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Wirtschaft

03. Dezember 2016 | 20:49 Uhr

Streit mit Zulieferern : VW will sich fehlende Teile per Gerichtsvollzieher holen

vom

Die Produktion in mehreren Werken steht teilweise still. VW hofft auf staatliche Durchsetzungskraft.

Wolfsburg | Fast 28.000 VW-Mitarbeiter können wohl noch bis Ende August nicht so arbeiten, wie sie eigentlich würden. Ihnen fehlen Teile, die zum Autobau benötigt werden, weil sich ihr Arbeitgeber im Clinch mit seinen Zulieferern befindet. Frühestens Ende dieser Woche könnte VW die Möglichkeit haben, sich die fehlenden Teile per Gerichtsvollzieher zu besorgen.

Der VW-Fall zeigt die große Macht der kleinen Zulieferer in der Autoindustrie. Beobachter meinen, VW und andere Hersteller dürften sich nicht nur von einem einzelnen Lieferanten abhängig machen. Was Sie über den Streit wissen müssen.

Das für die anhängigen einstweiligen Verfügungen zuständige Landgericht Braunschweig rechnet „nicht vor Ende dieser Woche“ damit, dass die nächsten nötigen Schritte erfolgen. Derzeit stehe noch eine finale Entscheidung aus. Ohne sie könne VW den Gerichtsvollzieher noch nicht bemühen. Trotz des Eilverfahrens vor Gericht, in dem der Autobauer bisher Etappensiege einfuhr, ist die Sache damit für VW noch immer eine Frage mehrerer Tage.

Hoffnung auf „gütliche Einigung“

VW selber hatte bisher lediglich mitgeteilt, die harte Gangart einer „zwangsweisen Durchsetzung der Belieferung“ vorzubereiten. Und zwar: „mit den uns zur Verfügung stehenden gesetzlich vorgesehenen Mitteln. Dazu gehören Ordnungsgeld, Ordnungshaft, Beschlagnahme“.

Für VW habe aber weiter eine „gütliche Einigung“ am Verhandlungstisch Priorität, erklärte der Autobauer mehrfach. Auch die VW-Partner bekundeten ihren Kompromisswillen. Auch am Montag hieß es von VW: Der schnellste Weg für eine Lösung sei weiterhin eine rasche Einigung.

Das Prozedere am Gericht ist kompliziert: Das zwangsweise Durchsetzen erfordert einen Beschluss, der nur auf Antrag ergeht. Den hat VW zwar schon gestellt. Doch er muss vor einer abschließenden Entscheidung mit der Gelegenheit zur Reaktion zunächst der Gegenpartei übermittelt werden. Und auch der finale Beschluss im Anschluss daran - sollte er zugunsten VW ausfallen - müsste erst noch beiden Parteien zugestellt werden. Dabei sei dann aber keine sogenannte „Empfangsbekenntnis“ und auch keine Stellungnahme mehr nötig, erläuterte ein Gerichtssprecher.

Der Lieferstopp zweier Teilehersteller hat Großteile der Produktion bei Volkswagen empfindlich durcheinander gewirbelt. In Emden, Wolfsburg, Zwickau, Kassel, Salzgitter und Braunschweig sind 27.700 Mitarbeiter betroffen. Sie können teils noch bis Ende August nicht so arbeiten, wie es eigentlich geplant sei. „Durch einen Lieferstopp, den externe Lieferanten ausgelöst haben, ist die Versorgung der Produktion mit Bauteilen mehrerer Volkswagen-Werke unterbrochen“, teilte VW am Montag in Wolfsburg mit.

Der Autobauer sprach von „Flexibilisierungsmaßnahmen bis hin zu Kurzarbeit“. Die weitere Entwicklung sei „nicht absehbar“, schrieb das Unternehmen. „Volkswagen versucht weiterhin, eine Einigung mit den Lieferanten herbeizuführen.“ Die Probleme in den Werken reichen zeitlich vom 18. August für das Passat-Werk in Emden bis hin zum 30. August für das Motoren-Werk in Salzgitter.

Über alle Standorte hinweg seien folgenden Modelle und Produkte betroffen: Von der Golf- und Passat-Fertigung über den Bau von Getrieben und Abgasanlagen über die Motoren bis hin zur Fahrwerkteile- sowie Kunststoffteilefertigung.

Die meisten Mitarbeiter sind mit rund 10.000 Menschen in Wolfsburg betroffen. In Emden sind es 7500, in Zwickau 6000, in Kassel 1500, in Salzgitter 1400 und in Braunschweig 1300.

VW soll „frist- und grundlos“ Verträge gekündigt haben

Der Produktionsstopp bei Volkswagen hängt aus Sicht von VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh zweifelsfrei am Verhalten des VW-Partners, der seine Teilezulieferungen eingestellt hat. „Nach unserer Auffassung liegt die Verantwortung eindeutig beim Zulieferer. Oder glauben Sie, wir als Betriebsrat fragen nicht, wessen Schuld es ist, dass unsere Kollegen zu Hause bleiben müssen“, sagte Osterloh der „Bild“-Zeitung.

Die beteiligten Zulieferer sehen die Lage anders als Osterloh und der Konzern. Sie reklamieren für sich, VW zwinge sie zu dem Lieferstopp, da der Autobauer „frist- und grundlos“ Aufträge gekündigt habe und einen finanziellen Ausgleich dafür ablehne. Es geht dabei um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Der Lieferstopp geschehe zum Selbstschutz und im Kampf für die Zukunft der eigenen Mitarbeiter.

Der Lieferstopp des sächsischen VW-Teileherstellers ES Automobilguss versetzt auch die dortige Belegschaft in Zukunftsangst. Die Sorgen bei den rund 350 Mitarbeitern und deren Familien seien groß, die Informationen aus dem Unternehmen dünn, hieß es am Montag aus Kreisen der Belegschaft. Für Dienstag ist bei ES Guss in Schönheide im Erzgebirge eine Betriebsversammlung geplant. Daraus erhofften sich die Arbeitnehmervertreter Antworten auf die vielen Fragen zur Zukunft des Zulieferers, der auf Gussgetriebeteile spezialisiert ist und aktuell mit einem Lieferstopp den Autobauer Volkswagen lahmlegt. Das Unternehmen teilte mit, es sei zum Lieferstopp gezwungen, da VW zuerst seinerseits vertragswidrig gehandelt habe.

Das Einbehalten der Teile sei zwingend notwendig, „um unsere eigenen Mitarbeiter in Niedersachsen und Sachsen zu schützen und letztlich den Fortbestand des Unternehmens zu sichern“, schreibt ES Guss. Dem Zulieferer droht in der Branche ein enormer Reputationsschaden. Die Folgen für die Mitarbeiter des Mittelständlers sind ungewiss.

Daimler streitet sich mit gleichem Zulieferer

Der zweite VW-Zuliefer, wegen dem es zu Verzögerungen kommt, ist Prevent. Außer Volkswagen streitet auch der Autobauer Daimler mit Prevent vor Gericht. Vor dem Landgericht Braunschweig wolle der Lieferant 40 Millionen Euro Schadenersatz erstreiten, sagte ein Sprecher des Gerichts am Montag.

Prevent sehe demnach Verträge von Daimler als nicht erfüllt und nicht wirksam beendet an. Am Dienstag werde zunächst die Frage geklärt, welche Kammer überhaupt für das Verfahren zuständig ist.

Weder Daimler noch Prevent wollten sich zu dem Verfahren äußern. Eine Daimler-Sprecherin bestätigte Lieferbeziehungen mit Prevent und Prevent-Gesellschaften. Es gebe aber keine Lieferschwierigkeiten. Car Trim sei derzeit kein Serienlieferant von Mercedes-Benz. Die ES Automobilguss habe den Stuttgarter Autobauer früher beliefert.

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erstellt am 22.Aug.2016 | 15:54 Uhr

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