategie habe er herausgefunden, dass „Autophagie von einer großen Zahl Genen reguliert wird“.

Die Medizin-Nobelpreisträger seit 2006

Der Medizin-Nobelpreis wird seit 1901 verliehen. Die erste Auszeichnung ging damals an den deutschen Bakteriologen Emil Adolf von Behring für die Entdeckung der Serumtherapie gegen Diphtherie. Die Preisträger der vergangenen zehn Jahre waren:

2015: Die Chinesin Youyou Tu für die Entdeckung des Malaria-Wirkstoffs Artemisinin. Sie teilte sich den Preis mit dem gebürtigen Iren William C. Campbell und dem Japaner Satoshi Omura, die an der Bekämpfung weiterer Parasiten gearbeitet hatten.

2014: Das norwegische Ehepaar May-Britt und Edvard Moser sowie John O'Keefe (USA/Großbritannien) für die Entdeckung eines Navis im Hirn: Sie fanden grundlegende Strukturen unseres Orientierungssinns.

2013: Thomas Südhof (gebürtig in Deutschland) sowie James Rothman (USA) und Randy Schekman (USA) für die Entdeckung von wesentlichen Transportmechanismen in Zellen.

2012: Der Brite John Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka für die Rückprogrammierung erwachsener Körperzellen in den embryonalen Zustand.

2011: Bruce Beutler (USA) und Jules Hoffmann (Frankreich) für Arbeiten zur Alarmierung des angeborenen Abwehrsystems. Ralph Steinman aus Kanada entdeckte Zellen, die das erworbene Immunsystem aktivieren. Er war kurz vor der Verkündung gestorben und bekam den
Preis posthum.

2010: Der Brite Robert Edwards für die Entwicklung der Reagenzglas-Befruchtung.

2009: Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak (alle USA) für die Erforschung der Zellalterung.

2008: Harald zur Hausen (Deutschland) für die Entdeckung der Papilloma-Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen, sowie die Franzosen Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier für die Entdeckung des Aidserregers HIV.

2007: Mario R. Capecchi, Oliver Smithies (beide USA) und Sir Martin J. Evans (Großbritannien) für eine genetische Technik, um Versuchsmäuse mit menschlichen Krankheiten zu schaffen.

2006: Die US-Forscher Andrew Z. Fire und Craig C. Mello für eine Technik, mit der sich Gene gezielt stumm schalten lassen.

Mit dem Medizin-Preis startete der Nobelpreis-Reigen: An diesem Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Nobelpreises benannt. Später folgen die Träger für den Friedens-, Literatur- und den von der schwedischen Reichsbank gestifteten sogenannten Wirtschaftsnobelpreis. Die feierliche Überreichung aller Auszeichnungen findet traditionsgemäß am 10 Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

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erstellt am 03.Okt.2016 | 14:28 Uhr

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