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Wissenschaft

07. Dezember 2016 | 23:16 Uhr

Von Klon-Schaf Dolly bis Crispr/Cas9 : Gentechnik, geklonte Tiere, geklonte Menschen: Was ist möglich, was ist erlaubt?

vom
Aus der Onlineredaktion

Vor 20 Jahren wurde Dolly, das Klon-Schaf geboren. Während sich an der moralischen Debatte um das Klonen wenig geändert hat, gibt es in der Wissenschaft neue Entwicklungen.

Vor 20 Jahren, am 5. Juli 1996, wurde das Schaf Dolly geboren, das erste geklonte Säugetier, das nicht aus einer embryonalen Stammzelle, sondern aus einer Zelle eines erwachsenen Tieres entstand. Einem Schaf wurde dafür ein Zellkern mit Erbinformationen aus dem Euter entnommen, dieser Zellkern wurde in die Eizelle eines zweiten Schafs eingesetzt und eine dritte „Leihmutter“ trug das Lämmchen Dolly aus.

Die Geburt des Klon-Schafs Dolly stieß vor 20 Jahren eine Diskussion an, die bis heute nicht verstummt ist: Könnte man auch Menschen klonen und darf man das? Neue Bedenken kommen aktuell auf, weil sich mit dem Crispr/Cas9-Verfahren das menschliche Erbgut theoretisch einfach und präzise verändern lassen könnte.

Dolly clone.svg
Von Squidonius (talk) - Eigenes Werk (Originaltext: self-made), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10532979

 

Dolly hat das gleiche Erbgut wie das Mutterschaf, dem der Zellkern entnommen wurde. Dolly ist allerdings im wissenschaftlichen Sinne kein „exakter“ Klon, da sie auch Gene des Schafs hat, von dem die Eizelle stammte. Einen komplett identischen Klon erhält man, wenn der Zellkern und die Eizelle von dem selben Tier stammen. Trotzdem galt das Schaf als großer Durchbruch, zumal es mehrere Jahre völlig gesund und normal lebte. Es stellte sich jedoch heraus, dass Dolly schneller alterte als natürlich gezeugte Schafe. Ein Schaf hat normalerweise eine Lebenserwartung von etwa zehn bis zwölf Jahren, Dolly hatte jedoch im Alter von sechs Jahren Arthritis und eine unheilbare Lungenkrankheit und musste eingeschläfert werden. Ein möglicher Grund für den schnelleren Alterungsprozess ist, dass die implantierten Zellkerne von einem erwachsenen Schaf stammten und damit schon älter waren.

Das Alter von Dollys Mutter bzw. Zwilling war aber die eigentliche wissenschaftliche Sensation: Normalerweise kann sich eine bereits „erwachsenen“ Zelle nicht mehr teilen und vermehren. Das muss sie aber, um sich zu neuem Gewebe und schließlich einen neuen Lebewesen zu entwickeln. Bei Dolly gelang es, den Zellkern wieder zu aktivieren und zur Teilung zu bringen.

Diese Art des Klonens, die Roslin-Technik, war nach Dolly noch bei vielen anderen Tierarten erfolgreich. In Vietnam konnte eine vom Aussterben bedrohte Wildschweinart geklont werden. Auch ein Rhesusaffe wurde bereits künstlich gezeugt. Der Schritt zum geklonten Menschen ist nicht mehr weit, es scheint mittlerweile realistisch, dass das Klonen eines Menschen erfolgreich sein könnte.

Das Klonen von Pflanzen ist in der Landwirtschaft seit Jahren Standard, um eine möglichst große Homogenität zu halten. Auch das Klonen von Zuchtpferden oder Spürhunden, aufgrund ihrer Leistung, ist heute nicht unüblich. Eine koreanische Firma klont für viel Geld die Hunde ihrer Privatkunden. Im chinesischen Tianjin sollten ab diesem Jahr Rinder in Massenproduktion geklont werden, die Firma Boyalife kündigte an, bald eine Million Rinderembryos jährlich herstellen zu wollen. Die Regierung stimmte dem Vorhaben bisher jedoch nicht zu. Allerdings weniger aus moralischen Gründen, als Aufgrund der Befürchtung, dass das Fleisch der geklonten Tiere minderwertig sein könnte.

Geklonte Menschen - Möglichkeiten und Ängste

Der Konzern Boyalife verkündete bereits 2015, dass er Menschen klonen könnte und das auch gerne tun würde. Die Firma fürchtet jedoch bisher die Reaktionen. Ein Vorstandsmitglied des Konzerns hofft aber, dass der gesellschaftliche Widerwillen sich legen werde.

Frühere Tabu-Themen wie zum Beispiel Homosexualität seien schließlich inzwischen auch akzeptiert. Die Firma würde Menschen gerne mehr Möglichkeiten geben, über ihre Fortpflanzung zu entscheiden. Es könnte zum Beispiel möglich sein, dass ein Paar ein Kind bekommt, dass nur das Erbgut des Vaters erhält, wenn die Mutter eine erbliche Krankheit hat.

Zahlreiche Drama- und SciFi-Filme und Fernsehserien haben sich bereits mit dem Klonen beschäftigt. „Never let me go“ („Alles, was wir geben mussten“) zeigt beispielsweise, wie Klone aufgezogen werden, um dann ihre Organe zu „ernten“. Die Protagonisten des Films sind Menschen, werden aber nicht als solche behandelt, weil die Gesellschaft sie für seelenlos hält. Die Serie „Orphan Black“ zeigt einen anderen Blickwinkel: Mehrere Frauen entdecken, dass sie Klon-Schwestern sind und kämpfen gegen die Firma, die sie erschaffen hat, gegen einen Gendefekt, der eine tödliche Krankheit auslöst und gegen männliche Klone, die von klein auf zu einer kaltblütigen und obrigkeitshörigen Armee konditioniert wurden.

 

Diese beiden fiktiven Beispiele zeigen die größten Ängste, die es vor dem Klonen von Menschen gibt: Beim Klonen können einerseits Krankheiten entstehen und Klone könnten unter Gendefekten leiden. Andererseits könnten menschliche Klone als Menschen zweiter Klasse oder als etwas wertloses Unmenschliches behandelt werden und etwa für die Organspende, für Experimente oder als Soldaten, als „Kanonenfutter“, missbraucht werden. Zudem halten viele das mit dem Klonen und der Gentechnik im Allgemeinen einhergehende Optimieren des Menschen für unethisch.

Therapeutisches Klonen - Klonen zu Forschungszwecken

Das therapeutische Klonen findet nicht zu Fortpflanzungszwecken statt. Es soll dabei kein neues Lebewesen entstehen, vielmehr werden Klon-Techniken zu Forschungszwecken eingesetzt. Die Bezeichnung therapeutisches Klonen ist leicht irreführend. Momentan befindet sich die Wissenschaft im Bereich der Grundlagenforschung, es gibt noch keine therapeutischen Anwendungsgebiete. Das Ziel des therapeutischen Klonens ist es jedoch, eines Tages mit Hilfe der Verfahren Krankheiten therapieren zu können.

Ein Embryo wird beim therapeutischen Klonen nach wenigen Zellteilungen zerstört. Die einzelnen Zellen werden durch verschiedene Stimuli dazu gebracht, sich in einer Kultur weiterzuentwickeln. Sehr junge embryonale Zellen haben den Vorteil, dass sich aus ihnen eine große Vielfalt von Gewebearten züchten lässt. Auf diese Weise könnte man eventuell eines Tages ganze Organe züchten. Ein Risiko des therapeutischen Klonens ist die unabschätzbare Krebsgefahr, es besteht die Möglichkeit, dass in den Stammzellen Tumore entstehen.

Die mikroskopische Aufnahme zeigt eine menschliche Eizelle, in die in einem Dresdner Speziallabor zu Demonstrationszwecken eine Injektionsnadel eingeführt wird.
Die mikroskopische Aufnahme zeigt eine menschliche Eizelle, in die in einem Dresdner Speziallabor zu Demonstrationszwecken eine Injektionsnadel eingeführt wird. Foto: dpa
 

Gesetzeslage

Das reproduktive Klonen von Menschen wird weltweit überwiegend als unethisch empfunden und ist in den meisten Ländern verboten. Auch dort, wo es nicht verboten ist, müssten Forscher mit massiven Protesten rechnen. Uneinigkeit besteht beim therapeutischen Klonen. In Deutschland ist sowohl das reproduktive als auch das therapeutische Klonen verboten, schon der Versuch ist strafbar. Das legt das Embryonenschutzgesetz fest:

§6 Abs. 1 „Wer künstlich bewirkt, daß ein menschlicher Embryo mit der gleichen Erbinformation wie ein anderer Embryo, ein Foetus, ein Mensch oder ein Verstorbener entsteht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“
§1 Abs. 2: „Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer [...] es unternimmt, eine Eizelle zu einem anderen Zweck künstlich zu befruchten, als eine Schwangerschaft der Frau herbeizuführen, von der die Eizelle stammt [...]“
§2 Abs. 1: „Wer einen extrakorporal erzeugten oder einer Frau vor Abschluß seiner Einnistung in der Gebärmutter entnommenen menschlichen Embryo veräußert oder zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck abgibt, erwirbt oder verwendet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

In vielen anderen Ländern in Europa sieht die Gesetzeslage allerdings anders aus. In Belgien ist beispielsweise das Forschen an Embryos während der ersten 14 Tage erlaubt. Während dieses Zeitraums dürfen in Großbritannien ebenfalls Stammzellen gewonnen werden. Viele Länder betrachten zumindest das therapeutische Klonen als zulässig. Eine detaillierte Übersicht bieten das Max-Planck-Institut und das Deutsche Referenzzentrum für Ethik. Die UNO weist darauf hin, dass das Klonen der Menschenwürde widerspreche und daher nicht erlaubt sei. Das ist jedoch nur eine Stellungnahme, die nicht bindend ist. Es ist umstritten, ab wann ein Embryo ein Mensch mit Menschenwürde ist. Auch das europäische Parlament spricht sich gegen Klontechnik aus und bezeichnet das therapeutische Klonen als „grundlegendes ethisches Dilemma“.

In den USA sind diese Gesetze Sache der Bundesstaaten und damit unterschiedlich, grundsätzlich verboten ist das Forschen an menschlichen Embryonen nicht.

Klonen und Gentechnik

Klonen und Gentechnik sind nicht das Gleiche: Beim Klonen werden Erbinformationen ohne Veränderung übernommen, die Gentechnik vervielfältigt nicht, sondern nimmt Veränderungen vor. Trotzdem hängt beides zusammen, oft werden gentechnisch veränderte Tiere oder Pflanzen geklont, damit die einmal vorgenommene Veränderung in der nächsten Generation erhalten bleibt.

Crispr/Cas9

Crispr/Cas9 bezeichnet ein neues molekularbiologisches Verfahren der Gentechnik, mit dem DNA-Bausteine sehr einfach und präzise verändert beziehungsweise editiert werden können. Es stammt aus Bakterien, funktioniert aber in den meisten Organismen. Dabei wird keine Fremd-DNA eingeführt, sondern die vorhandene umgeschrieben. Dieses Verfahren könnte ein Helfer im Kampf gegen Krebs, Aids und verschiedene Erbkrankheiten sein. Aber es wird diskutiert: Befürworter und Kritiker sind sich nicht einig, ob das Verfahren eine gentechnische Veränderung oder eine natürliche Mutation bedeutet.

Das genaue Verfahren erklärt die Website „Transparenz Gentechnik“. Die Seite schätzt das neue Verfahren als risikoärmer als herkömmliche Züchtungen und Gentechnik ein, da es präziser und weniger zufällig funktioniert. Bei klassischer Gentechnik wird das veränderte Genkonstrukt an einer beliebigen Stelle im Genom angebracht, das kann später zu Problemen führen. Mit dem Crispr-Verfahren kann das Genom gezielt an einer bestimmten Stelle verändert werden und unerwünschte Nebenwirkungen durch einen Fehler sind seltener. Das neue Verfahren spart so auch Zeit und Geld. Die Veränderung durch Crispr wird als „Genome Editing“ bezeichnet.

Ein großer Erfolg des Verfahrens könnte es sein, wenn durch „Genome Editing“ Krankheitsgene ausgeschaltet werden würden. Es besteht auch die Möglichkeit, Resistenzen von ursprünglichen Wildpflanzen in Kulturpflanzen, die über Jahrhunderte gezüchtet wurden, wieder zum Vorschein zu bringen. Damit könnte der Einsatz von Pestiziden deutlich verringert werden.

Viele Wissenschaftler finden, mit Crispr veränderte Pflanzen sollten so eingestuft werden, wie herkömmlich gezüchtete Pflanzen. Sie könnten nicht als gentechnisch verändert gelten. Auch Organisationen, die sich gegen Gentechnik einsetzen, finden, dass sich das Produkt nach „normaler“ Züchtung nicht von dem nach „Genome Editing“ unterscheidet. Ihnen kommt es jedoch auf den Prozess an - und der sei nun mal Gentechnik und damit unnatürlich und riskant. Auch, wenn er am Endprodukt nicht nachweisbar ist. Die Verbände halten an ihrer Ablehnung fest.

Theoretisch können mit Crispr/Cas9 auch menschliche Genome verändert werden, doch trotz aller Genauigkeit sind unerwünschte Ergebnisse nicht ausgeschlossen. Es könnten zum Beispiel Krebszellen entstehen. Der Einsatz an Tieren oder Menschen ist daher noch nicht in Aussicht - auch wenn ein Zeit-Autor in einem Gedankenexperiment die Crispr-Zukunft der Menschheit voraussagt.

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erstellt am 03.Jul.2016 | 20:25 Uhr

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