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Wirtschaft

10. Dezember 2016 | 02:14 Uhr

Unister-Insolvenz : Wie sicher sind gebuchte Reisen von Ab-in-den-Urlaub.de?

vom

Die Unister-Insolvenz liest sich wie ein waschechter Wirtschaftskrimi. Doch was sich viele Kunden derzeit zuerst Fragen: Wie sicher geht es jetzt „ab in den Urlaub“?

Leipzig | Stars wie Michael Ballack und Reiner Calmund machten als Werbefiguren die Internetportale wie „ab-in-den-urlaub.de“ und „fluege.de“ bundesweit bekannt. Viele haben online ihren Sommerurlaub gebucht - und stehen jetzt wegen der Insolvenz des Holding-Unternehmens Unister vor vielen offenen Fragen. Die Kunden sind verunsichert: Wie sicher sind die Traumreisen?

Der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther beruhigt zunächst einmal: „Wir können jetzt sicherstellen, dass alle Buchungen über die Reiseportale von Unister sicher sind.“ Offiziell heißt es vom Unternehmen: „Das vorläufige Insolvenzverfahren ermöglicht es der Unister Holding, in dieser schwierigen Phase voll handlungsfähig zu bleiben und langfristig ihre Einheit als Unternehmen zu sichern.“ Der Geschäftsbetrieb des Unternehmens laufe ohne Einschränkungen weiter, die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter seien über das Insolvenzgeld gesichert.

Pauschalreisende müssen sich ums Geld ohnehin keine Sorgen machen: Für eine Pauschalreise erhält man in der Regel einen Sicherungsschein. Der ist EU-weit vorgeschrieben und garantiert, dass die Versicherung einspringt, auch wenn der Vermittler das Geld nicht an den Reiseveranstalter überweist. Doch auch wenn man finanziell keinen Schaden hat - eine Ausfall der Reise würde ja auch andere Folgen nach sich ziehen. Wer schon gebucht hat, sollte sich direkt mit dem Reiseveranstalter in Verbindung setzen und fragen, wie weiter zu verfahren ist.

Bei Flugbuchungen oder Hotelbuchungen gilt: „Wer schon eine Buchungsnummer hat, ist in der Regel auf der sicheren Seite“, erklärt der Reiserechtler Ronald Schmid gegenüber „Focus“. Auch wer das Geld direkt an die Fluggesellschaft überwiesen hat, behalte seinen Anspruch auf die Reise. Eine vorgeschriebene Absicherung gegen Insolvenz gibt es bei Flügen und Hotels aber nicht. Für Rückreisen, wenn man schon unterwegs ist, sieht der Experte keine Probleme.

Wie es überhaupt zu der Insolvenz kam, ist weiterhin mysteriös - und klingt nach einem Wirtschaftskrimi: Der Selfmade-Millionär und Gründer des Leipziger Internetunternehmens Unister, Thomas Wagner, stürzt mit einer Privatmaschine in Slowenien ab. An Bord Bargeld. Kurz darauf meldet die Holding Insolvenz an, ebenso ein Tochterunternehmen. Schon seit Jahren wird über wirtschaftliche Schwierigkeiten spekuliert. Viele Fragen sind offen. Was bekannt ist - und was nicht:

Warum gerät der Konzern durch dem Tod Wagners in Schieflage?

Die letzte veröffentlichte Bilanz der Unister Holding stammt von 2011. Ihr alleiniger Geschäftsführer war Thomas Wagner, der alle Fäden in den Händen hielt. 2002 hatte er Unister als 23-Jähriger in Leipzig ursprünglich als Studententauschbörse gegründet und das Start-up auf einen rasanten Wachstumskurs geführt. 2015 war dann von Stellenstreichungen die Rede, 30 Millionen Euro pro Jahr sollten eingespart werden. Ein expliziter Insolvenzgrund - wie Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung - wurde bislang nicht genannt.

Wie ist der Konzern strukturiert?

Unter dem Dach der Unister Holding GmbH findet sich eine Vielzahl von Firmen, die mehr als 40 Internetportale unter anderem zu den Themen Reisen, Nachrichten, Immobilien oder Partnervermittlung betreiben - darunter beliebte Seiten wie fluege.de, ab-in-den-urlaub.de, news.de oder partnervermittlung.de. Insgesamt arbeiten mehr als 1000 Beschäftigte für die Unternehmensgruppe.

Wem gehört was?

Bis zu seinem Tod hielt Thomas Wagner rund 40 Prozent der Anteile und war damit Hauptgesellschafter Unister Holding. Der Rest verteilt sich nach Firmenangaben auf die vier Mitgründer - darunter Oliver Schilling, der ebenfalls beim Absturz ums Leben kam - sowie eine Firma namens Opus30 Vermögensverwaltungsgesellschaft.

Immer wieder gab es Ermittlungen. Worum ging es da?

2012 geriet Unister ins Visier der Justiz. Thomas Wagner und drei weitere Manager wurden unter anderem wegen unerlaubter Versicherungsgeschäfte und Steuerhinterziehung angeklagt. Unister wies die Vorwürfe stets zurück. Zum Prozess kam es bisher nicht, weil das Landgericht Leipzig derzeit eine weitere Klage prüft.

Was passierte beim schicksalhaften Flugzeugabsturz?

Zum Absturz könnte Vereisung an der einmotorigen Maschine beigetragen haben. Entsprechende Probleme hatte der 73-jährige Pilot der slowenischen Flugkontrolle gemeldet. Slowenische Medien spekulierten, dass die gecharterte Privatmaschine deutlich oberhalb der für diesen Typ üblichen Flughöhe von 5000 Metern unterwegs gewesen sein dürfte. Die Untersuchungen des Wracks laufen noch, auch unter Beteiligung deutscher Behörden.

Neben Firmengründer und Unister-Hauptanteilseigner Wagner (38) auch der Mitgesellschafter Oliver Schilling (39), ein 65-jähriger Mann und der Pilot. Ihre verbrannten Leichen werden derzeit noch obduziert. Eine endgültige Bestätigung der Identitäten von slowenischer Seite gibt es noch nicht. Die dortigen Behörden warten noch auf DNA-Vergleichsproben aus Deutschland.

Was war der Grund der Reise?

Wagner und sein Kompagnon wollten sich in Venedig mit potenziellen Investoren treffen, wie Unister mitgeteilt hat. Dabei sollen sie betrogen worden sein. Die slowenische Polizei berichtete von Dokumenten an Bord der Unglücksmaschine, die darauf hinwiesen, dass Wagner „um eine größere Summe geschädigt wurde“. In Medienberichten wird über die Investoren und untergeschobenes Falschgeld spekuliert, offiziell bestätigt ist nichts. Auch die Herkunft der an der Unglücksstelle gefundenen 10.000 Schweizer Franken in bar ist unbekannt.

Wo stehen die Ermittlungen in dem Fall?

Ganz am Anfang. Unister-Gesellschafter und Mitgründer Daniel Kirchhof will die Umstände des mutmaßlichen Geldgeschäfts klären lassen. „Ich werde noch am Mittwoch Anzeige gegen Unbekannt erstatten, unter anderem wegen Untreueverdacht“, sagte er dem MDR-Magazin „Exakt“. Bis zum Nachmittag lag diese der Staatsanwaltschaft Leipzig jedoch nicht vor. „Von meiner Seite halte ich es für ganz, ganz dringend, dass da aufgeklärt wird. Insbesondere wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass so eine große Menge Bargeld in der Gegend rumfährt, wer da auch an dem ganzen Vorgang beteiligt gewesen ist, wer davon wusste“, sagte Kirchhof.

Wie geht es mit Unister weiter?

Insolvenzverwalter Lucas Flöther soll den Internetkonzern retten - und gibt sich optimistisch. In der „Wirtschaftswoche“ erklärte er, dass sich schon in den ersten 24 Stunden eine hohe zweistellige Zahl potenzieller Investoren gemeldet habe, die sich für das Unternehmen als Ganzes oder für Teile interessierten. Jetzt werden die Interessensbekundungen gefiltert und sondiert. Dann wird entschieden, ob Unister zerschlagen oder komplett verkauft wird.

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erstellt am 21.Jul.2016 | 12:26 Uhr

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