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Wirtschaft

11. Dezember 2016 | 13:05 Uhr

Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit : Streiks bei der Lufthansa am Dienstag: Was Passagiere wissen müssen

vom

Am Dienstag sollen Kurzstrecken, am Mittwoch Langstrecken bestreikt werden. shz.de mit Fragen und Antworten.

Frankfurt/München | Die Lufthansa sagt wegen der erneuten Pilotenstreiks Hunderte Flüge am Dienstag ab. 816 Verbindungen vor allem auf der Kurz- und Mittelstrecke würden gestrichen, teilte die Lufthansa am Montag mit. Am Mittwoch fielen zudem 890 Verbindungen auf der Kurz-, Mittel- und Langstrecke aus.

Die Lufthansa will gegen die Streiks gerichtlich vorgehen. Die Fluggesellschaft habe am Montag beim Arbeitsgericht München eine einstweilige Verfügung eingereicht, erklärte ein Sprecher. Der Konzern halte die Lohnforderungen der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) für in Teilen rechtswidrig.

VC hatte in dem festgefahrenen Tarifkonflikt am Sonntagabend abermals zu Streiks für Dienstag und Mittwoch aufgerufen. Ein Angebot des Konzerns hatten die Piloten am Wochenende abgelehnt. Lufthansa hatte ein Gehaltsplus von 4,4 Prozent eine Einmalzahlung von 1,8 Monatsgehältern und Neueinstellungen vorgeschlagen. VC sieht darin „kein verhandlungsfähiges Angebot.“ Sie fordert Tariferhöhungen von zusammen 22 Prozent über fünf Jahre bis April 2017.

Darum geht es beim Streik:

Wie lange wollen die Piloten noch streiken?

Das sagt die Gewerkschaft VC nicht. Laut Sprecher Jörg Handwerg gibt es kein festgelegtes Ende. Daraus kann man schließen, dass die VC den Streik vorerst immer wieder um einen Tag verlängern wird, um das Unternehmen zu einem verbesserten Lohnangebot zu zwingen. Für den kommenden Mittwoch hat die VC eine Piloten-Demonstration am Frankfurter Flughafen angemeldet. Bei einem fortgesetzten Streik wäre das der achte Tag und damit der längste Streik in der Geschichte der Lufthansa. Vor gut einem Jahr hatten die Flugbegleiter ebenfalls über eine Spanne von acht Tagen die Arbeit niedergelegt, dabei aber einen Tag ausgelassen. In der Folge wurde dieser Konflikt unter Anleitung des SPD-Politikers Matthias Platzeck geschlichtet.

Warum kommen Piloten und Lufthansa nicht zusammen?

Seit Beginn des Konflikts geht es im Hintergrund um die künftige strategische Ausrichtung des Lufthansa-Konzerns, sind sich die meisten Luftverkehrsexperten einig. Anfangs hatte die VC noch klar kommuniziert, dass sie den schnellen Ausbau der Billigtochter Eurowings mit schlechter bezahlten Piloten verhindern will. Doch genau darin sieht Lufthansa-Chef Carsten Spohr den einzigen Weg, sich gegen Billigflieger wie Ryanair und Easyjet zur Wehr zu setzen. Der Lufthansa-Konzern will in seinem Stammgebiet (Deutschland-Schweiz-Österreich-Belgien) auch bei den Europaflügen Marktführer bleiben. Das sei zu Lufthansa-Kosten nicht möglich, so dass die VC-Forderung unmittelbar die Zukunft des Konzerns gefährde.

Warum wird jetzt nur über die Gehälter gesprochen?

Das hängt mit dem Urteil des Landesarbeitsgericht Hessen aus dem September 2015 zusammen, das der VC bei der Streikrunde 13 vorgehalten hatte, in der Eurowings-Frage rechtswidrig für nicht tariffähige Themen zu streiken. Die VC hat daraus die Konsequenz gezogen, offiziell nur noch Forderungen für eng gefasste Tarifthemen zu formulieren. Neben dem Gehalt sind auch noch Tarifverträge zu den Betriebsrenten und zur Übergangsversorgung offen. Auch für diese Themen könnte gestreikt werden. Tatsächlich ist es der VC gelungen, ihren Arbeitskampf juristisch unangreifbar zu machen: Lufthansa ist mit entsprechenden Klagen gescheitert.

Was kostet der Streik und wie lange kann die Lufthansa das aushalten?

Bei einem Streik auf allen Strecken macht die Lufthansa einen Verlust von rund 10 Millionen Euro pro Tag. Dabei kommt ihr nach den Worten von Vorstand Harry Hohmeister gelegen, dass in der Nebensaison nicht so viele Kunden unterwegs sind. Aber es gibt auch eine spürbare Zurückhaltung bei den mittelfristigen Buchungen, was die Börse zunehmend beunruhigt. Seit der ersten Streikankündigung vom Montag haben die Papiere des DAX-Konzerns gut 2,5 Prozent verloren. Da es aus seiner Sicht aber um die Zukunftsfähigkeit des Konzerns geht, ist auch Spohr ein sehr langer Atem zuzutrauen. Lufthansa hat zudem im vergangenen Geschäftsjahr einen Rekordgewinn abgeliefert und steht auch 2016 nicht schlechter da.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Lösungen können nur am Verhandlungstisch gefunden werden, möglicherweise unter Anleitung eines Schlichters. Er könnte sich dem aktuell bestreikten Gehaltsthema zuwenden oder im Rahmen einer Gesamtschlichtung alle offenen Tarifthemen behandeln. Beide Möglichkeiten hat die Lufthansa in diesem Jahr bereits vorgeschlagen, ohne dass die VC eingewilligt hätte. Monatelange Sondierungen nach der 13. Streikrunde hatten die Eurowings-Frage wohl eingeschlossen, führten aber auch nicht zum Ergebnis. Vor allem herrschte ein großes gegenseitiges Misstrauen, weil Zwischenergebnisse immer wieder angezweifelt oder vom Tisch genommen wurden. Das spricht nach Einschätzung des IW-Tarifexperten Hagen Lesch sehr für den Einsatz eines neutralen Vermittlers. Nachteil einer langwierigen Schlichtung aus Sicht der VC: Lufthansa schafft derzeit in hohem Tempo Fakten bei der Eurowings, die mit gemieteten Air-Berlin-Jets und Maschinen der Tochter Brussels nahezu verdoppelt werden soll.

Könnte es eine Zwangsschlichtung geben?

Die vom CDU-Wirtschaftsflügel geforderte Zwangsschlichtung gibt es nach deutschem Recht nicht, weil sie in die Belange der verfassungsrechtlich geschützten Tarifpartner eingreifen würde. In der Weimarer Republik hatte man nach großen Streikwellen 1923 eine staatlich kontrollierte Zwangsschlichtung eingeführt, die dem Arbeitsminister das letzte Wort zubilligte. Nun sei ein Gesetzentwurf der Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) gefordert, meint Unionsfraktionsvize Michael Fuchs. Doch die sieht offenbar keinen Handlungsbedarf und würde dafür auch keinen Rückhalt bei den Gewerkschaften finden. „Die Tarifautonomie gilt, und deswegen ist es jetzt den Tarifpartnern überlassen, da eine Lösung zu finden»“, sagte Gabriels Sprecher noch am Freitag in Berlin.

 

Was betroffene Passagiere wissen müssen:

Wohin kann ich mich wenden?

Passagiere erreichen Lufthansa unter 0800/850 60 70 (kostenlos aus dem Festnetz, Mobilfunk abweichend). Ob ihr Flug betroffen ist, sehen sie auf Lufthansa.com unter der Rubrik „Flugstatus“.

Kann ich meinen Flug umbuchen oder stornieren?

Bei gestrichenen Flügen dürfen Kunden ihr Ticket kostenlos stornieren oder umbuchen. Letzteres gilt für Flüge bis zum 30. November auch, wenn sie nicht vom Streik betroffen sind. Dies betrifft Buchungen bei Lufthansa, Swiss, Austrian Airlines und Brussels Airlines ab oder nach Frankfurt, München oder Düsseldorf, bei denen die Tickets bis zum 28. November ausgestellt wurden. Der neue Reisezeitpunkt muss dabei vor dem 31. März 2017 liegen und der Originaltarif beibehalten werden. Bei innerdeutschen Verbindungen können Kunden auf die Deutsche Bahn ausweichen. Dafür lässt sich das Ticket unter „Meine Buchungen“ in eine Bahnfahrkarte umwandeln.

Kann ich jetzt Lufthansa-Flüge an Weihnachten vorsorglich stornieren?

Nein. Fluggäste können Flüge außerhalb des Streikzeitraums laut einer Lufthansa-Sprecherin nicht auf Verdacht gebührenfrei stornieren oder umbuchen. Wer also im Besitz eines Tickets für einen Flug in einigen Tagen oder Wochen ist, kann es nicht aus Angst vor einem Andauern des Streiks kostenfrei zurückgeben.

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erstellt am 28.Nov.2016 | 15:17 Uhr

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