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Wirtschaft

09. Dezember 2016 | 10:45 Uhr

Abgas-Skandal bei Volkswagen : Südkorea stoppt Verkauf fast aller VW-Autos

vom

Für 80 Modellvarianten wird ein Verkaufsstopp angeordnet. Betroffen sind 83.000 Autos - auch von Audi und Bentley.

Seoul | Vor dem Hintergrund der Ermittlungen zum Abgas-Skandal bei Volkswagen hat Südkorea den Verkaufsstopp von 80 Modellvarianten des deutschen Autobauers im Land angeordnet. Das sind fast alle VW-Fahrzeuge. Die Zulassungszertifikate von 83.000 Autos der Marken Volkswagen, Audi und Bentley seien zurückgezogen worden, teilte das Umweltministerium am Dienstag mit.

Südkorea ist als zweitgrößter Markt für Dieselfahrzeuge in Asien höchst lukrativ für Autobauer. Doch das Land ist auf Sauberkeit bedacht. Seit November sei bereits bei 200.000 Fahrzeugen die Zulassung entzogen worden, schreibt das Handelsblatt. Der VW-Absatz in Südkorea ist in der ersten Jahreshälfte eingebrochen. Für VW selbst ist Südkorea eher ein kleiner Markt, aber Audi und Bentley sind sehr gefragt.

Mit dem erwarteten Verkaufsverbot reagierte das Umweltministerium am Dienstag auf Unregelmäßigkeiten, die in Dokumenten über Emissionswerte und Lärmtests gefunden wurden. Der Autobauer wird beschuldigt, Unterlagen geschönt zu haben, um so die Zulassung für Importautos zu erhalten.

VW muss auch 17,8 Milliarden Won (14,3 Millionen Euro) Strafe zahlen. Das Unternehmen werde alle „verfügbaren Maßnahmen“ gegen den Verkaufsstopp in Erwägung ziehen, sagte eine Sprecherin von Audi Volkwagen Korea in Seoul. Dazu gehörten auch rechtliche Schritte.

Es seien von dem jetzigen Verkaufsstopp 80 Modelle unter 32 verschiedenen Homologation-Dokumenten betroffen. „Das ist eine der strengsten Sanktionen, die sie gegen uns verhängen konnten.“ Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft seien noch im Gange. Mit Homolgation wird das Zulassungsverfahren bezeichnet. 

Volkswagen bedaure die jetzige Situation sehr, hieß es. Man werde weiter mit dem Umweltministerium kooperieren, „um das Vertrauen der Dealer und Verbraucher zurückzugewinnen“. VW war der Strafe der Behörden vor anderthalb Wochen zuvorgekommen und hatte freiwillig die Auslieferung von 79 Modellen vorläufig gestoppt. Damit wollte Volkswagen nach eigenen Angaben der „Konfusion im Markt“ etgegentreten.      

Nach eigenen Abgastests bei mehreren Modellen der Marken VW und Audi hatten die Behörden im vergangenen November eine Rückrufaktion angeordnet. Betroffen sind Autos mit Dieselmotoren der Bauart EA 189, die vor allem zwischen 2008 und 2015 verkauft wurden. Dem Unternehmen wird allerdings vorgeworfen, bislang nur mangelhafte Rückrufpläne für mehr als 125.000 Diesel-Fahrzeuge eingereicht zu haben. VW hatte bei mehr als elf Millionen Fahrzeugen weltweit Abgastests manipuliert.

In Südkorea hatten ausländische Marken, insbesondere deutsche Marken, in den vergangenen Jahren ihre Marktpräsenz ausbauen können. Dennoch ist das Land für den VW-Konzern ein vergleichsweise kleiner Markt. In der ersten Hälfte 2016 hatten Audi und VW in Südkorea nach Angaben eines Branchenverbands mit mehr als 25.500 Autos zusammen einen Marktanteil bei Importwagen von etwa 22 Prozent. Der Absatz beider Marken ging in dieser Zeit im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurück.  

Die Ereignisse in der Abgas-Affäre bei VW in der Chronologie:

3. September

Volkswagen räumt gegenüber der US-Umweltbehörde EPA Manipulationen bei Abgastests von Dieselfahrzeugen ein.

18. September

Die EPA teilt mit, VW habe eine Software eingesetzt, um Test-Messungen des Schadstoffausstoßes künstlich zu drücken.

22. September

Der Konzern gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen für bevorstehende Umrüstungen an.

23. September

Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn. „Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren“, erklärt er seinen Schritt.

25. September

Der VW-Aufsichtsrat beruft Porsche-Chef Matthias Müller zum Konzernchef und trifft weitere Personalentscheidungen.

28. September

Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen.

6. Oktober

Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für die Jobs bei VW.

7. Oktober

Erneutes Krisentreffen der Aufseher, VW-Finanzchef Hans Dieter Pötsch wird an die Spitze des Kontrollgremiums gewählt. Nach Aussage Müllers kann der Rückruf im Januar 2016 beginnen.

8. Oktober

Razzia bei VW. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ordnet Durchsuchungen in Wolfsburg und an anderen Orten an. VW-US-Chef Michael Horn muss dem US-Kongress Rede und Antwort stehen.

10. Oktober

Eine weitere Software zur Emissionskontrolle gerät ins Visier der US-Behörden. VW betont: Dieses Programm habe mit den Manipulationsvorwürfen nichts zu tun, es wärme Katalysatoren vor.

13. Oktober

Wegen der hohen Kosten für den Abgas-Skandal will VW eine Milliarde Euro weniger pro Jahr als bislang geplant investieren.

15. Oktober

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

16. Oktober

Das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen unterstützt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft mit einer Sonderkommission. Von Daimler wechselt Vorstandsfrau Christine Hohmann-Dennhardt zum 1. Januar 2016 als neue Leiterin für Recht und Integrität zu VW.

17. Oktober

Der Volkswagen-Mehrheitseigner Porsche SE teilt mit, dass Winterkorn auch hier seinen Vorstandsvorsitz niederlegt.

21. Oktober

VW stoppt in der EU den Verkauf von Neuwagen im Lagerbestand, die noch ältere Motoren mit der Betrugssoftware haben. Müller betont, noch gebe es keine direkten Folgen für die Jobs.

22. Oktober

Der Konzern prüft, ob auch die frühe Version vom Nachfolger des Skandalmotors EA 189 von den Manipulationen betroffen sind. Untersuchungen ergeben, dass dies laut VW nicht der Fall ist.

28. Oktober

Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern belief sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

2. November

Die VW-Dieselaffäre weitet sich aus. Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA sind nun auch 3-Liter-Motoren betroffen.

13. November

Trotz immenser Kosten des Skandals sagt VW-Markenchef Diess der dpa: „Ich sehe keine Bedrohung für die Stammbelegschaft.“

20. November

Mit großen 3,0-Liter-Dieselmotoren in Modellen von VW, Audi und Porsche geraten noch mehr Autos ins Visier der US-Aufseher.

24. November

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft den Verdacht der Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit den falschen CO2-Angaben.

2. Dezember

Auch der Zulieferer Bosch gerät unter Druck. In den USA gibt es eine Anklage wegen angeblicher Komplizenschaft im Fall VW.

4. Januar 2016

Die US-Regierung reicht gegen VW Klage wegen des Einsatzes von Betrugs-Software und Klimaschutzgesetz-Verstößen ein.

11. Januar

Bei der Automesse in Detroit kündigt VW-Chef Müller an, US-Kunden unter anderem mit Einkaufsgutscheinen zu entschädigen.

12. Januar

Die kalifornische Umweltbehörde Carb lehnt einen Rückrufplan von Volkswagen ab und fordert Nachbesserungen.

13. Januar

Spitzentreffen von Müller mit EPA-Chefin Gina McCarthy.

27. Januar

Frühstart beim Rückruf in Deutschland: Trotz fehlender Genehmigung des KBA werden schon erste Amarok-Modelle umgerüstet

5. Februar

VW verschiebt seine Jahresbilanz und Hauptversammlung. Dafür werden später der 28. April und der 22. Juni genannt.

7. März

Zu Klagen von Anlegern lehnt VW Schuldzuweisungen an die frühere Spitze um Ex-Chef Winterkorn ab. Aufsichtsrat Wolfgang Porsche fordert im dpa-Gespräch eine neue Gesprächskultur bei VW.

8. März

Im internen Teil einer Betriebsversammlung gibt es massive Kritik an Diess aus dem Betriebsrat. Konzernkreisen zufolge sollen bis Ende 2017 über 3000 Verwaltungsstellen bei VW wegfallen.

9. März

Laut Medienberichten hat das US-Justizministerium seine Untersuchungen auf den Verdacht des Bankbetrugs und mögliche Verstöße gegen Steuergesetze bei VW ausgedehnt. US-Chef Michael Horn tritt ab.

15. März

Am Landgericht Braunschweig verklagen Großinvestoren VW auf 3,255 Milliarden Euro Schadenersatz. Die dort geforderte Gesamtsumme liegt bei über 3,7 Milliarden Euro. Bei der für Auto-Finanzierungen und Leasing zuständigen Finanzsparte steigt der Spardruck. Auch der US-Staranwalt Michael Hausfeld will in Deutschland gegen VW vorgehen.

16. März

Es gibt Anzeichen, dass sich der Rückruf-Start beim Passat wegen möglichen Mehrverbrauchs nach der Umrüstung verzögern könnte. Im ersten deutschen Schadenersatz-Prozess eines Privatkunden urteilt das Landgericht Bochum, dass VW den Wagen nicht zurücknehmen muss.

17. März

Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge verhandelt VW mit den US-Behörden um die Einrichtung zweiter Umweltfonds. Die Fördertöpfe zugunsten von klimafreundlichem Personenverkehr und emissionsfreier Fahrzeuge könnten ein Schlüssel für einen Vergleich im Rechtsstreit mit den USA sein.

13. April

Top-Manager des Volkswagen-Konzerns verzichten auf einen Teil ihrer Bonus-Zahlungen.

21. April

 Richter Breyer verkündet eine Grundsatzeinigung zwischen VW und den US-Behörden. Viele Details dazu sind aber noch offen.

22. April

Der Abgas-Skandal brockt VW für 2015 mit 1,6 Milliarden Euro den größten Verlust aller Zeiten ein. Der Bericht der US-Kanzlei Jones Day zur Schuldfrage verschiebt sich auf unbestimmte Zeit.

31. Mai

Die VW-Kernmarke, die die Hauptlast des Skandals schultert, kann im ersten Quartal nur noch knapp den Sturz in die roten Zahlen vermeiden.

16. Juni

Volkswagen will sich nach dem Abgas-Skandal grundlegend neu aufstellen und die Elektromobilität massiv ausbauen. Weitere Schwerpunkte sind das autonome Fahren und neue Mobilitätsdienstleistungen. Das sieht eine neue Konzernstrategie vor.

22. Juni

VW wirbt bei der Hauptversammlung mit einer Mischung aus Demut und Reformwillen bei seinen Aktionären um Rückhalt für den Weg aus der Abgas-Affäre. Die Führungsspitze des Konzerns wird hart kritisiert.

28. Juni

VW muss voraussichtlich bis zu 14,7 Milliarden Dollar (13,3 Milliarden Euro) wegen des Abgas-Skandals in den USA zahlen. Dies sieht ein Vergleich vor. Die betroffenen Wagen sollen zurückgekauft oder umgerüstet werden.

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erstellt am 02.Aug.2016 | 11:19 Uhr

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