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Wirtschaft

06. Dezember 2016 | 17:11 Uhr

Nach Brexit-Votum und US-Wahl : Schwächeres Wachstum: Härtere Zeiten für die deutsche Wirtschaft?

vom

Die deutsche Wirtschaft drosselt ihr Tempo. Ist das dritte Quartal ein Ausreißer oder Vorbote für das kommende Jahr?

Der Gegenwind für die deutsche Konjunktur nimmt zu: Erste Bremsspuren zeigen sich im dritten Quartal. Der Export schwächelt nach dem Brexit-Votum, Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück. Das Wachstum von Europas größter Volkswirtschaft halbiert sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von Juli bis September gegenüber dem Vorquartal auf 0,2 Prozent. Rauer könnte das Klima im kommenden Jahr werden, wenn Donald Trump sein Amt als US-Präsident antritt und die Briten tatsächlich die Scheidung von der Europäischen Union einleiten.

„Die Abstimmungen in den USA und Großbritannien haben Abschottung und Protektionismus binnen weniger Monate auf einen Spitzenplatz in der Tabelle der globalen Risiken für unser Wachstum katapultiert“, sagt KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner. Die USA sind für Waren „Made in Germany“ der wichtigste Einzelmarkt, Großbritannien ist der drittwichtigste. Mehr als 1,5 Millionen deutsche Jobs hängen laut Ifo-Institut derzeit am US-Geschäft.

Trump hatte im Wahlkampf Freihandelsabkommen kritisiert und protektionistische Töne angeschlagen. „Der seit zwei Jahren stagnierende Welthandel dürfte in diesem Umfeld wohl nicht zu alter Stärke finden“, fürchtet Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Auf lange Sicht ist der Protektionismus Trumps ein Problem für das Exportland Deutschland.“

Auch der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank Vítor Constâncio warnt vor einer zunehmenden Abschottung der Märkte. „Der Welthandel, der bereits recht schwach ist, könnte weiter zusammenbrechen und alle offenen Volkswirtschaften treffen, die vom Export abhängig sind.“ Die Welthandelsorganisation WTO rechnet bereits in diesem Jahr mit dem langsamsten Wachstum des globalen Handels seit der Finanzkrise 2009.

Schon vor der US-Wahl gingen führende Ökonomen Deutschlands davon aus, dass Europas größte Volkswirtschaft im kommenden Jahr etwas schwächer wachsen wird. Die Experten rechneten in ihrem Herbstgutachten mit einem Wachstum von 1,4 Prozent nach 1,9 Prozent in diesem Jahr. Das liegt allerdings auch daran, dass es 2017 wegen der Lage einiger Feiertage weniger Arbeitstage gibt. Bereinigt um diesen Effekt würde das Plus bei 1,6 Prozent liegen.

Wachstumstreiber dürfte vor allem der Konsum bleiben. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Verbraucher sind in Kauflaune. Auch wenn sie angesichts höherer Preise an den Zapfsäulen und allmählich steigender Inflation inzwischen etwas skeptischer sind, ist die Konsumlust nach wie vor groß.

Hinzu kommen die Ausgaben des Staates für die Unterbringung und Versorgung Hunderttausender Flüchtlinge sowie der bislang ungebrochene Bauboom. Investoren flüchten in der Zinsflaute in Betongold, Verbraucher nutzen billige Immobilienkredite, um den Traum vom Eigenheim zu verwirklichen.

Die Binnenkonjunktur sollte stark genug sein, um in den kommenden Quartalen für ein solides Wachstum zu sorgen, sagt ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski voraus. Das geringere Wachstumstempo von Juli bis September bereitet Ökonomen kein Kopfzerbrechen. Denn die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hatte sich quer durch alle Branchen zuletzt überraschend kräftig verbessert. „Die schwächere Wachstumsdynamik ist aus unserer Sicht kein Anlass zur Sorge“, meint Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland bei Unicredit.

Die Sorgen vor starkem Gegenwind im kommenden Jahr sind dagegen gewachsen. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding rechnet mit monatelanger Unsicherheit nach der Trump-Wahl, bis klar ist, welche seiner radikalen Wahlversprechen der Republikaner wahr machen werde. Für Investoren sei solch ein Umfeld Gift. „Wir haben ein Klima der Vorsicht, und solch ein Klima wird jetzt weiter bestärkt“, sagte Schmieding jüngst. Er erwarte, dass es „auch im kommenden Jahr nur eine verhaltene Investitionstätigkeit in der westlichen Welt geben wird“.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben, formuliert es so: „Deutschland als Industrie- und Exportnation ist darauf angewiesen, dass es seine Stärken auf offenen Märkten im fairen Wettbewerb zum Tragen bringen kann.“

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erstellt am 15.Nov.2016 | 16:10 Uhr

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