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Wirtschaft

08. Dezember 2016 | 11:04 Uhr

Börse für „Frischmasse“ : Wie Bauern Gülle zu Geld machen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Über Börsen können Landwirte den flüssigen Mist handeln. Das schwierige Geschäft ist für alle Beteiligten ein Gewinn.

Osnabrück/Kiel | Es dampft auf dem Acker, die Nase zieht sich zusammen. Was hier auf dem Boden verteilt wird, ist Gülle – oder, wie Fachleute sagen: „Frischmasse“ oder „Wirtschaftsdünger“. Hier wird nach Meinung von Bauern und Verfahrenstechnikern nichts „entsorgt“, sondern „sinnvoll verwertet“. Für alle anderen Menschen handelt es sich schlicht und einfach um Mist. Dass man daraus aber durchaus ein Geschäft machen kann, zeigen sogenannte Güllebörsen. Bundesweit sind sie aktiv. Auch in Schleswig-Holstein.

Güllebörsen handeln mit Mist, denn manche Bauern haben zu viel davon – und müssen ihn loswerden. Ein Betrieb darf nämlich nur viele Schweine oder Rinder halten, wenn er auch genug Fläche hat, um den entsprechenden Mist auszubringen. Das schreibt die Düngeverordnung vor, um Böden etwa vor zu viel Nitrat zu schützen. Hat der Bauer nicht genug Land, muss er sicherstellen, dass die Gülle andernorts fachgerecht ausgebracht wird. Er braucht einen Partner. Und manche Betriebe, die vom Ackerbau leben, können den natürlichen Dünger gut gebrauchen. Also wird Gülle gehandelt. Das klingt nach einem Hof mit großen Tanks und gewaltigem Gestank – sieht aber in der Praxis ganz anders aus.

Zwei bedeutende Güllebörsen in SH

Bernd Stania sitzt in einem Ein-Mann-Büro im niedersächsischen Vechta, auf dem Schreibtisch stehen Computer-Monitore, in den Regalen Akten. Pausenlos klingelt das Telefon – Landwirte aus den Kreisen Vechta und Cloppenburg suchen Abnehmer für ihre Gülle. Zu sehen sind weder Misthaufen noch Transportfahrzeuge. „Wir vermitteln nur. Wir bringen das zusammen, was zusammengehört“, sagt Stania. Er ist Geschäftsführer der Naturdünger-Verwertungs GmbH. Sein Geschäft ist es, Handelspartner und Transport zu organisieren.

So läuft es in der Regel meist. In Schleswig-Holstein gibt es zwei bedeutende Güllebörsen. Eine wird von vier Lohnunternehmern betrieben, die sich zusammengeschlossen haben. Die andere wird über die Maschinenringe organisiert. Auch sie haben wenig mit Börsen gemein, wie sie aus der Finanzindustrie bekannt sind, sondern bestehen letztlich aus einem Büro, bei dem sich Landwirte melden können.

In Vechta macht Stania seinen Job schon seit 1988: „Mittlerweile ist das nicht mehr so einfach“, erklärt der Agrarexperte. Die Menge an Gülle habe zugenommen – Abnehmer zu finden, sei aber schwierig. Carl-Hendrik May von der Nährstoffbörse Nordrhein-Westfalen spricht ebenfalls von einem großen Netzwerk – aus Höfen, Vermittlern, Laboren, Verbänden. Und was muss man hinblättern für 100 Liter Gülle? „Da gibt es eigentlich keinen festen Preis“, sagt May. Da spiele zum Beispiel die Menge, die Jahreszeit und die Qualität eine Rolle. In der Welt der Güllebörsen ist nicht einmal festgelegt, welche Seite bezahlen muss.

Idee der Güllenbörse klappt in der Praxis nicht immer

Doch egal, wer am Ende wen bezahlt: Immer geht ein großer Teil der Kosten für den Transport drauf. Denn Gülle weit durchs Land zu fahren, ist aufwendig. Strecken von 150 Kilometern seien keine Seltenheit, sagt May. Holland habe viel Viehhaltung, im Norden das Emsland und die Osnabrücker Region: „Deswegen gilt eine große West-Ost-Bewegung der Nährstoffströme, beziehungsweise ein Nord-Süd-Gefälle.“ Bezahlt werden müssen Lkw, Fahrer, Sprit. Und die Lastwagen fahren ja meist leer zurück.

Die Idee, die hinter der Güllebörse steckt, klappt deswegen in der Praxis nicht immer. „Das funktioniert ja grundsätzlich schon auf regionaler Ebene, könnte aber noch viel besser funktionieren. Die Landwirte möchten das auch“, erklärt Ingenieurin Saskia John, die früher an der Universität Bremen zu dem Thema forschte. Aber es gebe eben auch einige Hürden: Der Transport sei teuer, die Zusammensetzung der Nährstoffe schwanke oft, der Markt sei sehr saisonal. Und beim Preis gibt es Konkurrenz zu mineralischen Düngern. John hat sich deswegen mit der Frage beschäftigt, wie man Gülle in Wasser und Nährstoffe trennen könnte. Dann könnte man Dünger in festerer Form konzentriert transportieren – und müsste nicht so viel Wasser durch die Gegend fahren. Doch Gülle derart gezielt zu komprimieren, ist ökonomisch noch schwierig, wie sie sagt. Und das Geschäft mit dem Mist ist ohnehin ein schwieriges.

In Zukunft könnte Gülle auch im Straßenbau Verwendung finden.

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erstellt am 22.Nov.2016 | 10:26 Uhr

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