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Wirtschaft

29. August 2016 | 09:08 Uhr

Kollisionsrisiken von Vögeln mit Windrädern : Studie: Mäusebussard ist neuer Problemvogel für die Windkraft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die bisher größte Studie zu Kollisions-Risiken sieht den geschützten Mäusebussard durch Rotoren im Bestand bedroht.

Kiel/Bielefeld | Dem Windkraftausbau droht ein neuer Stolperstein: In den Flügeln der Mühlen kommen so viele Mäusebussarde zu Tode, dass die Rotoren für die geschützte Greifvogel-Art „potenziell bestandsgefährdend“ sind. Diese Bilanz zieht der Tier-Verhaltensforscher Oliver Krüger von der Universität Bielefeld aus der bisher weltweit größten Studie zu Kollisionsrisiken von Vögeln mit Windrädern. Schleswig-Holstein war ein Schwerpunkt der Untersuchung, die Funde in insgesamt 55 Windparks in Norddeutschland ausgewertet hat. Allein für das nördlichste Bundesland hat Studien-Mitautor Krüger jährlich 1600 tote Mäusebussarde durch Windkraftanlagen hochgerechnet.

Die starke Betroffenheit des Mäusebussards „war für uns die große negative Überraschung unserer Studie“, sagte der Bielefelder Professor dem führenden Vogel-Magazin „Der Falke“. „Der Mäusebussard tauchte in den Betrachtungen zur Windenergie bisher überhaupt nicht auf.“ Anders als zum Beispiel der Rotmilan. Die vom Aussterben bedrohte Art hat in Schleswig-Holstein bereits zahlreiche Windkraftprojekte verhindert, wenn die Mühlen Mindestabstände zu Nistplätzen nicht einhalten.

Das könnte der Mäusebussard ihnen nun im Lichte der vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen und bisher nur in Auszügen veröffentlichten Studie gleichtun. Denn: Laut Bundesnaturschutzgesetz muss jede erhebliche Störung einer geschützten Vogelart unterbleiben. Dafür reicht es aus, so heißt es dort weiter, „wenn sich durch die Störung der Erhaltungszustand der lokalen Population einer Art verschlechtert“.

Krüger ahnt denn auch über die neue Studie: „Die Ergebnisse haben eine gewisse politische Dimension.“ Der Bielefelder Professor forscht derzeit in der Antarktis und ist für weitergehende Anfragen auch per Mail nicht erreichbar.

Oliver Krüger
Oliver Krüger Foto: Universität Bielefeld

Besonders pikant: Seit der Jahrtausendwende ist der Brutbestand des Mäusebussards im Norden laut Landes-Artenschutzbericht bereits um 70 Prozent zurückgegangen. Und: „Windkraftanlagen sind nicht der einzige Faktor, der den Mäusebussard beeinträchtigt“, gibt Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut für Vogelschutz des Nabu in Bergenhusen (Kreis Schleswig-Flensburg) zu bedenken. Auch der rückläufige Grünland-Anteil in der Landwirtschaft senke die Reproduktionsrate. Gleiches gelte für die starke Zunahme von Eulen, die bevorzugt Mäusebussarde fressen. Lars Lachmann, Vogelschutz-Experte des Nabu-Bundesverbands, stellt heraus: „Neu ist, dass der Blutzoll durch Rotoren so groß ausfällt, dass das selbst eine vergleichsweise große Population wie die des Mäusebussards nicht mehr verträgt.“ Naheliegend sind für Lachmann Mindestabstände von 500 bis 1000 Metern von Mühlen zu Nestern – „allerdings flögen dann viele Flächen für die Windkraft raus.“ Zum Ausgleich für Schlagopfer sollten anderenorts Reservate für den Mäusebussard geschaffen werden, über gezielte Förderprogramme für eine umweltverträgliche Landwirtschaft, „möglicherweise von der Windkraftbranche finanziert“. Und: Für Standorte, wo besonders viele Mäusebussarde den Tod finden, schlägt Lachmann nach Ablauf der regulären Betriebszeit jetziger Anlagen vor, keine neuen zu genehmigen.

Die Landesgeschäftsführerin des Bundesverbands Windenergie (BWE), Nicole Knudsen, treibt die „Sorge vor „einem weiteren Hemmschuh für die Energiewende“ um. „Wir nehmen die Studie sehr ernst, haben aber noch keinen Plan B.“ In einem BWE-Arbeitskreis aus Windmüllern, Projektierern und Naturschützern werde über Konsequenzen debattiert. Erster Schritt: „Wir empfehlen Windmüllern, das Umfeld der Anlage so unattraktiv für Mäusebussarde wie möglich zu machen.“ Damit meint sie Schotter auszubringen oder Mais anzupflanzen – „dann halten sich da keine Mäuse auf“. Dabei wiederum heikel: Den Maisanbau sehen die Vogelschützer grundsätzlich als Grund für die Abnahme der Artenvielfalt und damit des Mäusebussards. „Um die Dimension eines Mäusebussard-Problems endgültig abschätzen zu können“, fordert Knudsen „weitere Untersuchungen“.

Das Kieler Energiewendeministerium sieht sich erst nach Veröffentlichung des Abschlussberichts der Studie in der Lage, mögliche Auswirkungen auf die Nutzung der Windenergie einzuschätzen. Bisher sei zum Beispiel unklar, zu welcher Jahreszeit und in welchen Gebieten genau es tote Mäusebussarde gegeben habe. „Diese Informationen sind aber wichtig, um bewerten zu können, ob die Totfunde der Brutpopulation oder aber der Überwinterungs- oder Durchzugspopulation zuzurechnen sind“, betont Ministeriumssprecherin Nicola Kabel. Das müsse man wissen, „wenn Vermeidungsmaßnahmen geplant werden sollen“.

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erstellt am 07.Mär.2016 | 06:30 Uhr

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